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Ausgaben: Ausgabe 1241.

„Wetterlaunen“ im Kalten Krieg: Tauperioden und Frost

Das Tauwetter von 1956 zog auch an der DDR nicht spurlos vorüber. Nach Chruschtschows Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU konnten Intellektuelle auch in Ulbrichts Staat so offen über die Mißstände diskutieren, wie dies dann bis 1989 nicht mehr der Fall war. In Literatenclubs, dem Leipziger Philosophen-Zirkel um Ernst Bloch und vor allem im sogenannten Kreis der Gleichgesinnten im Berliner Aufbau-Verlag wurden Vorschläge zur Demokratisierung erarbeitet.

Die von der SED-Propaganda später „Harich-Gruppe“ genannte lockere Gemeinschaft um den Aufbau-Leiter Walter Janka und den Philosophen Wolfgang Harich bereitete über Debatten vor allem in der Wochenzeitung „Sonntag“ ein Memorandum vor, das Forderungen wie die Autonomie der Hochschulen, eine Verlangsamung der landwirtschaftlichen Kollektivierung, ein stärker leistungsbetontes Wirtschaftsleben und eine freie Presse umfassen sollte. Nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes konnte der fast schon abgeschriebene Ulbricht zurückschlagen. Janka, Harich und andere der „Gleichgesinnten“ wurden verhaftet und abgeurteilt.

Der renommierte Historiker Siegfried Prokop, 1940 im Sudentenland geboren, langjähriger DDR-Spezialist an der Berliner Humboldt-Universität, hat umfassend wie keiner vor ihm über die Entwicklungen im heißen DDR-Herbst des Jahres 1956 geschrieben und dabei manch Interessantes aufgedeckt, über einen IM in der West-Berliner SPD-Spitze etwa oder über Harichs Gespräche in Hamburg. Bei denen versichert ihm Rudolf Augstein, daß er im Wahlkampf des Jahres 1957 gegen den „Krebsschaden“ Adenauer schreiben werde und daß bei einer Wiedervereinigung die Bodenreform und das „umgestaltete“ Bildungswesen auf dem Gebiet der DDR beibehalten werden müßten. Außerdem sollten die Reformer doch glücklich über den „wendigen alten Fuchs“ Ulbricht an der Parteispitze sein.

An Prokops Standardwerk wird die Forschung über Reformansätze in der DDR nicht vorbeikommen.

Siegfried Prokop: 1956 – DDR am Scheideweg. Kai-Homilius-Verlag, Berlin 2007, 380 Seiten, 19,90 Euro

Timo Fehrensen (KK)

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