Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1288.

„Mein Herz, wo habe ich es vergeudet?“

Vergeudet hat er nichts, verschenkt dafür um so mehr, sich und seine große Kunst – Zum 200. Geburtstag von Frédéric Chopin

Polnisches Masowien: Durch das Licht des Juli wandern die fliehenden Schatten der Dämonen des Mittags. Die Kornweihen jagen. Sie wehen vor der Wand ferner Wälder her, lassen sich von Aufwinden unter das Gewölk des hohen Sommers tragen, stürzen herab und schießen durch flirrendes Licht über reifendem Getreide. Ihre Schreie sind eine der Stimmen eines panischen polnischen Sommers. Nachtigallen im Park von Zelasowa Wola: Schluchzen und Schlagen, das klingt, als könnte es nicht zu Ende gehen, die Kadenzen, von den Vogelkehlen immer längerausgehalten, das Klagen und Beschwören der Nacht, des Sommers und des Daseins wird zur beherrschenden Lautfolge, in der sich über einen versteckten Vogel die Schöpfung mitteilt.

In Zelasowa Wola ist Frédéric Chopin 1810 als Sohn eines französischen Hauslehrers und einer Tochter aus der mittelpolnischen Kleinadelsfamilie Krzyzmanowski geboren. Beide standen zu dieser Zeit im Dienst der Besitzerfamilie von Zelasowa Wola, der Grafen Skarbek, Chopins Vater war der Lehrer der beiden Söhne des Grafen Fryderyk Florian Skarbek. Nach ihm als seinem Taufpaten hat der Musiker seinen – stets französisch geschriebenen – Vornamen erhalten. Die Mutter war etwa das, was man im Deutschen einmal „Hausdame“ genannt hat.

Der Vater stammte aus einer Handwerkerfamilie in Marainville in Zentralfrankreich und war als 20jähriger 1791 nach Polen gekommen, hatte sich in Kürze polonisiert, ein Beispiel dafür, daß sich die kulturelle Assimilationskraft des größten Vielvölker- und Territorialstaates des alten Europa auch an seinem Ende noch nicht verbraucht hatte.

Die Mutter Justyna vertrat die breite bunte Adelswelt des alten Polen. Jeder Adelsbesitz, war er auch noch so klein, war berechtigt, einen „Landboten“ zu den Provinziallandtagen und dem Reichstag zu entsenden. Durch die Stimmenzählungen dieser politischen Körperschaften ist bekannt, wie viele Adelsfamilien es gegeben hat, nämlich etwa 82 000. Das waren vermutlich etwa zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Chopin hat sich zu Recht lebenslang als Mitglied der kulturtragenden und -schöpfenden Gruppe seines Volkes empfunden. Das erklärt letztlich auch, warum ein genialer Klaviervirtuose als Komponist hauptsächlich mit Tanzmusik den einzigartigen kulturellen Rang erreichen konnte.

Chopins Tanzmusik ist die musikalische Inszenierung einer Lebensform, im Grunde auch einer politischen. Chopin hat mit seiner Musik den Tanz rauschender Feste inmitten der polnischen Katastrophe fortgeschrieben, er hat eigentlich eine Musik hochpolitischen Protestes gemacht, nicht nur gegen Preußen und Rußland, auch gegen die Teilungsmacht Österreich. Die Chopin-Forschung der letzten Jahrzehnte hat geklärt, daß der kulturelle Universalismus des alten polnischen Vielvölkerstaates seine Musik auch unmittelbar mitbestimmt.

Seine wichtigsten Quellen sind die Musik des polnischen Adelshauses und des masowischen Dorfes, die ukrainische Volksmusik und die Musik der jüdischen Dorf- und Kleinstadtgemeinden Galiziens, dazu die Musik der jüdischen Wandermusikanten des einst polnischen Ostens. Hinzu kommt seine Bindung an die musikalischen Grundlegungen durch Bach, vor allem dessen „Wohltemperiertes Klavier“, durch Mozart, Haydn und besonders Beethoven.

