Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1282.

Ackermann aus Böhmen in Böhmen

Das 31. Bundestreffen der Ackermann-Gemeinde in Pilsen, das erste in Tschechien, hat zum Thema „Nachbarn, Freunde, Europäer“

Als „Rückkehr ins Land der Gründungsväter" bezeichnete Adolf Ullmann, der Bundesvorsitzende der Ackermann-Gemeinde, das 31. Bundestreffen seines Verbandes in Pilsen – und damit erstmals in Tschechien. Über 500 Teilnehmer aus Deutschland, Tschechien, der Slowakei und Österreich, eine Frau sogar aus Norwegen, beschäftigten sich mit dem Tagungsthema „Nachbarn, Freunde, Europäer". Bei Vorträgen, Podiumsdiskussionen, Gesprächskreisen, Exkursionen und Gottesdiensten, aber auch bei geselligen Veranstaltungen wurde die Thematik aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet.

„Uns verbindet der Wille zu einer guten deutsch-tschechischen Nachbarschaft und zu einer grenzüberschreitenden Zivilgesellschaft", betonte Ullmann in seiner Begrüßung. Die allen Teilnehmern gemeinsame Heimat Europa sei aus christlichen Wurzeln gewachsen und müsse sich weiterhin mit Hilfe christlicher Werte entwickeln, meinte in seinem Grußwort der Bischof von Pilsen, Frantisek Radkovsky. Auch die weiteren Grußwortredner Jan Bednar (Vizepräsident der Tschechischen Christlichen Akademie), Ondrej Matejka (Geschäftsführer der Bernhard-Bolzano-Gesellschaft) und Jaromir Talir, Vorsitzender der Sdruzeni Ackermann-Gemeinde, setzen auf eine starke Zivilgesellschaft. „Es war einfach, die Stacheldrähte zu beseitigen, es ist aber schwierig, Vorurteile und Meinungen in den Köpfen zu überwinden", stellte etwa Talir fest.

Das zeigt, daß noch manches aufzuarbeiten ist. Schritte in dieser Richtung unternahm man beim Bundestreffen am Sonntagmorgen mit dem früheren bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Günther Beckstein und dem tschechischen Außenminister a.D. Senator Karl Johannes Fürst zu Schwarzenberg. Dieses Bundestreffen würdigte Beckstein als zukunftsorientiert, da es die erste „Großveranstaltung Vertriebener auf tschechischem Staatsgebiet, ein besonderes Ereignis in der Geschichte der Aussöhnung der Völker Mitteleuropas nach dem Zweiten Weltkrieg" sei. Der Ackermann-Gemeinde dankte er dafür, daß sich der Prozeß der freundschaftlichen Annäherung nicht verzögert. „Es ist Zeit für eine endgültige, eine ehrliche und eine umfassende Versöhnung", meinte der Ex-Ministerpräsident, aber Verständigung und Versöhnung könne nur von den Menschen vollzogen werden. Doch forderte Beckstein von den Deutschen noch mehr Anstrengungen, „die Sprache, die Kultur und die Lebens- und Denkgewohnheiten der tschechischen Nachbarn wirklich zu lernen". Von den Tschechen wünscht er sich, daß sie sich den dunklen Seiten ihrer Geschichte stellen. „Ich wünsche Freundschaft in guter Nachbarschaft, ein weiteres gutes Miteinander der Ackermann-Gemeinde und eine gute Zukunft der Menschen im Herzen Europas. Das ist die gemeinsame Aufgabe von Politikern, Menschen und Christen. Ich danke Ihnen, daß Sie an dieser großen Aufgabe mitwirken", sagte Beckstein abschließend.

Auch Schwarzenberg fand persönliche Worte für die Ackermann-Gemeinde. Zahlreiche Diskussionen habe er im Laufe seines Lebens mit Mitgliedern der Ackermann-Gemeinde geführt, sagte er. „Sie haben mich beeinflußt und geformt zu dem, was ich bin." Auch er bescheinigte der Ackermann-Gemeinde Anteil an dem Wandel „hüben und drüben". „Man darf von Europa nicht nur reden, man muß es leben", sagte Schwarzenberg mit Blick auf die heute 20jährigen. Daß sich die deutsch-tschechische Nachbarschaft bis heute so positiv entwickle, überrasche ihn. Schwarzenberg schloß seine Rede mit der Mahnung, Europa ernster zu nehmen, als wir es bisher getan haben.

In acht Gesprächsforen ging es um kirchliche Partnerschaften, die biographische Spurensuche, die auch während der Tagung zu besichtigenden Ausstellungen „Das verschwundene Sudetenland" bzw. „Gerettetes Erbe", Stereotypen in der Nachbarschaft zwischen Deutschen und Tschechen, den sudetendeutschen christlichen Widerstand während der NS-Zeit und die Perspektiven eines grenzenlosen Europa. In einem nur für Tschechen gedachten Arbeitskreis ging es um die Tagungsthematik und die Vorstellung der dahinter stehenden Verbände.

