Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1243.

„Morgen wird es wieder still sein“

In der Kulturhauptstadt Hermannstadt erinnert ein EuroJudaica-Fest  an jüdische Spuren in dieser Landschaft

Vor kurzem fand im siebenbürgischen Hermannstadt (rumänisch Sibiu), gemeinsam mit Luxemburg europäische Kulturhauptstadt 2007, zum erstenmal ein internationales EuroJudaica-Festival statt, zu dem Musiker, Künstler, Kulturwissenschaftler, Kunsthistoriker und Filmregisseure aus den USA, aus Israel, Frankreich, Belgien, Ungarn, Deutschland, Mazedonien, Serbien und der Slowakei eingeladen waren.

Ziel der viertägigen Veranstaltungsfolge war, an jüdische Kunst, Kultur und Tradition der Stadt zu erinnern. Denn kaum ein heutiger Bewohner der Stadt weiß, so vermuteten die Organisatoren, daß hier im Jahr 1930 auch 1309 vorwiegend deutschsprachige Juden lebten. Damals zählte die sächsische Mehrheitsbevölkerung noch 25678 Einwohner, während die Zahl der rumänischen Einwohner durch Zuwanderung von 7338 (1910) auf 20251 angestiegen war.

Die Zahl der jüdischen Einwohner Hermannstadts sank dann – als Folge des Zweiten Weltkriegs und der 1948 einsetzenden Alija, der Auswanderung nach Palästina – auf heute 49 meist ältere Menschen, ein allgemeines Phänomen in Rumänien. Doch neben Erinnern und Gedenken – in Podiumsgesprächen zum Thema „Das Schtetl und seine Welt“, mit Beteiligung des Oberrabiners Dr. Menachem Hacohen, Dr. Lya Benjamin, Dr. Harry Kuller (Bukarest) und Prof. Dr. Bianca Stiubei (Tel Aviv) u.a. und mit Dokumentarfilmen wie „The World after Auschwitz“ von Moshe Kantor und Radu Gabrea – ging es den Veranstaltern primär um die Gegenwart und Zukunft des lebendigen Judentums.

So gehörten zu den Höhepunkten der Kulturtage unter anderen die Musikabende mit der in Frankreich lebenden Violonistin Silvia Marcovici und Aimo Pagin (Klavier) sowie der Auftritt zweier Klaviervirtuosen, Lory Wallfisch (New York) und Dan Mizrahi (Bukarest), beide über achtzig, die Stücke von Mozart, Schumann, Mendelssohn und Gershwin  interpretierten und durch ihr jugendlich wir-
kendes, meisterhaftes Spiel faszinierten.

Die weltbekannte amerikanische Pianistin stammt übrigens aus der südrumänischen Stadt Ploiesti. Sie lebte nach dem Zweiten Weltkrieg in Bukarest, 1946 wurde sie von Yehudi Menuhin entdeckt, der ihr dann auch zur Ausreise in die USA verhalf.

Neben Klesmerkonzerten auf einer Freilichtbühne am Großen Ring, dem Hauptplatz Hermannstadts, wo Musikergruppen aus der Slowakei (die „Preßburger Klezmer Band“,), Ungarn (die „Pannonia Klezmer Band“, Budapest)  und Moldawien (die „Slava Farber Band“, Kischinev/Chisinau) beschwingt und heiter aufspielten, gab es auch Aufführungen des Bukarester Jüdischen Staatstheaters, die Weltpremiere eines poetischen Musicals des amerikanischen Komponisten A. G. Weinberger, „Vom Berg Sinai zum Berg der Venus“ – mit Maia Morgenstern in der Hauptrolle, Regie Alexander Hausvater –, sowie eine Reihe von Ausstellungen und Vorträgen zur Tradition und Kunst des Judentums.

Auf dem Programm des Festivals stand auch die Eröffnung von vier umfassenden Dokumentar- und Kunstausstellungen in verschiedenen Räumlichkeiten: „Das jüdische Wien“, „Synagogen in Rumänien“, „Jüdische Meisterwerke aus der Sammlung der FCER, Bukarest“ und „Die rumänische Avantgarde“. Dabei konnte man feststellen, daß die modernen Kunstströmungen in Rumänien maßgeblich von sieben großen Namen initiiert wurden: Constantin Brâncusi, Marcel Janco, Arthur Segal, Victor Brauner, Tristan Tzara, Maximilian Herman Maxy und Hans Mattis-Teutsch.  Diese elitäre Reihe besteht, wie man sieht, vorwiegend aus Vertretern der Minderheiten. Zu diesem Thema sprach auch der einzige Gast, der aus Deutschland eingeladen war, Dr. Claus Stephani (München). Er referierte im Senatssaal der Universität „Lucian Blaga“ zum Thema „Der Beitrag des Judentums zur Entwicklung der modernen Kunst in Europa“.

Als musikalischer Ausklang, der „auf die Zukunft und das Weiterbestehen der jüdischen Kultur weisen sollte“, fand dann ein Konzert in der schönen, gerade renovierten Synagoge statt. Hier interpretierten bekannte Chöre und Musiker aus Mazedonien und Serbien alte sephardische Kantaten und Lieder. Im vollbesetzten Gotteshaus gab es unter den über 300  Zuhörern nur etwa 20 Hermannstädter Juden. Einer von ihnen sagte nach dem stürmischen Schlußapplaus: „Zwei Stunden war heute Leben und Freude in unserer Schil. Morgen wird es wieder still sein, und man wird nur die Stimmen von ein paar alten Männern hören, wenn sie beten.“

Es ist nicht möglich, hier auf die thematische Vielfalt der Hermannstädter EuroJudaica-Tage 2007 näher einzugehen. Die Veranstalter, das rumänische Ministerium für Kultur und Kultus in Zusammenarbeit mit der Föderation der jüdischen Gemeinden in Rumänien (FCER), hatten das bisher größte jüdische Kulturfestival Europas auf die Beine gestellt. Das weitgespannte Programm wurde vom Festival-Direktor Edi Kupferberg und den beiden ministerialen Kulturmanagerinnen Dr. Irina Cajal-Marin und Mirela Asman konzipiert und organisatorisch realisiert. Eine bemerkenswerte, grenzenüberschreitende Leistung, bedenkt man, daß bei allen Veranstaltungen der Eintritt frei war. Vorher hatte übrigens in Hermannstadt auch ein inhaltlich ebenfalls weitgefächertes Ungarisches Kulturfestival 2007 stattgefunden.

Maja Wassermann (KK)

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