Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1266.

„Scham als gemeinsame Chance“

Aber auch die ist im deutsch-polnischen Verhältnis vertan, sobald oberflächliche Friedfertigkeit historischer Aufrichtigkeit das Wort verbietet

Deutsch-polnische Begegnungen und Gespräche finden zurzeit allerorts in verschiedenen Gruppierungen statt, und das ist ein Zeichen der Hoffnung. Wie anders war das noch vor zwanzig Jahren – Reiseverbot, Kontaktverbot, Verbote, über die historische Wahrheit zu reden. Das totalitäre Regime Polens wahrte streng die Oberherrschaft über die Köpfe seiner Untertanen. Auf deutscher Seite dagegen herrschte das Diktat der politisch Korrekten, für die es zu diesem Thema ebenfalls keine freie Meinungsäußerung geben durfte – aus purer Friedfertigkeit. Seit der Wende im Wunderjahr 1989 versucht man die betonierten Vorurteile aufzubrechen, das aber gelingt durchaus nicht immer.

So konnte ich während einer Diskussion in gut gemischter Zusammensetzung recht gemischte Gefühle erleben. Ein Seminar im Schlesischen Museum zu Görlitz vereinte Mitglieder der Deutsch-polnischen Gesellschaft des Landes Niedersachsen, Vertriebene und eine polnische Gruppe aus Posen.

Die Versöhnungsrede eines Vertreters des Bundes der Vertriebenen weckte bemerkenswerte Reaktionen. So protestierte ein älterer Herr, ein Deutscher, dagegen, daß die Namen Hupka und Czaja genannt wurden, weil sie bei seiner jugendlichen polnischen Begleiterin Unruhe und Unbehagen weckten. Mich erinnerte das an die Anekdote, die Herbert Hupka gern erzählte: Ein junger Pole gestand ihm in einem freundschaftlichen Gespräch nach der Wende, seine Mutter habe ihm als Kind mit Hupka und Czaja gedroht, wenn er nicht essen wollte. Beide Herren haben sich bei allem Altersunterschied köstlich darüber amüsiert. Aber das war vor fast zwanzig Jahren.

Vielleicht liegen die Mißverständnisse gerade darin begründet, daß man zu selten an die Verdienste von wortführenden Vertriebenen wie Herbert Czaja, der die Wende nicht mehr erlebte, und Herbert Hupka erinnert, der sich, als die Zeit gekommen war, mit Hingabe um die Belange seiner Heimatstadt Ratibor kümmerte und dafür sogar zum verdienten Bürger ernannt wurde. Die Vertriebenen wurden nach der Wende, insbesondere in Schlesien, als Avantgarde der Versöhnung (Andreas Kossert) wahrgenommen, denn sie, die ehemaligen Bewohner, waren die ersten Helfer in der Not, die hinfuhren, Geld sammelten, Kirchen instandsetzten, Orgeln reparierten, mit den Neubewohnern freundschaftliche Kontakte knüpften und unzählige deutsch-polnische Seminare organisierten. Wer das bisher nicht zur Kenntnis genommen hat, hat die Zeichen der Zeit verschlafen.

In derselben Diskussion sprach sich eine ältere Polin in gutem Deutsch dafür aus, man solle über die Vertreibung der Deutschen aus Polen überhaupt nicht mehr sprechen, denn das Wort wecke ungute Gefühle bei den Polen und behindere den Versöhnungsprozeß. Das Wort! Man kann natürlich vorschlagen, ein anderes polnisches Wort als „Wypedzenie“ zu wählen, das grob klingt, mit Viehtreiben assoziiert werden kann, weil es in dieser Sprache für den gleichen Vorgang auch eine zweite Bezeichnung gibt – „Wygnanie“. „Wygnanie“ ist ein biblisches Wort, die polnischen Aufständischen von 1830, die nach Dresden und Paris emigrierten, wurden als „Wygnancy“, als ihr Schicksal erleidende Vertriebene bezeichnet. Aber damit ändert sich nichts an der historischen Tatsache. Auch wenn alle sich wünschten, es wäre nicht geschehen, die Vertreibung der Deutschen nach dem furchtbaren Krieg und unter den Vorzeichen der zweiten verbrecherischen totalitären Macht hat stattgefunden. Das ist leider eine historische Tatsache wahrhaft biblischen Ausmaßes. 15 Millionen Menschen wurden ihrer Existenzgrundlage beraubt und aus ihrer jahrhundertelang bewohnten Heimat vertrieben. Millionen kamen dabei ums Leben.

Helfen können nur aufrichtige Gespräche. Helfen kann zur Zeit vor allem eine Erweiterung des europäischen Bewußtseins besonders auf polnischer Seite. Dabei gab es nach der Wende durchaus aufrichtige Äußerungen polnischer Intellektueller. So schrieb der bekannte Publizist Zygmunt Kaluzynski, die sogenannten wiedergewonnenen Gebiete seien das einzige stalinistische Unrecht, das wiedergutgemacht werden könne. Der Philosoph Leszek Kolakowski stellte fest, über der Geschichte aller europäischen Völker lägen Schatten, und er meinte damit auch die Polen. Und der Star-Publizist Adam Krzeminski titelte: Scham als gemeinsame Chance. Das war einmal. 

Das hat sich geändert. Vielleicht weil von deutscher Seite kein Interesse an einem polnischen Schuldbekenntnis gezeigt wurde, gab man es auf, eigene Schuld zu reflektieren. Oder die Reflexionen „von oben“ sind noch nicht bei allen angekommen. Es bleibt festzustellen, daß sich jetzt – fast zwanzig Jahre nach der Wende – immer häufiger Belege dafür finden, daß man auf polnischer Seite an das Unrecht der Vertreibung nicht erinnert werden möchte.

Ein Beispiel von vielen: In einem historischen Abriß über die hundertjährige Geschichte der ehemaligen Mädchenschule im heutigen Zabrze, das früher Hindenburg hieß, der der Einladung zum Jubiläum beigefügt war, wird nicht ein einziges Mal erwähnt, daß es eine deutsche Schule war, von Deutschen gebaut, von deutschen Kindern besucht. Ein Mädchen-Lyzeum übrigens, in dem meine Tante Schülerin war und ich selbst nach 1945. Und dann kommt  ein Satz, bei dem es einem, der die schlimme Zeit erlebt hat, den Atem verschlägt: „nach der Befreiung 1945“ (po wyzwoleniu) sei hier ein Mädchengymnasium errichtet worden. 

Man fragt sich unwillkürlich: Soll das der neue Sprachgebrauch in Polen sein? Soll etwa das Wort „Vertreibung“ durch „Befreiung“ ersetzt werden? Aber von wem oder wovon wurden denn die Bewohner Hindenburgs 1945 befreit? Die bittere Antwort lautet: von ihrem Besitz, von ihrer gewohnten Lebenswelt, und manche ließen dabei sogar ihr Leben. Bei aller Friedfertigkeit und Anerkennung des Status quo, das weckt unbedingten Widerspruch. Ich wurde in dieser Schule dem Versuch unterzogen, mich von meiner Muttersprache „zu befreien“ – ich wurde  zwangsassimiliert.

Ich habe vor Jahren ein Buch über die Tragödien der Vertreibung sowie der Zwangsentfremdung in der Heimat geschrieben. Eigentlich hätte ich den Organisatoren des Jubiläums meine trotz allem friedliche Geschichte über diese Schule schicken wollen, aber es wäre sinnlos gewesen. Leider.

Renata Schumann (KK)

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