In der Podiumsdiskussion am Montag näherte man sich der Frage, wie sich die deutsch-tschechische Nachbarschaft aus christlicher Verantwortung heraus gestalten ließe. Die einleitenden Referate hielten die Politiker Pavel Svoboda (tschechischer Minister a.D.) und Eberhard Sinner MdL (bayerischer Staatsminister a.D.). In der von Prof. Dr. Albert-Peter Rethmann geleiteten Podiumsdiskussion vertieften Prof. Dr. Barbara Krause (Aachen), Prof. Dr. Jan Sokol (Prag) und Herbert Werner, der frühere Bundesvorsitzende der Ackermann-Gemeinde, das Thema. Eberhard Sinner machte deutlich, daß Europa eine Wertegemeinschaft sei. Eindringlich warnte er davor, zu schnell weitere Staaten in die EU aufzunehmen. Als drängende Aufgaben sieht er – unter dem Gesichtspunkt christlicher Verantwortung – Nachhaltigkeit, Bewahrung der Schöpfung sowie das Bemühen um Frieden und die Lösung der Klima- und Energiefrage. Als nächsten Schritt für eine gelungene deutsch-tschechische Nachbarschaft wünscht sich der CSU-Politiker, daß die im Lissabon-Vertrag enthaltene gemeinsame Charta der Grundrechte in Europa als Kompaß für die Zukunft gilt. Zum EU-Beitritt der Türkei vertrat Jan Sokol die Meinung, daß dies eine politische und nicht eine christlich-ethische Frage sei.

Das Eingestehen von Schuld und Vergeben beziehungsweise Verzeihen griff Herbert Werner auf. Er sagte, wenn Völker im Konflikt leben, sei es Aufgabe der Christen beider Seiten, das Gespräch zu suchen und zu führen. Materielle Interessen gehörten nicht in den Vordergrund. „Auch die vertriebenen Christen müssen noch einmal unter den Stichworten Vergebung und Verzicht nachlesen und sich selbst die Frage stellen: Habe ich wirklich Ansprüche an Dritte?" Diese Frage bezog Werner speziell auf die offizielle sudetendeutsche Haltung in Fragen der Versöhnung. Auf tschechischer Seite vermißt er die Bereitschaft zum christlichen Denken. Konkret fordert er von beiden Kammern des Tschechischen Parlaments ein Bedauern für die Verbrechen an den Deutschen. Beide Länder sollten sich auf Ziele und Projekte verständigen und dann handeln und nicht nur darauf vertrauen, daß Gott es richten wird.

Der Aspekt „Freunde" stand am Montagnachmittag bei neun Exkursionen unter dem Motto „AG vor Ort – zu Gast bei Freunden" im Zentrum. Am Spätnachmittag gab es auf dem Pilsener Marktplatz neben dem Stand der Jungen Aktion noch einige kulturelle Aktionen, als Zeichen der Versöhnung wurden Luftballons auf die Reise geschickt. Mit einem von mehreren Musik- und Tanzeinlagen umrahmten Abend ging das Bundestreffen in die Zielgerade.

Zum Stichwort „Europa verpflichtet" sprachen am Dienstag Dr. Horst Teltschik, CDU-Politiker und einst Leiter der Münchener Sicherheitskonferenz, und Prof. Dr. Hans-Joachim Meyer, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. „Die EU ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Sie ist ein Faktor der politischen Stabilität, des Friedens, der Freiheit, des Wohlstandes und der Sicherheit in Europa. Sie ist heute zum Vorbild für viele Regionen in der Welt geworden", stellte Teltschik fest, verschwieg aber nicht die noch ausstehenden Probleme und Fragen. Bisher ungeregelt ist etwa die Einbindung Rußlands. Er mahnte an, daß es an Deutschland sei, ein besonderes Vertragsverhältnis zwischen der EU und Rußland anzustreben. Teltschik schlug vor, daß sich Deutschland neben Mittel- und Nordeuropa vorrangig in Osteuropa engagieren solle, Frankreich im Süden der Europäischen Union. So falle Deutschland eine besondere Rolle im europäischen Einigungsprozeß zu.

„Die auf der allgemeinen Menschenwürde begründete Freiheit ist die große Herausforderung, vor der wir bestehen müssen – als Europäer und als Christen", verdeutlichte ZdK-Präsident Meyer. Als Quellen Europas nannte er die jüdisch-christliche Tradition, die historischen Beziehungen zum Islam, die Orthodoxie sowie die Aufklärung. Die christliche Vision für die Einheit Europa in seiner Vielfalt besteht für Meyer darin, daß Christen in diesem europäischen Konzert ihren Part spielen. „Nicht zuletzt ist es die Arbeit der Ackermann-Gemeinde, welche beweist, daß man Brücken der Zusammenarbeit bauen kann, wenn man im Einsatz für europäische Verständigung einen langen Atem hat und nicht auf kurzfristige Erfolge setzt", würdigte der ZdK-Präsident die visionäre Arbeit dieses Verbandes.

Mit ihrer Versöhnungsmedaille zeichnete die Ackermann-Gemeinde den Pilsener Bischof Frantisek Radkovsky aus. Der Oberhirte sei ein „vorzüglicher Wegweiser, Wegbegleiter und Brückenbauer", meinte Franz Olbert, Generalsekretär der Ackermann-Gemeinde a. D. und Geschäftsführer des Sozialwerks der Gemeinde, in seiner Laudatio. „Sie gehören zu denen, die immer darauf hinweisen, daß Versöhnungsarbeit unter Menschen wie Völkern eine bleibende Aufgabe ist", machte Olbert deutlich. Radkovsky habe in Deutschland immer wieder beeindruckende Zeichen der Versöhnung gesetzt.

Der Bischof gab das Verdienst dieser Auszeichnung an seine Mitarbeiter, Priester und Laien, weiter. „Ich alleine könnte nicht viel machen", stellte er fest. Als Bischof der Grenzdiözese Pilsen möchte er auch für die von dort stammenden Heimatvertriebenen Seelsorger und Ansprechpartner sein. „Sie gehören hierher, und ich gehöre zu Ihnen. Ich bemühe mich als Pontifex, immer diese Brücken zu bauen. Ich bin froh, daß Sie mir dabei helfen", gab der Geehrte seine Anerkennung an die Gläubigen dies- und jenseits der Grenze weiter.

Markus Bauer(KK)

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