Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1267.

„Wer zählt die Völker“ – und vergißt den Menschen nicht?

Demographischer Kongreß an der Universität Grünberg/Zielona Gora

Im Oktober 2008 fand an der Universität Zielona Góra der wissenschaftliche Kongreß „Demographischer Wandel in Mitteleuropa seit dem 18. Jahrhundert“ statt. Das internationale Treffen deutscher, polnischer und tschechischer Wissenschaftler wurde auf Initiative des Instituts für Geschichte und des Statistischen Amtes Zielona Góra veranstaltet. Es kann zugleich als eine Krönung der Zusammenarbeit der beiden Institutionen und des 15. Gründungsjubiläums des Vereins für Lausitzforschung verstanden werden. Die fruchtbare Tagung hat sowohl eine Übersicht über die demographische Politik der letzten zwei Jahrhunderte als auch eine Würdigung des polnischen Historikers Professor Mieczyslaw Kedelski (1946–1998) gebracht. Kedelski gilt als einer der angesehensten polnischen Statistiker und Demographen, als Pionier auf dem Gebiet der Demometrie.

Mieczyslaw Kedelski war Schüler von Stanislaw Borowski und Absolvent der Wirtschaftsakademie Posen/Poznan. Im Jahre 1971 nahm er dort seine Tätigkeit in Lehre und Forschung auf, indem er das Demographische Labor, den Lehrstuhl Statistik und Demographie und als Vizedekan die Fakultät Planung und Verwaltung zu leiten begann. 1974 wurde Kedelski Mitglied des Komitees für Demographische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften PAN, in der Zeit von 1984 bis 1991 war er dort für die Sektion Demographie verantwortlich.

Der polnische Historiker war ein großartiger Interpret demographischer Phänomene und Kenner der Methodologie von Lebenserwartungsberechnungen. Ein von ihm erarbeitetes Tabellensystem zur Bestimmung von Mortalität und mehrdimensionaler Klassenanalyse belegt seine unbestreitbare Vorreiterrolle auf diesem Gebiet. Dank seiner Leistungen konnten – unter historischen und prospektiven Aspekten – die Form und Dynamik der Migrations- und Urbanisierungsprozesse in Westpolen vor und nach 1989 eingeschätzt werden. Eine Annäherung an die Persönlichkeit des geistigen Patrons der Konferenz und deren Würdigung wurden in Beiträgen und Anekdoten von seinen Freunden, Schülern und geistigen Erben versucht: Prof. Jan Paradysz und Prof. Elzbieta Golata (Wirtschaftsakademie Posen/Poznan, Lehrstuhl für Statistik), Prof. Tomasz Jaworski (Institut für Geschichte der Universität Grünberg/Zielona Góra, Vorsitzender des Vereins für Lausitzforschung) und Piotr Kowalski (Verein für Lausitzforschung, Sorau/Zary).

Die Rede zur feierlichen Eröffnung der Tagung hielt der Dekan der Humanistischen Fakultät der Universität Grünberg/Zielona Góra, Prof. Wojciech Strzyzewski. Er betonte die einmalige Rolle der Demographie in Politik, Geschichte und Familienleben. Prof. Janusz Witkowski, Vizevorsitzender des Hauptamts für Statistik (GUS), äußerte seine Freude über die gemeinsame Initiative von GUS und Universität. Er betrachte die niederschlesische Alma Mater als wichtigen Partner und Nutzer der Statistik. Eine Danksagung an die Universitätsbehörden kam auch von Seiten des Direktors des Woiwodschaftsamtes für Statistik, Roman Fedak.

Die Bedeutung der heutigen Woiwodschaft Lubuskie für Bevölkerungsrecherchen ist nicht zu unterschätzen. Das mag vor allem an der spezifischen Lage der Spree-Neiße-Region liegen, die seit Jahrhunderten dynamische Veränderungen in Hinblick auf räumliche Mobilität und Wirtschaftsentwicklung nach sich zieht. Prof. Witkowski stellte in seinem Referat die neueste demographische Prognose für den Zeitraum von 2008 bis 2035 vor, wobei die Alterungsprozesse und die Sozialpolitik der Grenzregion nicht ausgeklammert wurden.

