Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1245.

„Niemand sah deine einsame Verklärung“

Dem Künstler und Dichter Joseph Hahn zum 90. Geburtstag

Es gab nicht nur Franz Kafka in der sogenannten Prager deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts, sondern auch andere bedeutende Autoren, etwa Werfel, Brod, Kisch, Perutz, Urzidil. Der letzte lebende Repräsentant dieser glanzvollen, von den Nationalsozialisten vernichteten deutsch-jüdischen Kuliur ist Joseph Hahn, der 90 Jahre alt wurde.

Er wurde 1917 im südböhmischen Bergreichenstein geboren und begann 1935 ein Kunststudium in Prag. Peter Weiss und Peter Kien waren Studienkollegen von ihm. Nach dem Münchner Abkommen mußte Hahn wegen seiner jüdischen Herkunft emigrieren. In England schlug er sich als Fabrikarbeiter und Bauernknecht durch, bis er mit Hilfe eines Stipendiums 1944 an der Slade School of Fine Art in Oxford – dort mit Franz Baermann Steiner befreundet – wieder studieren konnte. Noch vor Kriegsende ging er 1945 in die USA, wo er lange – zeitweilig Schüler vom George Grosz – „in der gläsernen Monstrosität von New York“ lebte. 1989 zog er mit seiner zweiten Frau, einer Malerin, „in die grünen Berge von Vermont“.

Joseph Hahn ist eine Doppelbegabung, bildender Künstler und Schriftsteller. Schwierige Lebensumstände, so sein Brotberuf als Fotoretuscheur und die jahrelange Pflege seiner kranken ersten Frau, und sein Perfektionsstreben ließen nur ein schmales, doch eindrucksvolles Œuvre entstehen. Hahns expressive, den Menschen als geschundene Kreatur zeigende Zeichnungen (etwa der Zyklus „Die Agonie des Atomzeitalters“) wurden in renommierten Museen (z.B. Whitney Museum New York) ausgestellt, und er ist in wichtigen Sammlungen (z.B. Albertina Wien) vertreten.

Erst spät, seit Mitte der achtziger Jahre, hat er einige Bücher veröffentlicht, darunter „Eklipse und Strahl“ (1997), „Holocaust Poems“ (1998) und „Die Doppelgebärde der Welt“ (2004).

Die Vernichtung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten in der Shoah, der auch seine Eltern in Auschwitz zum Opfer fielen, ist die alles beherrschende Erfahrung seines Lebens und Schaffens. Noch in seltenen Glücksmomenten überfällt ihn die traumatische Erinnerung an den Holocaust, wie das ergreifende Gedicht „Bach Konzert“ zeigt: „Beschwörung, / Feuer und Gold aufgewallt / vom Grunde der Brunnen, / unirdische Macht herrscht, / es ist Engelsdomäne. // Doch nur / für eine Verklärung lang / kannst du dich retten / von den Urnen des Winds / und der Abgrundsträne / am Stacheldraht.“

Weitere Themen von Hahns bildintensiver, oft hermetischer Dichtung sind die atomare Bedrohung, die Zerstörung der Natur sowie die Entfremdung des Menschen, die er in apokalyptischen Visionen und mit existentieller Verzweiflung beschwört. Angesichts der Katastrophen und Gefährdungen im 20. Jahrhundert treibt ihn schließlich die Frage nach „Gottes Gleichgültigkeit“ im hiobschen Sinne um.

Doch obsiegen Pessimismus und Trauer in Hahns Lyrik nicht gänzlich. Vielmehr künden seine Gedichte trotz allem oft von Hoffnung auf Errettung der Menschheit und Bewahrung der Schöpfung, von Naturergriffenheit: „Kleines Gestirn / der Frühlingsgalaxe, / niemand sah / deine einsame Verklärung / im rabenversehrten Gefild, / niemand kümmerte sich, / als die eisigen Stürme / dich peitschten / und du der Wucht widerstandst. // Sanftsehniges Wunder, / schlichte Pracht, / sei uns ein Schild / gegen das Entsetzen.“ („An eine Feldblume“)

Bei Joseph Hahn soll Kunst kein ästhetisches Spiel sein, sondern Ausdruck einer „von allen Dogmen emanzipierten Ehrfurcht vor dem Leben“, wie er im Vorwort zum Band „Die Doppelgebärde der Welt“ formuliert.

Insgesamt hat er einen wichtigen, noch kaum wahrgenommenen Beitrag zur deutsch-jüdischen Shoah-Dichtung und Exilliteratur im 20. Jahrbundert geschaffen. Seine „fast magische Sprachbeherrschung“ (Dieter Sudhoff) erstaunt angesichts über sechzigjährigen Lebens fern von der Muttersprache.

Aber selbst prominente Fürsprecher wie Erich Kleinschmidt, Karl Markus Gauß, Wolfgang Mieder oder Jürgen Serke, der Hahn 1987 ein ausführliches Kapitel in seinem Buch „Böhmische Dörfer. Wanderungen durch eine verlassene literarische Landschaft“ widmete, vermochten ihn bislang im deutschen Sprachraum nicht bekannter zu machen. Dies möge sich, so der Wunsch anläßlich seines 90. Geburtstags, nunmehr endlich ändern. Denn er ist einer der Letzten, im Sinne von Hans Sahls berühmtem Gedicht „Die Letzten“.

Thomas B. Schumann (KK)

«

»