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Ausgaben: Ausgabe 1256.

„Wand“-Malerei

Reinhardt Schuster hat mit seiner Kunst die Wände einer Düsseldorfer Tordurchfahrt durchlässig gemacht für seine und unsere Vorstellungen

Eigentlich besteht die „Wand“ aus den zwei Wänden und der sie ver­bindenden Decke in der Tordurchfahrt Aachener Straße 39 in Düsseldorf.

Seit einer Reihe von Jahren bereits ist der aus Siebenbürgen stammende, heute in Bonn–Bad Godesberg ansässige Maler Reinhardt Schuster damit beschäftigt, die 3,25 mal 15 Meter großen Längsflächen künstlerisch auszugestalten. Eine denkbar schwierige Aufgabe, die eine griffige Konzeption erfordert, ungünstige Licht- und Raumverhältnisse zu berücksich­tigen hat, zumal die Örtlichkeit auf der einen Hälfte hinderliche Attribute wie Türen, Leuchtkörper und Kabelverklei­dungen aufweist. Die gegenüberliegende Fläche liegt zwar einla­dend wie eine große Leinwand da, ist aber mit einer feinen Schot­terschicht überdeckt, was die zweifache Grundierung und ein erhebliches Maß an Mehrarbeit erforderte. Alles zusammen­genommen waren das eher abschreckende Voraussetzungen. Dennoch ging von den Wän­den in der Aachener Straße eine Verlockung aus, „als hätte ich mich bereits die längste Zeit auf eine solche Aufgabe zubewegt“, sagt Reinhardt Schuster.

Von historischen und stadtlandschaftlichen Dissonanzen umschlossen, bieten sich die Wände durchaus nicht als neutral aufzufassende und zu gestalten­de künstlerische Vorlage an. Schuster stellte sich der Herausfor­derung thematisch und formell, indem er die Bunkerseite bedroh­lich und dunkel gestaltete, die gegenüberliegende Stadtseite hingegen heiter und hell. Malerisch und inhaltlich sollen die unter­schiedlichen Wände den Zustand der Welt wiedergeben, aber kein Programm vermitteln. Die Sensibilität des Malers für das, was ist, versteigt sich nicht zur Belehrung und verirrt sich nicht in eine wie immer geartete Ideologie. Es ist seine erlebte, erlittene und wahrgenommene Welt, nicht als Entdeckung, auch nicht als Anklage, son­dern schlichtweg als zeitgebundenes künstlerisches Motiv.

In der Ausstellung im Lernort Studio sind die Vor­arbeiten und Parallelstü­cke zur „Wand“ zu sehen. Skizzen, Entwürfe und Tafelbilder weisen über das eigentliche Projekt hinaus darauf hin, wie intensiv sich der Maler schon immer mit dem Thema Krieg und Gewalt be­schäftigt hat, auch wenn es vordergründig nicht sein Gesamtwerk be­stimmt. Der eigenen Kriegsnot und Entrechtung in den Kind­heitsjahren folgten Kuba-Krise, Kalter Krieg und Ceausescus so­zialistische Diktatur, die den eher unpolitischen, aber von den Ereignissen sehr wohl betroffenen Künstler nicht unberührt ließen.

Seine Bilder zum Thema Gewalt reißen Jahrzehnte hindurch nicht ab. „Ich wußte“, so Schuster, „daß alles nur Vorarbeiten für eine großangelegte Kom­position sind.“ Er malte seinen „Satrap“ und beschrieb damit die Selbstherrlichkeit des rumänischen Diktators, als Kommentar zum Balkankrieg läßt sich „An der schönen blauen Donau“ betrachten, und in einer Reihe von Schrott-Bildern prangerte er die Wiederbelebung alter Rüstungsbegehrlichkeiten an. Dann boten sich geradezu erlösend die Wände in der Aachener Straße an, und so wird verständlich, was den Maler tätig und bei Laune erhält, wenn es um die „Wände“ geht, obwohl deren künstlerische Aufwertung weder gefördert noch jemals sein Künstlerbrot versüßen wird. Hier gönnt sich der Künst­ler einen Luxus, den er sich eigentlich nicht leisten, auf den er aber auch nicht verzichten kann.

Nach sieben Arbeitsjahren nun diese Ausstellung im Lernort Studio und die „Übergabe“, wenngleich es ausgemachte Sache ist, daß wir Reinhardt Schuster auch weiterhin im Arbeitskittel vor seinen „Wänden“ finden werden. So ganz fertig, findet er, ist das alles nicht, und wir sind gut beraten, die Entscheidung darüber ihm selbst zu überlassen. Der Vergleich zwischen den Einzelbildern und der „Wand“ zeigt, wie sich – nach Schuster – eine thematische Konstante im Ausdruck, in der Darstellungsweise wandelt und in der Fläche eine vertiefte Sinnge­bung erhalten kann. „Mir geht es“, sagte er in einem Gespräch, „um eine, wenn auch in Teilen bestehende, einheitliche Komposi­tion, die zusammengehalten wird durch eine das Ganze durchzie­hende Rhythmik und kontrapunktmäßige Elemente. Das ist nur mit Hilfe einer flächenhaft aufgefaßten Gestaltung zu erreichen, die die Wände als solche respektiert, ohne durch tiefenillusorische Tricks Löcher in sie zu malen.“

Franz Heinz (KK)

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