Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1309.

Adel verpflichtet – auch zum Widerstand

Antje Vollmer erzählt die Geschichte der Lehndorffs

Zur Lesung aus ihrem neuen Buch „Doppelleben. Heinrich und Gottliebe von Lehndorff im Widerstand gegen Hitler und von Ribbentrop“ kam Antje Vollmer mit erheblicher Zugverspätung „gewiß nicht wegen des Kopfbahnhofs“ (Zitat Vollmer) am 5. April ins Stuttgarter Haus der Heimat. Dafür erlebten die etwa 150 Besucher, von denen einige sich selbst von weiten Anreisewegen nicht hatten abschrecken lassen, einen nachdenklichen und zuweilen emotionalen Abend zu deutscher Geschichte.

Der aus Breslau stammende deutsch-amerikanische Historiker Fritz Stern fühlte sich bei der Lektüre des Vollmer-Buches „tief bewegt“. Denn die evangelische Theologin und langjährige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages hat dem Ehepaar Heinrich und Gottliebe von Lehndorff und dem Ort ihres „Doppellebens“, dem Schloß Steinort in Ostpreußen, mit ihrem neuen Buch ein eindrucksvolles Denkmal gesetzt. Grundlagen des Buches sind auf Tonbändern und auf Papier festgehaltene Erinnerungen der 1993 verstorbenen Gottliebe von Lehndorff sowie Dokumente und Fotos aus dem Album der Familie, die Vollmer durch Erläuterungen und Deutungen ergänzt. Den Ansporn zu diesem Buch gab eine der drei Töchter Lehndorff, Vera, die als Fotomodell Veruschka seit den 1960er Jahren als das erste deutsche „Supermodel“ galt.

Heinrich von Lehndorff (1909–1944) hatte als 27jähriger eines der schönsten und größten Güter in Ostpreußen übernommen. In unmittelbarer Nähe befanden sich seit 1941 das Hauptquartier Hitlers, die „Wolfsschanze“, sowie das Hauptquartier des Oberkommandos der Wehrmacht, weshalb sich Ribbentrop, Außenminister des Nazi-Regimes, in einem Flügel des Lehndorffschen Schlosses in Steinort „standesgemäß“ einquartierte.

Antje Vollmer erläuterte den Zuhörern im Haus der Heimat, daß Heinrich von Lehndorff zwar kein prägender, aber ein bedeutender Mitverschwörer des 20. Juli 1944 war. Nachdem er als junger Offizier mit eigenen Augen an der Ostfront gesehen hatte, zu welchen bestialischen Greueltaten die SS fähig war, reifte in ihm die Entscheidung, sich aus Verantwortung und der Tradition seiner adligen Familie an der Beseitigung Hitlers zu beteiligen. Fortan wirkte er als Verbindungsmann des Widerstands zwischen Berlin und der Front.

Vollmer zitierte spannende Passagen aus ihrem Buch, z.B. wie die Verschwörer Umsturzpläne in einem Teil des Schlosses Steinort schmiedeten, während Ribbentrop in einem anderen Teil des Schlosses residierte, oder wie Lehndorff nach dem mißglückten Attentat Stauffenbergs in der „Wolfsschanze“ zweimal der SS und der Gestapo entkam. Als er dann doch gefaßt und zum Tode verurteilt wurde, schrieb er am Abend vor seiner Hinrichtung einen langen Brief an seine Frau Gottliebe, die von Anfang an eingeweiht war. Vollmer berichtete mit sehr viel Einfühlungsvermögen auch von ihrem Leben, ihrem Schmerz und ihrer Tapferkeit.

Das Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg veranstaltete die Lesung von Antje Vollmer in Kooperation mit dem Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“.

Carsten Eichenberger (KK)

 

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