Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1281.

Als der „Ackermann aus Böhmen“ sein Streitgespräch verlor

Tod in Tepl 1945 und im „Spiegel“ 2009

Man reibt sich die Augen: Das Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel", das seit seiner Gründung am 4. Januar 1947 dem Schicksal der Flüchtlinge und Vertriebenen immer distanziert gegenübergestanden hat, brachte unter dem Titel „Mord im Fasanenfeld" am 31. August auf drei Seiten einen Bericht über den grauenvollen Massenmord an 2000 deutschen Männern und Kindern aus Saaz und Postelberg im Sudetenland.

Abgespielt hat sich das grausame Geschehen vier Wochen nach Kriegsende am 6. Juni 1945 und an den folgenden Tagen auf einem Gelände, das von den Einheimischen „Fasanenfeld" genannt wurde. Verantwortlich für das entsetzliche Blutbad, dem auch zwölfjährige Kinder zum Opfer fielen, waren der Polizist Bohuslav Marek und Vojtech Cerny, Hauptmann der tschechischen Truppen, die mit der Roten Armee ins Land gekommen waren; beide sind inzwischen verstorben.

Die Stadt Saaz liegt an der Eger, die bei Leitmeritz in die Elbe mündet, westlich von Karlsbad und südlich von Komotau. In dieser alten Kulturstadt entstand 1401 der Prosatext „Der Ackermann aus Böhmen" des Stadtschreibers Johannes von Tepl (1350–1414), eines der frühen Zeugnisse der neuhochdeutschen Literatur. Die Stadt Postelberg, wo 1945 ein Konzentrationslager für Deutsche eingerichtet wurde, liegt 15 Kilometer flußabwärts. Wer gut zu Fuß ist, benötigt für diese Strecke drei Stunden, wer aber, wie damals die Saazer, von tschechischen Polizisten unter Todesangst die Eger entlanggetrieben wurde, für den konnte sie zur endlosen Qual werden.

Das Sudetenland mit seinen 3,3 Millionen Einwohnern, das vom Tag des Münchner Abkommens (29. September 1938) bis zum Kriegsende ins Deutsche Reich eingegliedert war, war von der Roten Armee besetzt, die am 9. Mai 1945 Prag erobert hatte. Nach ihrem Abzug wurde von tschechischen Polizisten und Soldaten das in die Tat umgesetzt, wozu im Oktober 1943 der im Londoner Exil lebende Politiker Edvard Benesch aufgerufen hatte: „Den Deutschen wird mitleidlos und vervielfacht all das heimgezahlt werden, was sie in unseren Ländern seit 1938 begangen haben." Und Sergej Ingr, der Kommandeur der tschechischen Streitkräfte in England und Verteidigungsminister der Exilregierung, dessen Namen man im Internet unter dem Stichwort „Vertreibungsverbrecher" findet, hatte schließlich im November 1944, ein halbes Jahr vor Kriegsende, seine Landsleute unmißverständlich zum Mord an den Sudetendeutschen aufgerufen: „Wenn unser Tag kommt, wird die ganze Nation dem alten Kriegsruf der Hussiten folgen: ‚Schlagt sie, tötet sie, laßt niemanden am Leben!‘ Jedermann soll sich bereits jetzt nach der bestmöglichen Waffe umsehen. Wenn keine Feuerwaffe zur Hand ist, sollte man irgendeine sonstige Waffe vorbereiten und verstecken – eine Waffe, die schneidet, sticht oder trifft."

Die Saat fiel offenbar, auf solche Art von tschechischen Exilpolitikern legitimiert, auf fruchtbaren Boden. Die grausige Jagd auf die Deutschen, die seit Jahrhunderten in den Randgebieten Böhmens und Mährens siedelten und die nun zum Freiwild in ihrer Heimat geworden waren, war eröffnet. In Saaz wurden am 3. Mai 1945 mehr als 5000 Deutsche aus den Häusern geholt und nach Postelberg getrieben. Dort begannen auf dem Fasanenfeld die Erschießungen von jeweils 250 Mann. Unter den Opfern waren auch fünf Jugendliche, alle unter 15 Jahren, die wegen eines „Vergehens" zuerst ausgepeitscht und dann erschossen wurden. Die Vorgänge um diesen Massenmord waren so unerhört, daß sich noch im Juni 1947, mehr als zwei Jahre später, das Prager Parlament veranlaßt sah, eine Untersuchungskommission zu bilden, ohne daß die Schuldigen jemals zur Rechenschaft gezogen worden wären. Wie der „Spiegel" am 31. August schrieb, waren alle „zögerlichen Versuche, das Verbrechen auch juristisch aufzuarbeiten, … erfolglos geblieben".

Erst als die Staatsanwaltschaft im oberfränkischen Hof 2007 Ermittlungen anzustellen begann und ihre tschechischen Kollegen um Amtshilfe bat, „bahnte sich die ganze Wahrheit den Weg ans Licht". Dabei wurde offenkundig, daß es tschechische Historiker wie Tomas Stanek und Michal Pehr gab, die schon Vorarbeiten zur Aufklärung des Massenmords geleistet hatten. Und dann gab es noch den Journalisten David Hertl, der um 1995 das Verbrechen eher zufällig entdeckt hatte, als er für eine Regionalzeitung Ortschaften in den ehemals sudetendeutschen Gebieten aufsuchte. Er aber stieß, ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende, noch immer auf eine Mauer des Schweigens bei der tschechischen Bevölkerung.

Auf deutscher Seite ist man da wesentlich weiter vorangekommen. In Frankfurt am Main lebt der 1950 geborene Otokar Löbl, der aus einer deutsch-tschechisch-jüdischen Familie stammt und den „Förderverein der Stadt Saaz/Zatec" leitet. Er ist, aus leidvoller Erfahrung, um Aufklärung und Aussöhnung zwischen Deutschen und Tschechen bemüht und hat im September 2003 den „Saazer Weg" mitbegründet, eine „von Versöhnungswilligen beider Seiten gemeinsam unterzeichnete Erklärung". Und da gibt es schließlich den 81jährigen Saazer Peter Klepsch, der in Spalt bei Nürnberg den „Heimatkreis Saaz" leitet.

Das Vorhaben, ein Denkmal für die 2000 ermordeten Deutschen zu errichten, ist bisher auf scharfe Ablehnung gestoßen. Aber es gibt anderswo fruchtbare Ansätze zur Versöhnung, die aufmerksam zu beobachten sind, zum Beispiel in der tschechischen Literatur. So hat die 1968 in Kuttenberg geborene und heute in Prag lebende Schriftstellerin Radka Denemarkova den Roman „Was für ein herrlicher Flecken Erde" veröffentlicht, der in diesen Tagen in Stuttgart in deutscher Übersetzung erscheint.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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