Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1215.

„Wörter, meine Fallschirme“

Wenig ehrenhafte, eher pflichtschuldige Ehrung des oberschlesischen Schriftstellers Horst Bienek in der Münchner Residenz

Des Schriftstellers Horst Bienek (1930–1990) aus Gleiwitz in Oberschlesien ist in den anderthalb Jahrzehnten nach seinem plötzlichen Tod am 7. Dezember 1990 kaum gedacht worden. Weder zum 70. Geburtstag noch zum zehnten Todestag im Jahr 2000 wollten sich der Carl Hanser Verlag in München, wo 1975/82 seine vier Romane über den Untergang Oberschlesiens im Zweiten Weltkrieg erschienen waren, und die Bayerische Akademie der Schönen Künste, deren Vizepräsident er zuletzt war, seiner erinnern; lediglich der Deutsche Taschenbuch-Verlag in München, dessen Lektor er mehrere Jahre gewesen ist, ehrte ihn mit einer Taschenbuchausgabe seiner Romantetralogie.

Auch der 75. Geburtstag des Autors am 7. Mai vorigen Jahres ging vorüber, ohne daß an seine Gedichte und Romane, für welche er mit dem Bremer Literaturpreis (1969), dem Kulturpreis Schlesien (1978), dem Nelly-Sachs-Preis (1981), dem Andreas-Gryphius-Preis (1983) und dem bayerischen Jean-Paul-Preis (1989) ausgezeichnet worden war, erinnert worden wäre. Erst in den Wochen danach ergriff Michael Krüger, der Leiter des Hanser Verlags, die Initiative und regte die Erarbeitung einer Ausstellung an, die am 5. Dezember unter dem Titel „Wörter, meine Fallschirme“ in einem kahlen, unfreundlichen Saal der Münchner Residenz am Max-Joseph-Platz eröffnet wurde.

Wenn man den abgelegenen Ausstellungsort, auf den kein Schild hinweist, endlich über mehrere Treppen erreicht hat, mag man sich kaum vorstellen, daß die Bayerische Akademie der Schönen Künste für diese dürftige Autorenehrung zuständig ist. Was man da auf 27 Papierfahnen, die an den vier Wänden hängen, zu sehen bekommt, sind mit Fotos garnierte Exzerpte aus Prosatexten und Gedichten, die immerhin einen schmalen Einblick ermöglichen in dieses von biographischen Umbrüchen erfüllte Leben.

Er war gerade 15 Jahre alt, als er seine Heimatstadt Gleiwitz, die von der Sowjetarmee besetzt worden war, verlassen mußte. In seinem postum veröffentlichten Text „Die vertauschten Augen“ (1991) kann man über diese Kindheit lesen: „Ich komme aus einer kleinen Stadt, aus Gleiwitz, damals im alten Reich, ganz weit im Osten, gelegen. Heute heißt die Stadt Gliwice und liegt mitten in Polen. Ich bin dort oft an der Klodwitzbrücke gestanden und habe zugesehen, wie das Wasser in die Oder floß.“ Schon diese frühen Jahre waren von Verlusten geprägt. So kehrten zwei seiner Brüder aus dem Krieg nicht zurück, er war das jüngste Kind: „Keiner fragte, wie ich damit fertig wurde.“ Und als in den letzten Kriegswochen 1945 das nicht weit entfernte Konzentrationslager Auschwitz aufgelöst wurde, sah er, wie die ausgehungerten Häftlinge durch Gleiwitz getrieben wurden: „…sie marschierten durch die Kronprinzenstraße, ich saß in der Straßenbahn und sah, wie die Häftlinge auf der einen Seite der Straße geprügelt wurden, um uns Platz zu machen. Alle haben diesen Zug gesehn, die Leute standen am Straßenrand und bekreuzigten sich, sie wußten, daß es kein gutes Ende nehmen würde, nicht für sie, nicht für die Stadt, nicht für das Reich.“

