Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1258.

„Paradiesvogel aus dem Käfig der Macht“

Er wußte allerdings, wie das Türchen zu öffnen war: Nikolaj Portugalow brachte Frühlingsbotschaften, schon im Kalten Krieg

Wolf Biermann nannte ihn einmal einen „Paradiesvogel aus dem Käfig der Macht“ – immerhin war Nikolaj Portugalow zwischen 1979 und 1990 oberster Berater der Internationalen Abteilung im Zentralkomitee der KPdSU. Einem interessierten Publikum in Deutschland war Portugalow durch seine Fernsehauftritte bekannt, als er in den späten 1980er Jahren unermüdlich für Michail Gorbatschows „Glasnost“ (Offenheit) und „Perestroika“ (Umbau) um Zustimmung und Verständnis warb. In makellosem Deutsch unterhielt er sich im Fernsehstudio mit dem ausgebürgerten Menschenrechtler und Germanisten Lew Kopelew zu einem Zeitpunkt, als Kopelew in Moskau noch gar nicht offiziell rehabilitiert war. Während in der DDR die Auslieferung sowjetischer Zeitschriften wie „Sputnik“ verhindert wurde, forderte der bekennende Kommunist Portugalov im deutschen Westfernsehen oder im „Spiegel“ grundlegende Reformen des „real existierenden Sozialismus“ ein.

Nikolaj Portugalow wurde 1928 in Moskau geboren. Er absolvierte die Moskauer Hochschule für Internationale Beziehungen und arbeitete als parteiergebener Deutschlandkorrespondent unter anderem auch für Zeitschriften wie „Sowjetunion heute“. Portugalow gehörte jener sogenannten „Germanisten-Fraktion“ an, die sich um Valentin Falin gruppierte, mit dem er befreundet war. „Das Leben hat uns später auseinandergebracht“, urteilte Portugalow in seinem letzten größeren Auftritt in Deutschland: Am 19. Oktober 2007 sprach er als Gast der Joseph-Wirth-Stiftung, der Stadt Freiburg und der West-Ost-Gesellschaft Südbaden über sein Lieblingsthema: „Von Rapallo zu den deutsch-russischen Beziehungen heute“. An dieser Veranstaltung, die zum 85. Jahrestag des Rapallo-Vertrages von 1922 der damals maßgeblichen Politiker Dr. Joseph Wirth und Walther Rathenau gedachte, versuchte Portugalow ein weiteres Mal, „das tiefe, fast genetisch vorprogrammierte Aufeinander-Angewiesensein unserer beiden Länder herauszustellen“.

Als nüchterner Pragmatiker sah er in dem deutsch-russischen Beziehungsgefüge das entscheidende Scharnier für ein geeintes und friedliches Europa. Aus seiner Skepsis gegenüber einer einseitig US-dominierten NATO hat er kein Hehl gemacht, ohne freilich in einen primitiven Anti-Amerikanismus abzugleiten. Portugalow wußte auch aus eigener Erfahrung, daß sich Deutsche und Russen sowohl durch die erlebten und erlittenen Schrecken des Zweiten Weltkriegs als auch aufgrund gemeinsam erfahrener Vergiftungen durch totalitäre Ideologien wie Bolschewismus und Nationalsozialismus in einer Schicksalsgemeinschaft befinden.

Den Prozeß der deutsch-deutschen Wiedervereinigung hat Gorbatschows Deutschland-Experte Portugalow in einer Rolle als politischer Strippenzieher von sowjetischer Seite aus nicht nur begleitet, sondern kräftig mit angeschoben.

Er war es, der mit der Übergabe eines sogenannten Non-Papers an Horst Teltschik, den damaligen Leiter der Außen- und Sicherheitspolitik im Kanzleramt, am 21. November 1989 der Bonner Führung signalisierte, daß in Moskau ohne Tabus über deutsch-deutsche Möglichkeiten nachgedacht wird. Insofern hatte er indirekt seinen Anteil an Helmut Kohls „Zehn-Punkte-Plan“. Nikolaj Portugalows Zeitzeugenschaft wäre für die Nachgeborenen von Interesse. Von seinen niedergeschriebenen Erinnerungen wurde allenthalben gemunkelt, manchen war Einblick in Teile des Manuskripts gewährt – zu einer Veröffentlichung ist es jedoch leider nicht gekommen.

Der von manchen gefürchtete „Geist von Rapallo“ diente Nikolaj Portugalow als Richtschnur seines Handelns. Er blieb aufgrund seiner klaren Erkenntnis der deutsch-russischen Schicksalsgemeinschaft dem Streben nach Einigkeit über alle ideologischen Wirren und Hindernisse hinweg treu. Unter den gegebenen Bedingungen das Beste für das eigene Land und zugleich für die deutsch-russischen Beziehungen herausgeholt zu haben, können sich nur wenige rühmen. Nikolaj Portugalow gehört zu ihnen.

Volker Strebel (KK)

«

»