Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1237.

„Schläft das Reich?“

Deportation pommerscher Juden in den Distrikt Lublin 1940 – ein Probelauf für den Holocaust

Unter dem 19. Februar 1940 notierte der Dichter und Schriftsteller Jochen Klepper in seinem Tagebuch: „Das Gerücht stimmt: aus Stettin sind 1200 Juden nach Lublin deportiert, ohne alles Eigentum, mit dem notwendigsten Proviant und Gepäck. Auch ganz alte Leute sind darunter.“ Desgleichen hörte der nach Botschafterjahren in Rom 1938 nicht wiederverwendete Ulrich von Hassell bei einem Berlin-Besuch davon, wie einer Niederschrift in seinem Tagebuch vom 11. März 1940 zu entnehmen ist.

Obwohl beide Textstellen seit 1956 bzw. 1946 im Druck vorliegen, ist die historische Forschung besagter Deportation in den Distrikt Lublin bisher kaum nachgegangen. Infolgedessen blieb diese in der Geschichtsschreibung weitgehend unbeachtet und konnte so nicht in das allgemeine Bewußtsein dringen. Jüngst hat sich Dr. Irmfried Garbe vom Lehrstuhl für Kirchengeschichte an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald des Falles angenommen. Auf einer Veranstaltung der Gesellschaft für Pommersche Geschichte, Altertumskunde und Kunst im Haus des Deutschen Ostens in München berichtete er von seinen Forschungsergebnissen.

Betroffen von der als Evakuierung ausgegebenen Aktion, der ersten ihrer Art im Altreich, waren etwa 1100 Personen, nahezu alle bis zu diesem Zeitpunkt in Pommern verbliebenen Juden, davon aus Stettin weit über 600. Höchstens zwölf von ihnen sollten die nationalsozialistische Herrschaft überleben. Die zur Deportation Bestimmten wurden am 12. und 13. Februar 1940 in Stettin gesammelt und vom dortigen Hauptgüterbahnhof mit der Eisenbahn auf die 690 Kilometer lange Strecke nach Lublin geschickt, wo sie am Morgen des 17. Februars ankamen. Die Strapazen, die sie in den überfüllten und trotz der strengen Winterkälte ungeheizten sowie unbeleuchteten Reisezugwagen 4. Klasse erlitten hatten, steigerten sich noch erheblich, als sie sich mit Ausnahme der Alten auf Fußmärsche zu den jüdisch-polnischen Ortschaften machen mußten, in denen sie Obdach finden sollten. Bis zum 12. März waren 230 Personen auf dem Leidensweg umgekommen, etwa ein Viertel der ursprünglichen Zahl. Juden aus Schneidemühl kamen hinzu.

Die Lebensumstände im jüdischen Schtetl waren erbärmlich, zumal sie von polizeilicher Gewalt bestimmt waren. Immerhin blieb die Postverbindung mit der Heimat erhalten, die später mit der Einweisung in ein Konzentrationslager abreißen sollte. „Schläft das Reich?“ fragte eine der deportierten Frauen in einem Brief.

Dort, im Reich, war noch vor Kriegsbeginn ein interkonfessionelles Hilfswerk für Verfolgte entstanden, dem in Pommern junge Pfarrer der Bekennenden Kirche und Mitglieder der christlichen Quäker angehörten. Briefe und Pakete mit Lebensmitteln, Medikamenten und Verbandszeug linderten die seelische und die leibliche Not an den Deportationsorten. Besonders zu nennen ist Margarethe Lachmund in Greifswald, die offizielle Vertreterin des „Büros Grober“, das Menschen jüdischer Abkunft in ganz Deutschland zu helfen suchte. Sie schickte den pommerschen Juden bis zum Frühjahr 1943 wöchentlich Pakete und Geld. Als sie dann im Generalgouvernement niemanden mehr erreichen konnte, sandte sie ihre Pakete bis zum Januar 1945 nach Theresienstadt.

Überdies war der Fall in eine weitere Öffentlichkeit gedrungen. Die „Neue Zürcher Zeitung“ und die dänische Zeitung „Politiken“ hatten bereits am 15. Februar 1940 über ihn berichtet, wodurch es zu Anfragen beim Auswärtigen Amt in Berlin gekommen war. Das Auswärtige Amt wiederum machte daraufhin das Reichssicherungshauptamt auf die Möglichkeit diplomatischer Folgen und Verwicklungen aufmerksam. Das Internationale Rote Kreuz, Kreisgruppe Krakau, richtete am 14. März einen schonungslosen Bericht über die Leiden der Deportierten an die Reichsregierung, den der Chef der Reichskanzlei, Lammers, an Heinrich Himmler weiterreichte. Inzwischen hatten Hermann Göring als Vorsitzender des Reichsverteidigungsrates und Generalgouverneur Hans Frank in Krakau ein Verbot weiterer Deportationen in das Generalgouvernement betrieben, das am 24. März wirksam wurde. Bis Oktober 1940 gab es keine solchen Massentransporte mehr.

Die Verschickung der pommerschen Juden in den Distrikt Lublin war ein Probelauf gewesen. Die Verantwortlichen wollten erkunden, wie die Bevölkerung des Altreichs den Abschub der jüdischen Mitbürger (zugunsten der „heim ins Reich“ geführten Volksdeutschen aus dem Osten und dem Südosten) aufnehmen würde. Denn bisher hatte es derartige Transporte nur aus Wien, Mährisch Ostrau und Kattowitz gegeben. Warum für diesen Versuch die Provinz Pommern ausersehen worden war, ist noch unklar. Für die Annahme, daß ein Bestreben des Gauleiters und Oberpräsidenten Franz Schwede-Coburg, seine Provinz „judenfrei“ melden zu können, den Ausschlag gegeben haben könnte, gibt es keine Anhaltspunkte. Für den Referenten Irmfried Garbe steht außer Zweifel, daß die Deportation „keine provinzielle Einzelaktion“ war, „sondern Bestandteil umfassender Planungen, die auf Reichsebene beraten und exekutiert wurden bzw. werden sollten“.

Peter Mast (KK)

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