Als Flüchtling kam er zunächst nach Köthen bei Halle, später nach Potsdam, 1949 veröffentlichte er erste Gedichte in Peter Huchels Zeitschrift „Sinn und Form“ und las mit der 1926 geborenen Lyrikerin Christa Reinig, die 1964 nach Westdeutschland ging, heimlich verbotene Westliteratur: „Ich wußte, daß wir Verbrecher waren. Aber wir waren Verbrecher mit gutem Gewissen“ (Christa Reinig). In seinem Personalausweis vom 3. Februar 1949 stand noch „Geburtsort Gleiwitz, Oberschlesien“. Später durften nur noch die polnischen Namen schlesischer Orte genannt werden. Von Potsdam ging er nach Berlin und wurde 1951 Meisterschüler Bertolt Brechts am Berliner Ensemble im historischen Zentrum Berlins.
Am 8. November 1951 wurde Horst Bienek unvermutet von einem Sowjetgeheimdienst verhaftet und am 8. März 1952 zu 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Gründe mußten dafür nicht genannt werden, es genügte, wenn man als „Feind“ galt. Diese dreieinhalb Jahre in den Lagern Workuta am Eismeer, wo er im Kohleschacht arbeitete, und in Sverdlovsk, wo er im Wohnungsbau eingesetzt war, gaben seinem Leben eine völlig andere Richtung. Er lernte unter den Zwangsarbeitern die russische Sprache lieben und dann auch die russische Literatur, er nahm am Häftlingsaufstand von Workuta im Sommer 1953 teil, er schrieb Gedichte auf Toilettenpapier, die er in Zahnpastatuben versteckte und hinausschmuggeln konnte, als er am 9. Oktober 1955 von Eisenach nach Lebenstedt bei Braunschweig entlassen wurde. Im „Traumbuch eines Gefangenen“ (1957) und später in seinem Roman „Die Zelle“ (1968) hat er über diese Zeit berichtet. Knapp vier Jahre nach seinem Tod, am 1. September 1994, hat seine Schwester die Rehabilitierung des SMT-Verurteilten Horst Bienek in Moskau erreichen können: „Nach der Prüfung der Kriminalakte ergab sich, daß die in der Akte enthaltenen Angaben im Urteil nicht objektiv bewertet worden waren.“ Der Verhaftete sei damals „unbegründet verurteilt“ worden.

Noch im Jahr seines Todes hat Horst Bienek damit begonnen, die Zeit in Potsdam und Berlin, in Moskau und Workuta von neuem literarisch aufzuarbeiten, wie der Besucher aus einem Brief vom 20. April 1990 an Horst Schisskow, den Sohn seiner Potsdamer Vermieterin 1951, erfahren kann. Gibt es ein Manuskript, und wo liegt es? In der Münchner Ausstellung erfährt man nichts darüber!

Zwei Jahre nach seiner Entlassung wurde Horst Bienek Literaturredakteur beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt am Main und ging 1961 nach München. Als wir uns dort im Spätsommer 1966 gegenübersaßen, war ich auf dem Weg nach Schweden, wo ich nach drei Jahren DDR-Haft Abstand von Deutschland gewinnen wollte. Was ich erlebt habe, sagte er mir damals, sei, im Unterschied zu seinen Erfahrungen, wirklich nur ein „Sonntagsspaziergang“ gewesen. Bei ihm war es am Eismeer immer um Leben und Tod gegangen. Seine Gedichtbände, seine Erzählungen, seine Essays sind erfüllt von dieser Thematik.
Als er schon das 40. Lebensjahr überschritten hatte, begann er, autobiographisch über Oberschlesien zu schreiben. Er besorgte sich einen alten Stadtplan von Gleiwitz,  zog sich in einen verlassenen Turm bei Würzburg zurück und vertiefte sich in seine Kindheit, die 1945 so jäh geendet hatte. Entstanden sind in diesen einsamen Jahren der Gedichtband „Gleiwitzer Kindheit“ (1976) und die vier Romane „Die erste Polka“ (1975), „Septemberlicht“ (1977), „Zeit ohne Glocken“ (1979) und „Erde und Feuer“ (1982). Was Leser und Literaturkritiker in gleicher Weise begeisterte, war ein farbiger Bilderbogen aus den letzten Jahren einer deutschen Provinz vom 1. September 1939, als in der Tarnowitzer Straße der Sender Gleiwitz „überfallen“ wurde, bis zur Flucht bei Kriegsende 1945. Neben Siegfried Lenz, Arno Surminski, Christine Brückner, Leonie Ossowski zählt Horst Bienek zu den Schriftstellern aus dem historischen Ostdeutschland, die einer Provinz, die es nicht mehr gibt, ein literarisches Denkmal gesetzt haben. Das ist sein Verdienst und seine Leistung.

In der Münchner Ausstellung ist davon wenig zu finden, die Gleiwitzer Tetralogie wird auf nur einer Fahne erwähnt, sonst gibt es nichts darüber, was Horst Bienek als Schriftsteller geleistet hat. Es gibt keine Vitrinen, wo seine Romane zu sehen wären, es gibt keine Rezensionen seiner Bücher, es gibt keine Daten zur Rezeptionsgeschichte. Der Autor, den wir kennen und lieben, kommt in dieser lieblos gemachten Ausstellung nicht vor! Auf den Betrachter wirkt das alles wie eine Pflichtübung, die endlich abgehakt werden kann im Jahr des 75. Geburtstags und 15. Todestags! Auch eine belesene Aufsichtskraft, die man hätte befragen können, war nirgendwo zu erblicken. Immer wieder auch werden auf den Fahnen Quellen genannt wie „Archiv Hannover“, ohne daß man wüßte, was gemeint ist. Ganz am Schluß erfährt man dann, daß es in der Niedersächsischen Landesbibliothek in Hannover ein Horst-Bienek-Archiv mit dem Nachlaß, darunter 35 noch unerschlossene Tagebücher, gibt. Hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen!

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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