Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1260.

„Man darf sich nicht aufgeben“

Lenka Reinerová ist gestorben

Nun gibt es sie nur noch in Büchern, die deutschsprachige jüdische Literatur aus Prag. Am 27. Juni ist Lenka Reinerová in ihrer Heimatstadt gestorben.

Geboren 1916 noch als k. u. k. Untertanin, erlebte sie mehr Staatsformen, Umbrüche, Verwerfungen, als für ein Leben gut ist. Zur Schule ging sie in der 1918 gegründeten Tschechoslowakei. Mit dem Exil machte sie schon früh Erfahrungen, lernte sie doch die journalistischen Grundbegriffe in der von Berlin nach Prag geflohenen „Arbeiter Illustrierten Zeitung“ unter Chefredakteur F. C. Weiskopf. Schnell war sie in den Kreis um Egon Erwin Kisch integriert.

Schon bald mußte auch sie ins Exil gehen. Als die Deutschen in Prag einmarschierten, befand sie sich gerade in Bukarest. Das rettete ihr das Leben, denn in einem Telefongespräch beschwor ihre Schwester sie, nicht zurückzukehren. Es begann eine sechsjährige Odyssee durch Frankreich, Marokko und Mexiko, bevor sie 1945 wieder nach Europa zurückkehrte. Zuerst nach Belgrad, der Heimat ihres Mannes Theodor Balk, den sie in Mexiko geheiratet hatte, dann weiter nach Prag.

Doch was für ein Prag war das? „War ich hier überhaupt noch zu Hause? Ich mußte mich an Prag erst wieder allmählich herantasten. Die Burg und die Kirchen, die Häuser und die Brücken standen zum Glück noch wie einst und je da, sogar ziemlich unversehrt, ohne klaffend aufgerissene Lücken wie in Belgrad. Das war tröstlich. Aber die Straßen mit den vielen Menschen schienen mir fremd. Mein Blick wanderte von Gesicht zu Gesicht, keines war mir vertraut.“ So beschrieb sie in „Zu Hause in Prag und manchmal auch anderswo“ 2000 ihre Rückkehr.

Und weiter: „Die Königsstraße, in der ich aufgewachsen war und die nun Sokolovská hieß, mied ich. Warum sollte ich an meinem Geburtshaus vorbeigehen, das für mich jetzt ein Totenhaus war?“ Niemand hatte sie erwartet, erwarten können, denn ihre Familie war wie die überwiegende Mehrheit der etwa 40000 damals in Prag lebenden Juden von den Nazis ermordet worden.

Der Rückkehrerin, die sich im Exil immer für ihre Heimat eingesetzt hatte, wurde dieser Einsatz nicht gedankt. Zu Beginn der 50er Jahre wurde sie verhaftet und anderthalb Jahre lang verhört, wieder und wieder. Am Ende wurde sie freigelassen, ohne daß man ihr jemals eine konkrete Anklage vorgelesen hatte. Nachzulesen ist dieses Martyrium in „Alle Farben der Sonne und der Nacht“. Nach der Haftentlassung wurde sie mit ihrer Familie aus Prag verbannt. An den Prager Frühling knüpfte sie viel Hoffnung. Müßig zu sagen, daß sie wieder drangsaliert wurde. Seit der Samtenen Revolution konnte sie sich wieder frei bewegen und reden. Das Erstaunliche an ihr war, daß sie trotz all dieser Rückschläge nie den Mut verlor. „Man darf sich nicht aufgeben“, das war ihr Wahlspruch.

Und so befolgte sie ihn: Im Pariser Exil angekommen, bemühte sie sich erfolgreich um eine Schreibmaschine – sie stellte für die französische Presseagentur AFP Meldungen aus dem „Protektorat Böhmen und Mähren“, wie ihre Heimat jetzt hieß, zusammen. Als sie nach dem Angriff Deutschlands auf Frankreich verhaftet wurde, erbat sie im Gefängnis Papier und Bleistift und schrieb Märchen auf tschechisch. Ebenso im Internierungslager Rieucros.

Eines Tages wurde ihr im Lager eröffnet, daß sie ein Visum nach Mexiko bekommen werde. Gekümmert hatte sich ohne ihr Wissen F. C. Weiskopf darum, tatkräftig unterstützt von Egon Erwin Kisch. Sie schaffte es tatsächlich nach Übersee, auch dies ein Kapitel mit Schreckmomenten. Mexiko war immerhin ein Glückslos, denn die Einreiserlaubnis bedeutete auch Arbeitserlaubnis. Und weil die mexikanische Regierung die tschechoslowakische Exilregierung anerkannt hatte, gab es wieder Beschäftigung für sie.

Aber diese Exilregierung war nicht nach dem Geschmack der späteren Machthaber in der Tschechoslowakei.

Liest man ihre Bücher, die in vorbildlicher Aufmachung und Ausstattung im Aufbau Verlag erschienen sind, hat man eine Art Autobiographie vor sich. Der Kosmos der deutschsprachigen jüdischen Literatur Prags ist präsent. Ihre Exilerfahrungen lassen staunen, wenn man die Schwierigkeiten von Zeitgenossen, etwa von Soma Morgenstern oder Walter Benjamin, bedenkt. Aber sie hatte beschlossen, den Schwerpunkt  auf die positiven Aspekte zu legen, die zum Überleben verholfen haben.

Einer größeren Öffentlichkeit wurde Lenka Reinerová bekannt, als ihr die Deutsche Schillerstiftung 1999 den Schillerring verlieh als Anerkennung für ihr Bemühen um die deutsche Sprache. Denn auch in schwerer Zeit in der Tschechoslowakei hat sie nie von der deutschen Sprache gelassen und sich mit Übersetzungen von Sachbüchern über Wasser gehalten. Im Januar dieses Jahres trug die Schauspielerin Angela Winkler im Bundestag die Rede vor, die Lenka Reinerová zum Gedenken an die Befreiung von Auschwitz geschrieben hatte. Die Autorin war nicht mehr in der Lage zu reisen. Dieser Akt belegt einmal mehr die Autorität, die Lenka Reinerová hatte. Es gibt ein Hörbuch, das sie selbst besprochen hat: „Mandelduft“. Da ist eine Stimme zu hören, die einen in den Bann zieht. Sie und ihre Bücher werden bleiben. Es ist viel.

Ulrich Schmidt (KK)

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