Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1268.

„Polen – Juden – Schweizer“

Er hatte den unbestechlichen Blick für sie alle: Paul Stauffer

Der jetzt verstorbene schweizerische Karrierediplomat und Historiker Paul Stauffer hatte durch seine berufliche Tätigkeit und sein wissenschaftliches Arbeiten starke Beziehungen zum historischen Ostdeutschland und zu Polen.

Am 7. April 1930 in Basel als Sohn eines Chemikers geboren, verfaßte er als Schüler des bedeutenden Schweizer Geschichtsprofessors Edgar Bonjour, der 1948 Mitglied der Polnischen Akademie der Wissenschaften und 1965 auch der Historischen Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften wurde, seine historische Doktorarbeit und trat dann in den diplomatischen Dienst seines Landes. Er übernahm die Leitung der Kulturabteilung des Außenministeriums in Bern und wurde Botschafter der Schweiz in Pakistan, im Iran und schließlich in den 80er Jahren in Polen.

Im Jahre 1989 verließ er vorzeitig den Staatsdienst und wandte sich wieder den geliebten geschichtlichen Studien zu, den Blick dabei vornehmlich auf den ostmitteleuropäischen Grenzraum richtend und das Wirken schweizerischer Landsleute im politischen und diplomatischen Leben dieses im 20. Jahrhundert wieder von Spannungen und Unruhen erschütterten Gebietes beleuchtend. So widmete sich Stauffer mit großem Spürsinn Forschungen über Carl Jacob Burckhardt, mit dem er nicht nur den Geburtsort Basel und das sich in Veröffentlichungen niederschlagende historische Interesse, sondern auch die diplomatische Tätigkeit gemeinsam hatte. Burckhardt amtierte von 1937 bis 1939 als Hoher Kommissar des Völkerbundes in Danzig und legte seine Erinnerungen unter dem Titel „Meine Danziger Mission“ vor, Stauffer wiederum schrieb über ihn die Bücher „Zwischen Hofmannsthal und Hitler“ (1991) und „Sechs furchtbare Jahre“ (1998), die viel Anerkennung fanden.

2004 erschien im Verlag der „Neuen Zürcher Zeitung“ Stauffers hochinteressantes Buch „Polen – Juden – Schweizer“, das drei Abhandlungen enthälte über „Exilpolens“ Berner Emissäre (1939–1945), die Schweiz und Katyn (1943) und den von der deutschen Forschung zu wenig beachteten Felix Calonder (1863–1952). Stauffer befaßte sich in seinem über 100 Seiten umfassenden Text, hier eine Lücke füllend, mit dem schweizerischen Juristen, Politiker (1918 Bundespräsident der Schweiz) und Diplomaten, der nach der 1922 erfolgten Teilung Oberschlesiens die vom Völkerbund eingesetzte deutsch-polnische „Gemischte Kommission“ für Oberschlesien leitete und sich als Schlichter und ehrlicher Makler um eine Verminderung der zwischen Deutschland und Polen bestehenden Spannungen und den Schutz der beiderseitigen Minderheiten bemühte – ganz im Sinne der traditionellen schweizerischen Neutralität. Der in seinem Vaterland als Rätoromane selbst einer Minderheit angehörende Calonder setzte sich auch für den Schutz der in Deutschland bedrohten Juden ein, nicht ohne Erfolg.

Der verdienstvolle Historiker, der diesen verdienstvollen Mann aus dem Dunkel der Geschichte gehoben hat, ist nun in Bern gestorben.

Hans-Ludwig Abmeier (KK)

«

»