Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1269.

Abgründige Schicksale, sachliche Texte

Frauenverband im Bund der Vertriebenen und Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge: Treibgut des Krieges – Zeugnisse von Flucht und Vertreibung der Deutschen. Gefördert durch Stiftung Gedenken und Frieden. Zu bestellen beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Werner-Hilpert-Straße 2, 34112 Kassel, gegen eine Spende

„Wer Flucht und Vertreibung erleben mußte, wird diese Zeit nie wirklich los: die Verschleppung in Arbeitslager, die Vergewaltigungen, Hungerbäuche und Läuse, die toten Säuglinge und Greise am Wegesrand, die kleinen verlorenen Wesen, die plötzlich ohne Eltern und Geschwister in der Welt standen …“, schreibt Freya Klier im Geleitwort zu diesem Buch. Und die anderen, die zu jung waren, als daß sie diese Zeit miterlebt hätten, was ist mit denen? Ignoranz hat sich jahrelang breitgemacht und Abwehr. Wir waren die perfekt umerzogenen Verursacher des Krieges, der Opfer wurde – wenn überhaupt – nur beiläufig gedacht.

In den vergangenen Jahren hat sich das geändert. Aus dem Bedürfnis nach historischer Ehrlichkeit oder durch das Auftauchen von Parallelen im Schicksal anderer Völker. Wie auch immer, das Trauma einzelner Menschen wird nicht vergehen, es setzt sich durch die Generationen fort.  Da sind Löcher in der Vergangenheit der Eltern, die Angst machen und noch bei den Kindern Neurosen hervorrufen.

Es ist Sibylle Dreher, der Präsidentin des Frauenverbandes im Bund der Vertriebenen, zu danken, daß sie dieses Buch zusammen mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge initiiert und in jahrelangem Bemühen Zeitzeugnisse gesammelt und zu einem Manuskript verarbeitet hat. Die Berichte wurden so übernommen, wie sie geschrieben wurden, stilistisch unverändert. Es tut ihrer Wirksamkeit keinen Abbruch, im Gegenteil. In ihrer Knappheit drücken sie das Entsetzen aus, das die Untaten hervorrufen. Zu loben ist die vorangestellte Situationsbeschreibung der jeweiligen Frau – manchmal sind sogar Fotos aus der Vergangenheit dabei – und zu manchen Kapiteln die historischen Fakten, so daß man die politische Situation erfassen kann.

Es ist erstaunlich, wie die Frauen mit den Erlebnissen – ob bei der Flucht, im sibirischen Arbeitslager, als „Wolfskinder“ oder bei der Ankunft nach langer Odyssee im Westen – umgingen. Sie schrieben Tagebücher und Briefe, verfaßten Gedichte wie dieses vonMicaela Helemann: „Die Sonne brennt heiß, / so erbarmungslos heiß / – sie verbrennt den / vom Rücken rinnenden Schweiß, / sie taucht die Steppe / in flirrendes Licht, / das tausendfach funkelnd / auf den Schienen zerbricht.“

Wir sollten nicht schon wieder wegschauen, wenn dieses traurige Kapitel deutscher Geschichte die Öffentlichkeit erreicht, sondern die Kraft aufbringen, uns diese Berichte anzuhören, sie gehören zur Wirklichkeit.

Erika Kip (KK)

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