Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1282.

„Preußischste aller Städte“

Doch auch der preußische Feingeist hat in Neuruppin eine Heimstatt im Gedenken an Theodor Fontane und Karl Friedrich Schinkel

Statt Fontane- könnte sich Neuruppin auch Schinkelstadt nennen. Denn 38 Jahre vor Theodor Fontane (rechts) kam Karl Friedrich Schinkel, Maler und Baumeister des Klassizismus, in der Stadt am Ruppiner See zur Welt. Der spätere Schriftsteller und der spätere Architekt besuchten dasselbe Gymnasium, beiden setzte die dankbare Heimatstadt ein Denkmal. Das für Schinkel steht in der Nähe der zu einem Kultur- und Kongreßzentrum umgewidmeten Pfarrkirche St. Marien.

Schinkel hält in der rechten Hand den Grundriß des Alten Museums in Berlin. Bauten von ihm und seiner Schule stehen bis Ostpreußen, so die einstige evangelische Kirche in Braunsberg und das noch heute evangelische Gotteshaus mit Altersheim in Nikolaiken.

Im Predigerwitwenhaus wohnte Schinkels Mutter mit ihren Kindern, als ihr Mann beim großen Stadtbrand1787 gestorben war, heute ist es Sitz der Schinkel-Gesellschaft. Nach der Feuersbrunst ließ König Friedrich Wilhelm II. die Stadt wiederaufbauen, so hat auch er sein Denkmal. Wie es auf einer modernen Tafel vor dem alten Gymnasium heißt, war es damals eine große Leistung der Bürokratie, die Stadt wie auf einem Schachbrett mit parallelen Straßen und großen Plätzen wiederherzustellen und sie so zur „preußischsten aller Städte" zu machen. Seit der Wende wurden mehr als vierhundert Gebäude renoviert.

Im Tempelgarten, heute mit Café und geschmackvollem Restaurant, gilt die Erinnerung Friedrich dem Großen. Als Kronprinz regte ihn Friedrich als „Almathea Garten "an.

Daß noch immer eine Büste von Karl Marx im Stadtzentrum steht, verschweigt der zum 190. Geburtstag von Fontane herausgegebene gut gestaltete Stadtprospekt. Die beiden parallelen Hauptstraßen der Innenstadt tragen weiterhin die Namen von Marx und Engels.

Den Ton der alten DDR glaubt der Besucher auch im Stadtmuseum zu spüren. „Statt einer Kirche wurde nach dem Stadtbrand ein repräsentatives Schulhaus in die Mitte der Stadt gebaut", heißt es da. Und an anderer Stelle steht über den eigentlichen Stadtgründer Pater Wichmann, den Prior des 1246 errichteten Dominikanerklosters: „Er vermeinte, die Aufgabe des Klosters in demütiger Hingabe an den Glauben zu sehen." Fälschlicherweise werden die Dominikaner dann zu den Buß- und Bettelorden gezählt. In Wahrheit sind sie ein Predigerorden. Prior Wichman spielt noch heute eine Rolle. In der traditionellen Kutte macht „er" Stadtführungen. Angeboten wird sogar eine Nachtwanderung mit ihm. Unter der 700jährigen Linde zwischen dem Seeufer und der einstigen Kloster-, heutigen evangelischen Kirche St. Trinitatis – dem Wahrzeichen der Stadt – soll er der Legende nach mit einem Schatz beerdigt sein.

Neuruppin hat nach der Wende rund sechstausend Einwohner verloren und zählt heute etwa 32 000 Bürger. Vor der Wende kamen dazu 30 000 Rotarmisten. Sie fehlen heute als Konsumenten. Die berühmte Fabrik, die den Feuerlöscher Minimax herstellte, ist verfallen. Rußlanddeutsche gibt es nicht. „Die ziehen weiter nach Westen." Ein muslimisches Kopftuch hat der Verfasser dieser Zeilen nicht gesehen. Der den Freien Wählern angehörende Bürgermeister hat alle Hände voll zu tun, Arbeitsplätze zu schaffen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 16 Prozent.

Fontanes Geburtshaus, die Fontane-Löwenapotheke, ist das wohl am meisten fotografierte Gebäude der Stadt. Von den drei Schaufenstern – soll man es schreiben? – wirbt eins für Mittel gegen Läuse. Auf Nachfrage in der Apotheke wird man unwirsch beschieden: „Unsere Eltern passen zu wenig auf ihre Kinder auf."

Norbert Matern (KK)

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