Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1238.

Aktiver Humanismus im passiven Widerstand

Daß Gerhart Hauptmann in Nazi-Deutschland blieb, war ein Opfer, das der Dramendichter dem eigenen Werk brachte

Mir träumte etwas Schreckliches! Gerhart Hauptmann habe nach seiner Rückkehr aus Rapallo und den Anfeindungen durch die Nationalsozialisten in der bitteren Erkenntnis, daß sie nicht wie erhofft bald abwirtschaften würden, sich doch, wie so viele politisch und rassisch Verfolgte, zur Emigration entschlossen. Wann, auf welche Weise und wohin, verriet mir der Traum nicht. Die braunen Herren reagierten prompt: Seine sämtlichen Buchausgaben wurden verboten und aus dem Buchhandel eliminiert, die Aufführung aller seiner Stücke wurde untersagt. Sein Verlag S. Fischer durfte keine Lizenzen mehr vergeben, sein Bühnenvertrieb Felix Bloch Erben auch im Ausland keine Inszenierungen der berühmten Dramen mehr genehmigen. Bei den Bücherverbrennungen landeten auch seine Werke in den Flammen. Die literarische Existenz des Nobelpreisträgers war vernichtet.

Gerhart Hauptmann mußte bei seiner Entscheidung, in seinem Deutschland zu bleiben, in erster Linie an sein Werk, seine Arbeitsbedingungen und seine Angehörigen denken (Sohn Klaus war mit einer Jüdin verheiratet, zwei Kinder) und sich nolens volens mit den Nazi-Verhältnissen arrangieren. Überdies war er als Dramatiker besonders exponiert: Alle Aufführungen bedurften der Genehmigung der Machthaber, bei Premieren waren Treffen mit der braunen Prominenz unvermeidbar.

Noch vor ihrem Kommen hatte er 1932 in den USA vor ihnen gewarnt. „Hitler ist ein Experiment“, erklärte er einem Reporter der „Detroit Times“, „Deutschland kann sich solche Experimente nicht leisten … Ich sehe schwere Wolken am Horizont.“ Am 1. März 1933 notiert er im Tagebuch: „Mit dem Brande des Reichstagsgebäudes … schließt das Deutschland ab, in dem ich seit 1862 gelebt habe, oder sagen wir: geistig bewußt gelebt habe seit 1870, wo mein nationales deutsches Bewußtsein geweckt wurde.“ Sich selbst nannte er daher „einen belasteten Mann“, „der nicht mit dem für das Neue notwendigen illusionsfähigen Kinder-, Knaben- und Jünglingsverstand beginnen kann“.

Die Machtübernahme der Nazis war für den Dichter ein „elementares Ereignis“, man könne nicht „gegen einen Wasserfall anschwimmen“, erklärte er René Schickele. Seinen jüdischen Freunden hielt er die Treue, er unterstützte Joseph Chapiro, kam zum Totenmahl für Max Pinkus als einziger nichtjüdischer Gast (und schrieb darüber 1937 „Die Finsternisse“), veröffentlichte einen huldigenden Nachruf auf S. Fischer (was ihm einen vehementen Angriff eintrug). Daß er dem Austritt aus dem Völkerbund zustimmte (das war die Kündigung des Versailler Vertrages, die Überschrift „Ich sage ja“ stammte nicht von ihm) und den Anschluß Österreichs begrüßte (das schon nach dem Ersten Weltkrieg dafür gestimmt hatte), ist verständlich. Man kann ihm natürlich manche Zugeständnisse und Äußerungen übelnehmen, hat es ja auch ausführlich getan.

Die ausführlichste und gründlichste Untersuchung dieser Zeit schrieb Walter Requardt: „Gerhart Hauptmann und der Nationalsozialismus – die Nationalsozialisten und Gerhart Hauptmann“. Es wurde wohl zu Recht festgestellt, daß Thomas Mann in Nazi-Deutschland nicht hätte schreiben können, Gerhart Hauptmann nicht außerhalb Deutschlands. Felix A. Voigt zitiert seine Erklärung: „Ich gehe nicht ins Ausland, da ich ein alter Mann bin, an meine Heimat gebunden, nur hier schaffen kann. Ich möchte noch ein paar Sachen, die ich im Kopf habe, zu Ende schreiben. Freilich – sobald man auch nur eines meiner Werke verböte oder mich nicht das schreiben ließe, was ich schreiben muß, dann allerdings müßte ich die Heimat verlassen.“

Daß Gerhart Hauptmann in den braunen Jahren beargwöhnt, angegriffen und verfemt wurde, in einer Art innerer Emigration gelebt hat, aber ob seiner Berühmtheit geduldet wurde, ist hinlänglich bekannt. Auch daß er an seiner sozialen und humanistischen Position festhielt, in seinem Werk sich keine einzige Zeile findet, die als Ausdruck eines Nazigeistes gedeutet werden könnte.