Der aktuelle Stand sowohl der polnischen wie der deutschen Forschung zeigt, daß Frankreich und da wieder vor allem die Pariser Salons zwar die Basis für den gesellschaftlichen und finanziellen Erfolg Chopins waren, jedoch die Basis für den inzwischen kanonischen Rang als Komponist einmal in der jüdischen Musik-und Kompositionstradition, vor allem durch Ignaz Moscheles, zum anderen in der deutschen zu finden ist.

Eine seiner gesellschaftlichen und gleichsam auch medialen Mentorinnen am Weimarer Hof war die von Goethe hochverehrte  (ob mehr als Frau oder als Pianistin, bleibt wie so oft bei Goethe offen) polnische Pianistin Maria Szymanowska, doch der „Konstrukteur“ seiner öffentlichen musikalischen Identität war als Musikkritiker Robert Schumann. Seine kompositorische Nähe zu Carl Maria von Weber hat er selbst betont. Doch sind für eine so universale Gestalt wie Chopin geographische Begriffe wie polnisch, deutsch oder französisch überhaupt gültig? Eher sollte man sich wohl an Henry Kissinger und seine Metternich-Biographie  halten: „Die Vereinigten Staaten von Europa hat es gegeben, man hat sie nur nicht so genannt.“

Der Chopin der in Musik gesetzten politischen Manifeste erschließt sich vor allem in seinen Briefen, soweit sie erhalten sind (ein großer Teil ist es nicht), besonders in dem vom 30. Oktober 1848 aus Edinburgh an seinen engsten Freund Wojciech Grzymala: „Wo ist meine Kunst? Und mein Herz, wo habe ich es vergeudet? Ich erinnere mich kaum noch, wie in der Heimat gesungen wird. Diese Welt vergeht irgendwie so schnell …“

So überragend die Forschungsverdienste von Krystyna Kobylanska, der Direktorin des Chopin-Archivs in Warschau, ganz besonders bei der Edition der Briefe, ebenso die des deutschen Chopin-Forschers Ewald Burger auch sind, über seine Beziehungen zum seinem Kompositionslehrer Josef/Jozéf Elsner wüßte man gern noch mehr. Elsner (1769–1854) kam aus einer deutschsprechenden Familie von Instrumentenbauern im oberschlesischen Grottkau und ist nach seiner kompletten, auch sprachlichen, Polonisierung der Begründer einer wissenschaftlichen Musiklehre und -pädagogik in Polen geworden. Sein Einfluß reicht weit über Chopin hinaus bis zu Stanislaw Moniuszko und seiner betörenden Oper „Strazny dwor – Das Geisterhaus“. Bezeichnend ist, daß sich Elsner nie als Deutscher oder Pole bezeichnet hat, sondern stets als Schlesier.

Elsner war nicht nur Musiktheoretiker und Musikpädagoge, sondern auch Mitglied der Geheimgesellschaft der Phytagoreer. Sie sah sich nicht nur – auch politisch – in der Nachfolge des Phythagoras von Samos, sondern in ihrer Musiktheorie auch im Gefolge der binären Arithmetik von Leibniz, die direkt zu der Computertechnik von heute führt. Musik wurde von den Phythagoreern als der mathematisch darstellbare und damit für das menschliche Ohr hörbare Teil der Sphärenharmonie definiert.

Es gibt auch eine Übertragung der Musik von Chopin in Bilder. Sie hat der kon-geniale Regisseur Andrzej Wajda mit seiner grandiosen Verfilmung des Adelsmärchens „Pan Tadeusz“ von Chopins Zeitgenossen Adam Mickiewicz besorgt. Besonders am Beginn, wenn die Schimmel durch das sommerliche Land traben, und in den Schlußszenen, wenn Störche Licht und Wärme großer Sommer auf ihren Schwingen über die Ebenen Litauens tragen, gelingt es, Bilder wie Musik zu „hören“, wie Musik von Frédéric Chopin.

Dietmar Stutzer (KK)
 

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