Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1355.

Als das Schwarze Meer seine Leuchtkraft verlor

Nach einem guten Jahrhundert ging die Siedlungsgeschichte der Deutschen in Bessarabien 1940 zu Ende

Als-das-Schwarze-MeerÜber die deutschen Siedlungen in Bessarabien (1814–1940) zeigt das Gerhart-Hauptmann-Haus. Deutsch-osteuropäisches Forum, Düsseldorf, bis zum 18. Mai die Ausstellung „Fromme und tüchtige Leute“.

Im Jahr 1812 lud Zar Alexander I. deutsche Siedler ein, sich in Bessarabien niederzulassen, und versprach ihnen Land und Freiheitsrechte. Die Einwanderer stammten überwiegend aus Südwestdeutschland und aus Preußen. Im Laufe ihrer 125-jährigen Siedlungsgeschichte entwickelten die Deutschen hier ein prosperierendes Gemeinwesen, das durch lokale Autonomie und eine religiös-pietistisch grundierte Ethik geprägt war. Als kleine Minderheit in einer bunten Vielfalt ethnischer und religiöser Gemeinschaften lebten sie mit Moldauern, Russen, Ukrainern, Bulgaren, Juden und anderen Gruppen in friedlicher Nachbarschaft.

Während des Ersten Weltkrieges entgingen diese Deutschen nur knapp der Deportation nach Sibirien. 1918 kam Bessarabien unter rumänische Oberhoheit. 1940 wurden, als Folge des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes (Molotow-Ribbentrop-Pakt 1939), 93 500 Deutsche aus Bessarabien aus- und 1941/42 größtenteils im besetzten Polen angesiedelt. Anfang 1945 mussten sie flüchten und sich im geteilten Deutschland eine neue Existenz schaffen.

Im Rahmen der Ausstellung zeigte das Gerhart-Hauptmann-Haus den Dokumentarfilm „Exodus auf der Donau“ von Péter Forgásc. Der mehrfach preisgekrönte Film basiert auf dokumentarischem Material, das im Nachlass des Ungarn Nándor Andrásovits gefunden wurde. Er war Kapitän des Donaudampfers „Königin Elisabeth“ und ein begeisterter Amateurfilmer.

1940 transportierte sein Schiff mehrere hundert jüdische Flüchtlinge aus Wien und Pressburg/Bratislava die Donau abwärts nach Palästina. Sie waren zum Teil bereits in KZs gewesen und von jüdischen Hilfsorganisationen freigekauft worden. Auf der Rückreise nahm er im rumänischen Galatz/Galati 600 deutsche Umsiedler an Bord, die donauaufwärts in das Umsiedlungslager Semlin in Jugoslawien gebracht wurden. Später folgten weitere solche Transporte mit deutschen Umsiedlern. Kapitän Andrásovits filmte den Alltag auf dem Schiff in allen seinen Facetten. Der Filmemacher Péter Forgásc unterlegt das authentische Bildmaterial mit historischen Dokumenten und Erzählungen von Zeitzeugen, z. B. Interviews von damaligen Passagieren. Besonders bewegend ist der Kontrast zwischen den bangen Hoffnungen der entkommenden Juden und der gedrückten Stimmung der deutschen Umsiedler.

Im Verlag des Deutschen Kulturforums östliches Europa ist gleichsam als Begleitbuch zur Ausstellung erschienen: Ute Schmidt, „Bessarabien. Deutsche Kolonisten am Schwarzen Meer“, mit zahlreichen Abbildungen und Karten sowie Registern auf 420 Seiten. Es gibt auch eine amerikanische (Bessarabia. German Colonists on the Black Sea, Fargo 2011) und eine rumänische Ausgabe (Basarabie. Colonistii germani de la Marea Neagra, Chisinau 2014). Das Buch beschreibt die Herkunft der Bessarabiendeutschen, ihre von lokaler Autonomie und protestantischer Ethik geprägte ländliche Kultur sowie das Zusammenleben mit den anderen Nationalitäten wie Rumänen, Ukrainern, Russen, Juden und Bulgaren.

(KK)

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