Dagegen finden sich deutliche Zeichen der Ablehnung und des Widerstandes in veröffentlichten Werken. In der Erzählung „Das Meerwunder“ (1934) gipfelt die Lebensbeichte des Seefahrers Cardenio in dem verzweifelten Versuch, das Menschentum abzuwerfen, in dem Aufschrei: „Ich will kein Mensch sein!“ Die Spekulation, ob die Natur nicht besser eine Art Universaltier hätte schaffen sollen, offenbart die tiefe Krise von Hauptmanns humanistischem Weltbild. Im Schauspiel „Hamlet in Wittenberg“ (1935) verliebt sich der Dänenprinz, dieser germanische Prototyp, in ein Zigeunermädchen. Das kollidiert ebenso deutlich mit dem Rassenkodex der Nationalsozialisten wie in der Erzählung „Der Schuß im Park“ (1939) die Ehe eines schlesischen Gutsbesitzers auf einer Afrika-Reise mit einer Schwarzen, die dann auch mit ihrem Kind auftaucht.

In den 1937 erschienenen Erinnerungen „Das Abenteuer meiner Jugend“ bekennt er sich kompromißlos zu den kritischen Positionen, den humanistischen und demokratischen Prinzipien. Er zitiert das Weberlied von Heine, den er als deutschen Dichter bezeichnet, womit er sich scheinbar dem Tabu fügt, es jedoch denunziert und dokumentiert.

In dem Terzinen-Epos „Der große Traum“, 1942 nur unvollständig veröffentlicht, wird dem Freund Walther Rathenau in vier Gesängen ein Denkmal gesetzt. Die aus dem Nachlaß publizierten Gesänge eines „Anderen Teils“ (1936–1941) beginnen mit einem „Ausbruch zornigen Ekels … angesichts der Hitler-Herrschaft“ (Hans Reisiger). Der Dichter spricht von „der neuen Erde Götterbilder … Mit Blut bemalt sind diese Scheußlichkeiten“. Davon „kräht ein Höllenhahn mit heiserer Kehle“ – unschwer zu erraten, wer hier gemeint ist. Auf der Erde herrschen Angst und Bangen, „auf ihrer Flur die rote Blume Mord“.

Sein Requiem „Die Finsternisse“ für den jüdischen Freund Max Pinkus, 1937 entstanden, mit seiner deutlichen Verurteilung der Judenverfolgung durch die Nazis, ließ Hauptmann aus Angst vor Haussuchungen verbrennen. Nach einer heimlichen Abschrift erschien es 1947 in den USA. 1939 entstand das mythologische Dramenfragment „Die Isaurier“, das Peter Sprengel „eine kritische Darstellung des nationalsozialistischen Terrors“, speziell der Zustände in den KZs, nennt (nicht in der Centenar-Ausgabe, erst 1999 veröffentlicht). In der Erzählung „Das Märchen“ (1941), einer Goethe-Paraphrase, wird vom „eisernen Zeitalter“ gesprochen, es gibt da ein Krematorium, wo Tag und Nacht „menschliche Torheit“ zu Asche brennt. Bernhard Tempel ermittelte 2002 auch aus dem Nachlaß-Material einen Kontext zur nationalsozialistischen „Euthanasie“.

Erwähnt werden muß noch, daß Hauptmann in dem 1943 erschienenen Romanfragment „Der neue Christophorus“, basierend auf einem Vortrag von Max Planck, auf die Gefahren der Kernspaltung hingewiesen hat, da die Explosion „unserem ganzen Planeten zu einer gefährlichen Katastrophe werden“ könne. Er ist damit erstmalig literarisch gegen die Atombombe aufgetreten, bevor sie noch entwickelt wurde.

Der letzte Höhepunkt von Gerhart Hauptmanns dramatischem Werk, Ausdruck seines aktiven Humanismus und seiner Kritik am NS-Regime, wurde die monumentale Atridentetralogie. Das chronologisch letzte Stück, „Iphigenie in Delphi“, entstand 1940, das erste, „Iphigenie in Aulis“, 1943. Die beiden verbindenden Einakter „Elektra“ und „Agamemnons Tod“, 1944 und 1945 geschrieben, wurden erst nach seinem Tode veröffentlicht und uraufgeführt. Thomas Mann nannte das Werk „ein Flüchten … aus dem gewürgten Verstummen der Hitler-Zeit in die Masken der Blutwelt der Antike – ein Ausspeien gleichsam des Ekels in klassisch verhüllter Form“. Der Freitod Iphigenies unterstreicht die Unerbittlichkeit, mit der Hauptmann die Blutschuld bezahlt wissen wollte.

Die größte Leistung des Nobelpreisträgers war es, in dieser finsteren Zeit seine Integrität und seine Produktivität bewahrt zu haben. Er war der einzige Schriftsteller, der damals in Deutschland Weltliteratur schuf. George Bernard Shaw urteilte lapidar: „Er lebte sein Leben und vollendete sein Werk durchaus einwandfrei.“ Wir dürfen froh sein, daß er nicht emigrierte.

H. D. Tschörtner (KK)

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