Jan Berger aus Warschau befaßte sich in seinem Beitrag mit der Tätigkeit des Polnischen Instituts für Bevölkerungsforschung in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts und skizzierte die Rolle seiner Mitbegründer Ludwik Krzywicki, Marcin Kacprzak und Stefan Szulc. Die von den Wissenschaftlern unter allen Gesellschafts- und Berufsklassen durchgeführten Umfragen ermöglichten es, Fertilitätsmuster und Bevölkerungszuwachstendenzen im damaligen Polen zu bestimmen.

In seinem Vortrag „Zahlen: Menschenleben, Gedanken, Hoffnungen und Gefahren“ knüpfte Prof. Tomasz Jaworski an das biblische 4. Buch Mose (Numeri), also an eine der ersten „demographischen“ Quellen, an. Er gab eine zusammenfassende Übersicht über das demographischen Denken in Polen und Europa.

Besonders hervorgehoben wurden das Jahr 1789 – das Datum der ersten Volkszählung in Polen – und die Tätigkeit von Fryderyk Józef Moszynski und Feliks Franciszek Loyko. Die erwähnten Reformatoren führten Ende des 18. Jahrhunderts Begriffe wie Marktpreis des Bodens und Humankapital in die Wissenschaft ein.

Prof. Jan Paradysz leitete mit seinen Ausführungen zur „Französischen Demographie und deren Perzeption im Posener wissenschaftlichen Milieu“ eine Diskussion über die Entwicklung der Wissenschaft an Seine und Weichsel ein. Er betonte auch die Errungenschaften der Begründer und Leiter des Institut national d’études démographiques (INED), u.a. Daniel Courgeau, Louis Henry und Patrick Festy. Letzterer wurde als ein bedeutender Forscher auf dem Gebiet der demographischen Translation und Estimation bezeichnet. Bemerkenswert ist, daß Paradysz und Kedelski in den 70er und 80er Jahren wissenschaftliche Stipendien für einen Aufenthalt in Paris erhalten hatten. Der von Prof. Paradysz und Prof. Golata mitgeleitete Lehrstuhl für Statistik Posen/Poznañ schöpft aus der französischen Tradition und setzt den Gedanken der indirekten Estimation fort.

Als herausragend erwies sich der Beitrag von Prof. Rolf Gehrmann (Frankfurt an der Oder), „Der demographische Umbruch vom 18. zum 19. Jahrhundert in Norddeutschland – ein auf die Gebiete östlich von Oder und Neiße übertragbares Modell?“ Der deutsche Wissenschaftler hob in seiner vergleichenden Studie die Unterschiede in den Kindersterblichkeitsraten zwischen dem westlichen und östlichen Mitteleuropa hervor und wies dabei auf verschiedene Fertilitäts- und Reproduktionsmuster hin.

Im Programm der Konferenz fanden sich weitere Beiträge vereint, u.a. zur „Preußische Statistik und demographischem Gedankengut im 18. Jahrhundert“ von Dr. Hanna Kurowska, dem „Soziodemographischen Wandel in der Oberlausitz im 18. Jahrhundert“ von Agnieszka Lipinska, dem „Religiösen Hintergrund der Auswanderung aus dem mittleren Oderland nach Südaustralien im 19. Jahrhundert“ von Anitta Maksymowics und den „Methodischen Zugängen in der tschechischen Forschung der letzten 20 Jahre“ von Alice Velkova.

Insgesamt traten 36 Referenten aus drei Ländern auf. Im Lichte der gegenwärtig ununterbrochen stattfindenden Bevölkerungswanderung in Polen, Deutschland und Europa muß man feststellen, daß die historische und die Gegenwartsdemographie immer mehr an Bedeutung gewinnen. Sie ergänzen sich gegenseitig und werden zu interdisziplinären Wissenschaften, indem sie sich in den Bereichen Sozialpolitik und Wirtschaft zunehmend als unentbehrlich erweisen. Der Nachlaß von Mieczyslaw Kedelski ist ein prägnanter Beweis dafür.

Izabela Taraszczuk (KK)

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