Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1308.

Als der Mensch nicht als Mitmensch galt

Diese furchtbar fremde und furchtbar nahe Vergangenheit soll auch in NRW Schülern von heute nahegebracht werden – für heute und morgen

Vor kurzem erschienen, ist die von der Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen herausgegebene Handreichung „Flucht und Vertreibung“ in die Hände der Lehrer und Erzieher gelangt, an denen es nun weitgehend liegt, davon im Unterricht Gebrauch zu machen und das Thema ins Bewußtsein der Schülerinnen und Schüler zu bringen. Als Autoren sind Dr. phil. Thorsten Altena, Dortmund, PD Dr. Winfrid Halder, Düsseldorf, Dr. phil. Stephan Kaiser, Ratingen, und Dr. phil. Wolfgang Maron, Wadersloh, angeführt. Für die Redaktion zeichnen Dr. Katja Schlenker und Reinhild Schmülling.

In ihrer Vorbemerkung sprechen die Autoren von einem Wagnis, das bei der Behandlung von Flucht und Vertreibung 65 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges eingegangen werden muß. Für die meisten Menschen in Deutschland ist das alles heute kaum mehr als eine ferne Erinnerung, das erlebte Grauen und der erlittene Heimatverlust sind „bloß Geschichte“ und damit aus dem Blickfeld der Nachkriegsgenerationen weit weg gerückt. Zu Unrecht, wie die Autoren feststellen. Die Folgen von Flucht und Vertreibung und der damit verbundenen Integration von Millionen Menschen sind ein wesentlicher Teil der Geschichte unseres heutigen Staates und „daher zum Verständnis von dessen Entwicklung unverzichtbar“. Doch bestehe das „Wagnis“ der Handreichung, so die Autoren, nicht in der fehlenden gesellschaftlichen Grundlage, sondern in der bei aller Sorgfalt der Erarbeitung notwendigen Knappheit der Abhandlung des ebenso schwierigen wie umfassenden Themas.

Die Gesamtheit der Ereignisse im letzten Kriegsjahr und in den ersten Jahren danach erfordert, um sowohl im Ausmaß wie in den Auswirkungen erkennbar aufgearbeitet zu werden, das Herausstellen regionaler Unterschiede und immer wieder die beispielhafte Darstellung von Einzelschicksalen. Vertreibung und Deportation sind hier ebenso auseinanderzuhalten wie Flucht und Aussiedlung, auch wenn Ursachen und Beweggründe dieselben sein mögen. Gerade weil es sich in allen Fällen um Unrecht in diktatorischen Systemen handelt, sind die unterschiedlichen Formen äußerster Diskriminierung lediglich als situationsbedingt zu werten. Im politischen und wirtschaftlichen Kalkül des ausführenden Machtapparates ist der Mensch nicht als Mitmensch vorgesehen. Das heute in Deutschland Schülern sichtbar zu machen erfordert mehr als historische Randbemerkungen. Es bleibt zu hoffen, daß möglichst viele Lehrkräfte in unseren Schulen über die „Handreichung“ hinaus, vor allem in der Darstellung von Einzelaspekten, die reich vorhandene und leicht zugängliche Literatur zu nutzen wissen. Erste Hinweise dazu stehen am Ende der „Handreichung“ auf fünf Heftseiten.

Herausgebern und Autoren der Handreichung geht es nicht vordergründig um die im Zusammenhang mit den deutschen Ostvertriebenen allzu häufig heraufbeschworenen gegenseitigen Schuldzuweisungen. Die Fragestellung ist nicht allein im Rückblick zu bewältigen, sie haftet der Welt und ihrer Gegenwart an. Im „Jahrhundert der Flüchtlinge“, wie das europäische 20. Jahrhundert bezeichnet wird, haben allein in der ersten Hälfte 60 bis 80 Millionen Menschen ihre Heimat verloren. In den Jahrzehnten danach schloß sich eine westlich orientierte Migration an, die heute keineswegs als abgeschlossen bezeichnet werden kann und sich mitnichten auf Europa beschränkt. Auf allen Kontinenten fanden und finden ethnische Säuberungen und mit ihnen verbundene Flüchtlingsbewegungen statt, und weltweit kündigen sich Migrationsvorgänge an, die in ihrem Ausmaß noch nicht überschaubar sind. Als kennzeichnend für die Ereignisse im 20. Jahrhundert und in der Gegenwart vermerkt die Handreichung Dimension und Rücksichtslosigkeit, mit der Vertreibungen durchgeführt werden, aber auch die Bemühungen zur Integration der Betroffenen in ein nicht selten anders geartetes Umfeld. Dabei finden regional bedingte und kulturhistorische Konzepte Anwendung, die von der Verfassung, vom Staatswillen geprägt sind oder sich schlichtweg aus einer zwingenden Sachlage ergeben. Im Zentrum dieser Ermittlungen über Flucht und Vertreibung steht nicht die Vergangenheitsbewältigung, sondern eher der Blick auf mögliche Herausforderungen, die sowohl national wie global zu registrieren und zu bewältigen sein werden.

