Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1221.

„Oliverplatz“ und „Nougatstraße“

Von der schwindenden Erinnerungskultur in „Vertriebenensiedlungen“

„Oliverplatz“, ruft der junge Busfahrer die nächste Haltestelle auf dem Kurfürstendamm aus – und ist vermutlich der Ansicht, es handele sich um Jamie Oliver, Oliver Kalkofe oder Oliver Pocher. Gemeint aber ist der Olivaer Platz als Erinnerung an das Kloster Oliva bei Danzig. Doch wer der noch nicht Ergrauten kennt noch Danzig, geschweige denn Oliva? Und weil nicht sein kann, was man nicht kennt, hält man Oliva für einen Fehler auf dem Straßenschild. So wird aus Oliva Oliver und aus der Nogatstraße – in Berlin-Neukölln vernommen! – die „Nougatstraße“.

Nur selten existierten vor 1945 Straßen oder ganze Stadtviertel, die nach ostdeutschen Städten benannt waren. Zwar griff bereits der Siedlungsbau der Weimarer Republik zu Straßennamen, die an jene Regionen erinnerten, die in Folge des Versailler Vertrages dem Deutschen Reich verlorengegangen waren (u.a. Ostoberschlesien, Westpreußen, Posen und das Hultschiner Ländchen), doch erst seit den fünfziger und sechziger Jahren errichtete man in großem Stil Neubausiedlungen mit „Bekenntnisbezeichnungen“ (in Berlin-Mitte, wo Straßen derzeit nur nach Frauen benannt werden dürfen, herrscht diese Mode freilich noch immer).

Nach Verlusten bzw. nach dem unwiederbringlich verloren zumindest Geglaubten benannte man Straßen und Plätze: nach dem Ersten Weltkrieg nach deutschen Jagdfliegern wie Manfred von Richthofen, nach dem Zweiten Weltkrieg dann nach Widerständlern und NS-Opfern, couragierten Christ- und Sozialdemokraten, Arbeiterführern, nach Straßen in der DDR und – auch aufgrund des Einwirkens der landsmannschaftlichen Vereinigungen – nach den historischen Ostgebieten.

Doch gut gemeint ist nicht zugleich auch langfristig und nachhaltig gut gemacht. Denn die Benennung der Straßen nach Verschüttetem, nach jenem, das dem kollektiven Gedächtnis zu entgleiten drohte und wenigstens in der Form eines Namens im öffentlichen Raum erhalten bleiben sollte, erfüllt zwar eine kulturpolitische Aufgabe – ein Maiglöckchenpfad oder ein Zeisigweg ist hingegen bestimmungsfrei und soll keinen Zweck erfüllen –, doch wird die Botschaft, die von den Straßennamen mit Erinnerungsfunktion ausgehen soll, noch hinreichend genug vernommen? Fatalerweise zählen die Ollenhauerstraße und der Breslauer Weg zumeist nicht zu den bildungsbürgerlichen Quartieren, in denen man ein Interesse an der Bedeutung der Kieznamen zumindest vermuten darf.

Auf die Straßennamen in den „Sudetensiedlungen“ und den „Schlesiervierteln“ wich man aus, als die Goetheallee und der Humboldtplatz schon für die vornehmeren bildungsbürgerlichen Wohngegenden vergeben waren. Was im Straßenatlas für die Gewerkschaftspioniere und die Städte östlich der Elbe übrigblieb, waren zumeist hastig und lieblos hochgezogene Straßenzüge an der Peripherie der Städte, mitunter mit dem Charme von Schuhkartons und Trabantenstädten. Daß dort, wo man an Vorkämpfer des gesellschaftlichen Fortschritts oder an verlorene Landesteile erinnert, häufig ausgerechnet die bildungsferneren Schichten beheimatet sind, ist eine bittere Ironie. Denn Erinnern setzt Kenntnis voraus, ein zumindest oberflächliches Wissen um jene Sujets, denen diese „Deutschen Erinnerungsorte“ gewidmet sind.

Wie sieht es in den Städten der ehemaligen DDR aus? Die Erinnerungskultur des Sozialismus hat viele Ernst-Thälmann-, Friedrich-Engels- und Rosa-Luxemburg-Straßen hinterlassen, die bis heute bestehen. Viele dieser Straßen waren einst nach ostdeutschen Städten, Flüssen und Persönlichkeiten benannt; so etwa Berlin-Prenzlauer Berg mit seinem nach 1911 erbauten „Ostpreußenviertel“. Zwar wurde die nach dem Stalinisten Dimitroff benannte Straße 1995 wieder zur Danziger Straße, die politisch motivierte DDR-Unbenennungsaktion des Jahres 1974 jedoch wurde nie revidiert. Aus ostpreußischen Straßennamen wurden solche, die Opfern des Nationalsozialismus gedachten – die Allensteiner Straße wurde zur Liselotte-Hermann-Straße, die Gumbinner Straße verwies nun – und bis heute – auf den 1944 hingerichteten KPD-Funktionär Anton Saefkow. Man mag dies ehrenwert und nachahmenswert finden oder auch gegenteilig als sozialistisches Manöver einschätzen, die Erinnerung an den deutschen Osten aus dem kulturellen Gedächtnis zu verbannen; zu konstatieren bleibt, daß den Vertriebenensiedlungen in Westdeutschland mit ihren Namen, die (fast) „keiner mehr nennt“, in Ostdeutschland ein Vakuum gegenübersteht. Als revanchistisch geltende Namen wurden dort kurzerhand gegen die der höher renommierten Antifaschisten ausgetauscht. Wäre es nicht eine lohnende empirische Untersuchung für einen zeitgeschichtlich ausgerichteten historischen Lehrstuhl, auf dem Brieger Weg, am Breslauer Platz und auf der Königsberger Straße Passanten anzusprechen und zu ihren Assoziationen zu befragen? Das Ergebnis ist freilich vorhersehbar und dürfte, abgesehen von der „Erlebnisgeneration“, erschütternd sein. Doch wem, so muß zugleich gefragt werden, soll denn seine Unwissenheit zum Vorwurf gemacht werden? Solange in Schulen und Massenmedien neben anderen Desideraten der nationalen Geschichte keine Kenntnisse von den ehemaligen deutschen Kulturlandschaften im Osten vermittelt werden, darf man niemandem gram sein, wenn Straßennamen mit Erinnerungsauftrag, mithin Mahn- und Gedenkstätten des Alltagslebens, ihren Zweck nicht mehr erfüllen.

Martin Hollender (KK)

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