Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1371.

Alles andere als Stubenhocker

Die Verantwortlichen von Heimatstuben setzen sich im Haus Schlesien zur Beratung zusammen

„Deutsche Kultur und Geschichte im östlichen Europa gehören zum Selbstverständnis seite_11_KK1371unseres Landes und sind zugleich ein Spiegel der Vielfalt und Dynamik Europas. Sie sind wichtig für ein friedliches Miteinander, für das Zusammenleben im Herzen Europas, umso mehr für die junge Generation und für die kommenden Generationen“, betonte Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, in ihrer Rede bei der Bundesdelegiertentagung der Ost- und Mitteldeutschen Vereinigung im November 2015. Die Heimatstuben – in denen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges Erinnerungsgegenstände unterschiedlicher Art sowie historisch, künstlerisch und volkskundlich wertvolle Objekte, Bücher und Archivalien gesammelt und aufbewahrt werden – gelten als Schaufenster der ehemals von Deutschen bewohnten Regionen Mittel-, Ostmittel- und Osteuropas, sie sind Zeugnisse deutscher Nachkriegs-geschichte.

Einige der im Laufe der Jahrzehnte entstandenen und mit viel ehrenamtlichem Engagement betreuten Häuser sind heute in ihrer Existenz bedroht. Um dem entgegenzuwirken, fördert die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien ein Informations- und Beratungsprojekt, dessen erster Teil im Juni stattgefunden hat. Die zweitägige Veranstaltung wurde von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Bonn, gemeinsam mit Haus Schlesien, Königswinter-Heisterbacherrott, abgehalten (siehe auch Seite 20).

Hauptziel des Vorhabens ist, die Sammlungen nach Möglichkeit innerhalb der Kommunen, in denen sie in der Nachkriegszeit entstanden sind, zu erhalten oder den ehrenamtlich dafür Tätigen Wege zu weisen, ihre Bestände im Rahmen anderer Institutionen zu sichern und weiter fruchtbar zu machen. Zu klären ist auch die Frage, was geschieht, wenn die Sammlung als eigenständige Einrichtung nicht mehr aufrechtzuerhalten ist. All dies soll durch Beratung vor Ort, Hilfe in Notfallsituationen, Unterstützung bei Inventarisierung, Archivierung, zeitgemäßer Präsentation und Öffentlichkeitsarbeit erfolgen. Diese Themen wurden im Rahmen der Tagung im Haus Schlesien angerissen und werden bei der nächsten Begegnung vertieft.

Durch ein Projekt des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Oldenburg, in Kooperation mit dem Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel wurden die kleinen musealen Einrichtungen und das in ihnen gesammelte Kulturgut als Ganzes erfasst und dokumentiert. Informationen über das bundesweite Projekt von 2008 bis 2012 und über die im Internet zugängliche Datenbank (www.bkge.de/heimatsammlungen) bot Ulrike Taenzer aus Vreden im Haus Schlesien. Laut Erkenntnissen des Projektes umfasst das Kulturerbe der Heimatstuben zu 50 Prozent Fotografien und Postkarten, über 37 Prozent Buchbestände, 10 Prozent Archivmaterial sowie einen geringen Anteil von über 4 Prozent Musealien wie Karten, Keramik, Textilien, Münzen und Modellbauten. Die Referentin verwies darauf, dass es in rund 60 Jahren 590 Sammlungen gegeben hat, 2012 waren davon noch 417 aktiv.

Dr. Ernst Gierlich, Geschäftsführer der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, seite_12_KK1371betonte: „Es gilt, Geschichte und Kultur der alten Heimat zu erforschen, traditionelles Brauchtum zu dokumentieren oder auch zu pflegen, all dies an die übrigen Bewohner der neuen Heimat und nicht zuletzt an die jungen Generationen zu vermitteln.“ Nicola Remig, Leiterin des Dokumentations- und Informationszentrums Haus Schlesien, erinnerte daran, dass es bereits von 2010 bis 2012 in Königswinter ein ähnliches Projekt zur Zukunftsausrichtung der Heimatstuben gegeben hat, das sich allerdings auf schlesische Sammlungen konzentrierte. Beim aktuellen Vorhaben geht es um Information und Unterstützung für die Betreuer aller ostdeutschen Sammlungen, unabhängig von deren Bezugsregion.

Dr. Idis B. Hartmann aus Oldenburg berichtete über den Stellenwert der Heimatsammlungen im Rahmen der deutschen Erinnerungskultur und hob als Beispiel das Museum Ostdeutsche Kulturgeschichte in Bad Zwischenahn hervor. Josef Bögner aus Bad Oeynhausen stellte die Heimatstube Frankenstein/Schlesien in Rheda-Wiedenbrück vor. Dr. Hans-Jakob Tebarth, Direktor der Martin-Opitz-Bibliothek in Herne, referierte zum Thema „Digitalisierung von Bibliotheks- und Archivbeständen ostdeutscher Heimatsammlungen als zukunftsweisende Maßnahme“.

Die Diplom-Geographin Silke Findeisen vom Haus Schlesien Königswinter und Margarete Polok von der Düsseldorfer Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus vermittelten Wissenswertes zum sachgerechten Umgang mit den Erinnerungsstücken, Kunstwerken, Alltagsgegenständen und Zeugnissen des Kunsthandwerks. Die Bonner Rechtsanwälte Fritz Marx und Klaus Gladischefski erörterten schließlich rechtliche Aspekte rund um die Heimatstuben.

Laut Hans-Günther Parplies, dem Ehrenvorsitzenden der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, sind Begegnungen dieser Art nicht nur wegen ihrem beratenden und informativen Charakter wichtig, sondern auch deshalb, weil sie den Heimatstuben-Betreuern deutlich machen, dass sie nicht als Einzelkämpfer agieren. Sie befinden sich in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten, die sich um die Belange der Sammlungen mit ostdeutschem Kulturerbe einsetzen.

Die nächste Informations- und Beratungsveranstaltung der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen findet am 9. und 10. November 2016 wieder im Haus Schlesien statt.

Dieter Göllner (KK)

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