Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1262.

Akademischer Dolmetsch

Norbert Conrads, Begründer der „Stuttgarter Schule“, vermittelt die Geschichte Schlesiens als Botschaft des Willens zu Europa

Tagebücher sind als Geschichtsquellen wesentlich authentischer als Memoiren, die meist aus der Retrospektive von Jahrzehnten verfaßt werden. Den schlesischen Historikern liegen vermutlich leider nur zwei ausführliche Diarien vor: erstens die noch unveröffentlichten des Reichstagspräsidenten Graf Ballestrem und diejenigen des Breslauer Pädagogen und Historikers Willy Cohn, die 2007 bereits in der 3. Auflage erschienen sind. Es dürfte keine zweite nach 1945 erschienene schlesische Publikation geben, die auch in nichtschlesischen Kreisen ein so großes Echo gefunden hat wie Cohns Tagebücher „Kein Recht – nirgends“ (Böhlau-Verlag, Köln). „Eine historische Quelle, die kaum ihresgleichen hat“, urteilt die „Neue Zürcher Zeitung“. Das Geschichtsperiodikum „Damals“ wählte diese Neuerscheinung in einer Sparte zum „Buch des Jahres 2007“. Und im November wird die ARD diese Tagebücher in einer Fernsehdokumentation präsentieren.

Der Herausgeber dieser bedeutungsvollen Geschichtsquelle, die vor wenigen Wochen auch in einem Auswahlband auf den Markt kam, ist der Stuttgarter Historiker Norbert Conrads, der am 21. September seinen 70. Geburtstag feiert. Geboren wurde er in der schlesischen Hauptstadt,aus der der Fünfjährige im Januar 1945 mit seiner Mutter und seinen Geschwistern rechtzeitig flüchten konnte, so daß ihm die Vertreibung erspart blieb. Daß er seine Heimat nicht vergaß, bewies er schon durch seine Mitarbeit in dem Verband Aktion Junges Schlesien.

Nach dem Studium der Geschichte und Germanistik an den Universitäten Köln und Wien promovierte er 1968 mit einer Dissertation über die Altranstädter Konvention von 1707, die 1971 in der Reihe „Forschungen und Quellen zur Kirchen- und Kulturgeschichte Ostdeutschlands“ erschien. Auf die Habilitation 1978 in Saarbrücken folgten Lehrtätigkeiten an den Universitäten Tübingen und Gießen. 1981 nahm Conrads den Ruf an die Universität Stuttgart an, wo er später als Ordinarius den Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit bis zu seiner Emeritierung (2003) innehatte. Ein Höhepunkt seiner Stuttgarter Tätigkeit bedeutete für ihn der Internationale Historikertag 1985, auf dem er wichtige Kontakte, insbesondere zu polnischen Kollegen, knüpfen konnte.

Was so manche schlesische Historiker in den vier Jahrzehnten nach der Vertreibung immer wieder, doch leider erfolglos versucht hatten, das gelang Conrads im Jahre 1985: Mit Unterstützung des Landes Baden-Württemberg baute er einen Forschungsschwerpunkt für schlesische Geschichte auf, der sich bald nicht nur in Deutschland, sondern auch im heutigen Schlesien große Anerkennung erwarb, was nicht nur zahlreiche Einladungen nach Breslau belegen. (Das Foto zeigt ihn in der Aula Leopoldina während seines Festvortrags anläßlich der Ehrenpromotion des Mediziners und Philanthropen Norbert Heisig am 6. Juni dieses Jahres.)

Im Zuge dieser einmaligen Schlesienforschung gründete Conrads die Buchreihe „Neue Forschungen zur schlesischen Geschichte“, in der viele seiner Schüler veröffentlichen konnten. Als zum 50. Geburtstag des Jubilars 1998 eine umfangreiche Festschrift erschien, waren darin nicht nur Schüler und Freunde vertreten, sondern auch 14 polnische Historiker. Schon damals entstand der Terminus „Stuttgarter Schule“, der die erfolgreiche Arbeit würdigt.

Conrads gilt zwar als Spezialist für die Frühe Neuzeit, jedoch beschränken sich seine Forschungen längst nicht nur auf diese Ära. Das bewies er schon 1978 mit der Quellenpublikation „Die Breslauer Revolution“, mit der er ein Tagebuch aus den Jahren 1848/49 edierte, und das belegte er genauso 2003 mit einem Quellenbuch zur Vorgeschichte der Universität Breslau (1702–1811) sowie mit dem Ausstellungskatalog „Die tolerierte Universität“ (1702–2002). Hinzu kam die Herausgabe des Sammelbandes „Schlesien“ in der von Werner Conze begründeten Reihe „Deutsche Geschichte im Osten Europas“, die 1994 im Siedler-Verlag erschien und 2002 eine zweite, verbesserte Auflage erlebte. Durch Willy Cohns Tagebücher angeregt, befaßt sich der Jubilar in letzter Zeit verstärkt mit den schlesischen Juden. Am Aufbau des Schlesischen Museums zu Görlitz war er als Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats maßgeblich beteiligt.

Bei diesen so vielfältigen Leistungen ließen Auszeichnungen nicht lange auf sich warten. Im Jahre 1998 erhielt Conrads den Georg-Dehio-Preis, zwei Jahre später den Kulturpreis Schlesien des Landes Niedersachsen und 2004 die Goldene Medaille der Universität Breslau. Bei seiner ungebrochenen Schaffenskraft  kann noch mit manchem Beitrag dieses außerordentlich verdienten schlesischen Historikers gerechnet werden. Ad multos annos!

Helmut Neubach (KK)

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