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Ausgaben: Ausgabe 1293.

„Ostpreußentum“

Robert Traba: Ostpreußen – die Konstruktion einer deutschen Provinz. Eine Studie zur regionalen und nationalen Identität 1914–1933. fibre Verlag, Osnabrück 2010. 518 S., 39,80 Euro

Bereits drei polnische Auflagen hat Robert Trabas Suche nach dem Wesen des Ostpreußentums erlebt , ehe sie fünf Jahre nach ihrem ersten Erscheinen nun – mit einem umständlichen Titel – auch auf deutsch vorgelegt wurde. Die Arbeit besticht sofort durch die Verwertung einer überaus großen Fülle von Quellen und Studien, wobei die enorme Zahl polnischer Einzeluntersuchungen hervorzuheben ist. 1232 Fußnoten beweisen den Fleiß des Autors. 2005 zeichnete der polnische Historikerverband das analytisch angelegte Buch als beste Monographie des Jahres aus.

Robert Traba ( geboren 1958), vielen Ermländern durch seine kenntnisreichen Vorträge bekannt, ist Gründer der um die ostpreußische Geschichte verdienten Kulturgemeinschaft Borussia in Allenstein/ Olsztyn, war von 1995 bis 2003 beim Deutschen Historischen Institut in Warschau tätig und ist seit 2006 als Professor Direktor des Zentrums für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Zugleich ist Traba Vorsitzender der deutsch-polnischen Schulbuchkommission.

Traba durchforschte Archive, Zeitungen, Zeitschriften und schöne Literatur, um eine ostpreußische, auch ermländische, masurische und polnische Identität auf dem Gebiet des ehemaligen Ostpreußens der Weimarer Republik nachzuweisen. Er studierte zahlreiche Vereinsblättchen, um festzuhalten, was die Ostpreußen dachten und taten.

Bei den Ermländern ist es einfach: Sie definieren sich durch ihren starken Katholizismus. Die ostpreußische Identität, das „Ostpreußentum“ – wie Traba es nennt – entwickelte sich zwischen 1914 und 1933. Schon in seiner Einführung zitiert Traba Marion Gräfin Dönhoff aus dem Jahre 1992: „Was ist eigentlich das Wesentliche an Ostpreußen gewesen? … Es gab ein festgefügtes Wertesystem, in dem Ehre, Gemeinsinn und Loyalität die wichtigsten, streng eingehaltenen Grundsätze waren … Typisch war aber auch gleichzeitig eine gewisse Enge, ein Mangel an Toleranz sowie die Unfähigkeit zu offener Diskussion. Unerschütterlich war der Glaube vieler Menschen an Ordnung, Autorität, innere Einigkeit und an den Nationalstaat.“

Den Leser überwältigen einerseits die vielen Details von Trabas wegweisender und zu vielen weiteren Forschungsthemen anregender Arbeit, andererseits findet er gesammelt, was sonst wohl kaum zu entdecken wäre. Nur zwei Beispiele: Es gab in dieser „deutschen Provinz“ 87 höhere Schulen, 53 für Jungen und 34 für Mädchen. Und 1921 wurden für die Jugendabteilungen der Heimatvereine 400 Fußbälle, 200 Handbälle, 100 Schlagbälle und 100 Wurfbälle gekauft.

Kämpfe im Ersten Weltkrieg auf ostpreußischem Boden, Flucht, Deportation und Zerstörung bestimmten seit 1914 das Denken der Ostpreußen, zu denen selbstverständlich 12 000 Juden gehörten. Krieg und Versailles – die Abtrennung vom Reich durch den polnischen Korridor – wurden als Kata strophen und ständige Bedrohung empfunden. Der Begriff vom „heiligen Osten“ als Bollwerk gegen die Slawen wurde geprägt. Das schweißte die Ostpreußen zusammen. Sie lebten in einer vom Deutschen Orden geprägten Kulturlandschaft und verehrten den Sieger von Tannenberg, Paul von Hindenburg. Dazu kam das Zeremoniell in der Erinnerung der Abstimmungen von 1920. Welchen Stellenwert Traba dem beimißt, verraten auch das Titelblatt und einige Fotos im Textteil. Das Titelbild zeigt den „Abstimmungsstein“ in Johannisburg mit der Inschrift: „11.7.1920. Dies Land bleibt deutsch“.

Die Ostpreußen werden es nicht gern lesen, wie Traba an ihrer Hymne „Land der dunklen Wälder und kristall’nen Seen“ mäkelt. Traba: „Statistisch gesehen wies die gesamte Provinz den geringsten Waldanteil in ganz Deutschland auf, und im Norden gab es überhaupt keine Seenlandschaften.“ Wälder und Seen gab es reichlich nur in Masuren.

Bei der Aufzählung von Korporationen an der Universität Königsberg hätte man die CV-Verbindung Tuiskonia des größten deutschen katholischen Akademikerverbandes nicht unterschlagen sollen.

Norbert Matern (KK)
 

Das von Oberschulrat a. D. Karlheinz Lau initiierte Märkische Gesprächsforum im Haus Brandenburg, Fürstenwalde, mit Vorträgen und Diskussionen, die vor allem aktuelle politische, wirtschaftliche, kulturelle und historische Themen der Mark Brandenburg diesseits und jenseits der Oder betreffen, widmet sich am 10. Juni um 17.30 Uhr dem Dichter Heinrich von Kleist. Es spricht Dr. Wolfgang de Bruyn, Direktor des Kleist-Museums in Frankfurt an der Oder, zum Thema „… der arme Kauz aus Brandenburg. Heinrich von Kleist, Brandenburg und die Folgen. Ein Vorgriff auf das 200. Todesjahr“.

(KK)

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