Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1239.

„Und jeden blickt’s wie seine Heimat an“

Vor 200 Jahren erkor Joseph von Eichendorff Heidelberg zum Hort einer romantischen Empfindung, die nicht nur seine Poesie prägte

„In der Mondhelle passierten wir das Städtchen Neckarsteinach, das ein Vorspiel von Heidelberg höchst romantisch und ganz eng zwischen felsigten belaubten Bergen ruht. Immer schöner. Zu beiden Seiten hohe steile belaubigte und blühende Berge voll Vögel, die dem dämmernden Morgen entgegensangen. In der Mitte des engen Tales der Neckar, links am Ufer die Chaussee. Endlich um 4:00 Uhr morgens fuhren wir mit Herzklopfen durch das schöne Triumphtor in Heidelberg ein, das eine über alle unsere Erwartung unbeschreiblich wunderschöne Lage hat. Enges blühendes Tal, in der Mitte der Neckar, rechts und links hohe felsigte laubigte Berge. Am linken Ufer Heidelberg, groß und schön, fast wie Karlsbad. Nur eine Hauptstraße mit mehreren Toren und Märkten. Links überschaut von dem Abhang eines Berges die alten Pfalzburg, gewiß die größte und schönste Ruine Deutschlands, majestätisch die ganze Stadt. Alles schlief noch. Nur Studenten, wie überall gleich zu erkennen, durchzogen mit ihren Tabakspfeifen schon die Straßen. Wir kehrten im Karlsberge auf dem Paradeplatz ein und legten uns noch einige Stunden schlafen. (…)

Nachmittags bestieg ich zum ersten Mal den Heiligenberg, dessen untere Hälfte mit Weingärten, die obere mit Laubholz bedeckt ist, und obschon ich mich so verirrte, daß ich durchaus den Gipfel nicht erreichen konnte, so genoß ich doch die himmlischste Aussicht ganz unten auf die ganze Stadt, vor mir auf eine unendliche, schimmernde Ebene, die sich bis Frankreich hin erstreckt, in der sich die Türme von Mannheim erheben und die vom Rhein wie von einem Silberfaden durchschnitten und rechts von den blauen Grenzgebirgen begrenzt wird. Gen Abend die Wirtstöchter in dem Gärtchen unter unseren Fenstern kokettierend zur Gitarre bekannte Lieder gesungen, in mir alte Erinnerungen erweckend. (…)

Nachmittags schwärmte ich oben in dem paradiesischen Hofgarten herum, wo sich eine Terrasse über der anderen erhebt voll Alleen und Brunnen, Klüften etc. (auch Coffeehaus), und durchkroch alle Winkel der alten herrlichen Burg. Eine Brücke über ein blühendes Tal führte durch ein antiques Tor in einen weiten gepflasterten Hof, zwei Hauptgebäude, eines von Friedrich, eines von Ottheinrich, voll alter Statuen. Herrliche Altane, von wo man die ganze Stadt übersieht. Alter Turm, dessen eine Hälfte abgerissen und gesunken, so daß man in alle Gewölbe sieht. Herrlich, himmlisch …

Gen Abend Musik im Schloßgarten, die ich über dem Garten auf dem Berge rauchend auf und abwandelnd genoß. Himmlische Aussicht bei Sonnenuntergang (nirgendwo so schön) in das ferne himmlische Tal, ganz im rosigen Duft schwimmend, der lieblich an den Ruinen der Burg schimmert, aus der die Töne durch die Berge hallen. Eigene Stimmung von wegen des Geldes.“

Als die Brüder Wilhelm und Joseph von Eichendorff in der Morgendämmerung des 17. Mai 1807 Heidelberg erreichten – es war ein Sonntag –, hatten sie eine 15tägige Reise von 1150 Kilometern hinter sich. Am Abend des 2. Mai 1807 waren sie in Lubowitz  bei Ratibor in Oberschlesien aufgebrochen und mit eigenem Wagen und  Kutscher über Olmütz, Brünn,  Linz und Schärding an Passau vorbei nach Regensburg und von dort über Nürnberg und Ansbach gereist, nicht ohne die damals so gut wie unvermeidlichen Achsen- oder Radbrüche an ihrer Kutsche zu erleben, um schließlich in der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1807 mit Neckarelz das Neckartal zu erreichen. Im Mondlicht ging es dann weiter nach Heidelberg.

Es war die zweite Studentenreise der Brüder Eichendorff. Die erste 1805 hatte die Universität Halle zum Ziel gehabt, die sie mit ihrer Aufhebung durch Napoleon nach dem Zusammenbruch des altpreußischen Staates 1806 verlassen mußten. Nach langem Überlegen in der Familie – man hatte auch schon ein Studium an der baltischen Universität Dorpat erwogen – fiel die Entscheidung für ein Weiterstudium im ruhig gebliebenen und eigentlich Preußen sogar feindlichen Rheinbundstaat Baden und damit in Heidelberg. An seiner Universität waren 1807 etwa 450 Studenten eingeschrieben. Abgeschlossen haben beide Brüder ihr Jura- und Volkswirtschaftsstudium 1812 an der Universität Wien.

Die Vögel, die in den blühenden Bergen um Heidelberg dem dämmernden Morgen des 17. Mai 1807 entgegensangen, haben zugleich den Beginn einer Epoche der Weltliteratur verkündet, denn die Ankunft von Joseph von Eichendorff in Heidelberg markiert auch den Beginn der romantischen Literatur, die schließlich ganz Europa erfaßt hat, bis weit nach Rußland.

Zugleich hat mit dem Ende der Studentenreise in Heidelberg für den Dichter eine neue Reise begonnen, die 50 Jahre und sechs Monate dauern wird, bis er am 26. November 1857 im oberschlesischen Neisse stirbt. Dazwischen ist er in seinen Träumen beinahe jede Nacht wieder in Heidelberg angekommen, innerlich verlassen hat er es nie. Seine gesamte Dichtung ist neben der Beschwörung der Kinder- und Jugendheimat Lubowitz eine stetige Wiederkehr in die Magie von Heidelberg, die der Dichter so zu einer der großen Magien der Weltkultur gemacht hat, die rund um den Globus sehr ähnlich wahrgenommen wird, selbst von den Vertretern der asiatischen Hochkulturen. Ganz erklärbar wird sie nie sein, auffallend ist aber, daß es seit Eichendorff vor allem Männer sind, die sich, oft von Melancholie oder Schmerz getrieben, der Magierin Heidelberg in die Arme werfen. Die Wegzeiger zu dieser Magie hat als erster und mit der größten Gültigkeit Eichendorff aufgestellt. Seine letzte Versdichtung, das kleine Epos „Robert und Guiscard“ von 1854, war auch sein letzter Heidelberg-Hymnus:

In dieses Märchens Bann verzaubert stehen
Die Wanderer still – zieh’ weiter, wer da kann!
So haben sie’s in Träumen wohl gesehen,
Und jeden blickt’s wie seine Heimat an.
Und Keinem hat der Zauber noch gelogen,
Denn Heidelberg war’s, wo sie eingezogen.

Dietmar Stutzer (KK)

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