Im großen Zusammenhang auf das Schicksal der deutschen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen hinzuweisen mag zunächst wie eine Verkürzung der eigentlichen Problematik erscheinen, jedoch kann die Darstellung von Erfahrungswerten, von Ursachen, Rechtfertigungen, Unrecht, politischem Handeln und integrativen Maßnahmen durchaus Orientierungshilfe zur Bewältigung ähnlich gelagerter Fragen leisten. Selbst die Beschränkung der Handreichung auf Nordrhein-Westfalen, also auf den unmittelbaren Lebensraum, verengt die Fragestellung keineswegs. So global das Phänomen auch sein mag, am Ende der Ereigniskette befindet sich immer eine konkrete Landschaft, in der die Integration zu bewältigen ist. Diese geschieht, wie wir wissen, nicht folgenlos – sie verändert das Land, sie kann bereichern und verdrängen, gettoisieren und Weltoffenheit bringen. Die Eingliederung von Millionen deutscher Heimatvertriebener in West- und Mitteldeutschland haben die alten, bis dahin weitgehend in ihrem Eigenleben belassenen Landschaften bis in den Kern verändert. Nicht anders verhält es sich mit der massiven Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen, die sich nicht nur mit Minaretten in der abendländischen Stadtsilhouette äußert, sondern in sämtlichen gesellschaftlichen und nachbarschaftlichen Bereichen. Auch wenn solche Überlagerungen historisch nicht singulär sind, müssen sie jeweils aufs neue und unter anderen Vorzeichen bewältigt werden. Die alten Rezepte eignen sich dafür nur bedingt und entheben uns nicht der Aufgabe, das Gegenwärtige in seinen Ursachen und seiner Verhältnismäßigkeit zu erkennen, Zusammenhänge zu begreifen und Entwicklungen wahrzunehmen.

Es ist nicht so, daß Deutschland in dieser Sache vor sich hindämmern würde. Die Herausgabe der vorliegenden Handreichung „Flucht und Vertreibung“ ist ja nicht eine vereinzelte Maßnahme dafür zuständiger Stellen. Sie ergänzt, mit dem Blick auf den Schulunterricht, sinnfällig ein Bündel vor allem medialer Informationen über die Anwendung von Gewalt sowie zahlreiche gesellschaftliche Aktivitäten gegen die Verletzung der Menschenrechte. Dokumentationen, Spielfilme, Analysen, Tagungen und die Verlagsproduktion gehen verstärkt auf das Thema ein. Die Überlegungen und Diskussionen zum Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin sind in denselben Zusammenhang zu stellen und sollten nicht länger von inzwischen unhistorisch gewordenen nationalen Empfindlichkeiten mitbestimmt werden. Die Fakten an sich ertragen keine Retusche, und im gemeinsamen Europa, sollte man meinen, kann die Wahrheit ohne Schleier auskommen. Sie ist längst nicht mehr ein Instrument zur Einlösung verjährter Schuldscheine, sondern ein Mittel zur grenzübergreifenden humanen Orientierung. Das befähigt zu einem qualitativ neuen Umgang mit den Verletzungen von Menschenrechten, wo immer sie auftreten und von wem immer sie begangen werden. Staaten und internationalen Organisationen fällt heute nicht mehr ausschließlich die Rolle kritischer Beobachter zu, sie sind zum Handeln aufgefordert und in bestimmten Fällen zur Einmischung in die sogenannten inneren Angelegenheiten verpflichtet.

Nicht zuletzt in diesem Sinne ist die vorliegende Handreichung „Flucht und Vertreibung“ eine zeitgemäße und notwendige Maßnahme zur gesellschaftlichen Einbindung der jungen Generation in die ebenso alte wie andauernde Problematik des Humanen. Denn „wie das Vergessenkönnen wohl eine Gnade ist, so gehört doch das Gedächtnis, das Wiederholen empfangener Lehren, zum verantwortlichen Leben“. Dieser 1943 von Dietrich Bonhoeffer geäußerte existentielle Grundgedanke wird der Handreichung vorangestellt. Er sollte nicht überlesen werden.

Franz Heinz (KK)

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