Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1336.

Als es noch verschiedene deutsche Jugenden gab

Die Zeitschrift „Zelte im Osten“ in Lodz hielt Verschiedenheit und Einheit gegen die Nazis hoch

Als-es-noch„Als nach der Machtergreifung durch den Nationalsozialismus die Bünde der Jugend im ‚Reich‘ gleichgeschaltet und aufgelöst wurden, als sie ihre sichtbare Gestalt verloren, kam von der anderen Seite der Grenze eine Gabe, die wir als großes Geschenk empfanden. Es waren die blauen und grünen Hefte der ‚Zelte im Osten‘, einer großartigen Zeitschrift der Deutschen Jungenschaft in Polen, eine Kulturleistung aus bündischem und auslandsdeutschem Geiste zugleich. Mit stärkstem Interesse griffen wir nach den ‚Zelten‘, die Bezieherzahl muss in Danzig, sowie in Ost- und Westpreußen innerhalb von Monaten geradezu lawinenartig angewachsen sein.“

Diese Worte von Bernhard Heister aus Elbing bestätigen den Erfolg jener Zeitschrift aus Lodz in Polen, die in den Jahren 1934 und 1935 vom Leben und Treiben der Gruppen der deutschen Jugend in Polen berichtete. Es begann mit einer Auflage von 300 bis 400 Exemplaren im Libertas-Verlag, in dem auch die Lodzer „Freie Presse“, „Der Deutsche Weg“ und andere Publikationen des Deutschtums in Mittelpolen erschienen. Das Redaktionsteam bestand aus Peter E. Nasarski, Lodz (Herausgeber, später Chefredakteur der „Kulturpolitischen Korrespondenz“ in Bonn), Helmut Sikorski, Tarnowitz, sowie nacheinander Herbert Prietz, Ludwig Wolff, Sigismund Banek und Kurt Seidel, alle Lodz.

Bernhard Heister war Anfang der dreißiger Jahre Führer einer Jungengruppe der Deutschen Freischar in Elbing und später des Ringes „Die Burg“, der alle Gruppen der Deutschen Freischar rund um die Marienburg umfasste. 1927 machten die Marienburger gemeinsam mit einer Freischar-Gruppe aus Danzig-Langfuhr eine Fahrt zum Lager der Deutschen Jungenschaft in Polen am großen Weichselknie bei Fordon/Thorn. „Diese Fahrt“, erinnerte sich Bernhard Heister, „führte von Danzig über Gdingen, Neustadt durch die Kaschubei und die Tucheler Heide nach Posen und Krakau und schließlich auf der Weichsel nach Danzig zurück. Dazwischen war das Lager, das von starken Gruppen aus Oberschlesien, dem Korridorgebiet und Lodz besucht war … Die Marienburger berichteten hinterher, dass sie überall ein durchaus freundliches Verhältnis auch zu den Polen gefunden haben.“

Es gab also in jenen Jahren mancherlei Kontakte unter den deutschen Jugendgruppen beiderseits der Grenze. Die Zeitschrift „Zelte im Osten“ trug viel dazu bei, das Verständnis für die verschiedenartigen Verhältnisse dieseits und jenseits der Grenzpfähle zu fördern. Das ging so lange gut, bis die Nazis auch hier ihre Deutungshoheit durchsetzten.

Die Bundesschrift der DJiP hatte bei ihrer Gründung den Untertitel „Zeitschrift einer deutschen Jugend“, sieben Monate später lautete die Zeile: „Zeitschrift der deutschen Jugend in Polen“. Was da durch die Post in die reichsdeutschen Briefkästen flatterte, erinnerte die jugendlichen Empfänger an die „Briefe an die deutsche Jungenschaft“ der Freischar, an „Das Lagerfeuer“ und den „Eisbrecher“ der dj. 1.11, an den „Großen Wagen“ der Jungentrucht oder an die „Speerwacht“ des Deutschen Pfadfinderbundes, unvergessliche Zeitschriften der freien deutschen Jugendbünde. Die Deutsche Jungenschaft in Polen war in vielerlei Hinsicht ein lebendiger Zweig der einst großen bündischen Bewegung im Reichsgebiet. Sie hat das nie geleugnet und hat auch stets rege Verbindungen über die Grenze hin aufrechterhalten.

Erich Scholz, der die „Zelte im Osten“ mitgestaltet hat, schrieb in einem Rückblick auf diese Zeitschrift, die in Hitlerdeutschland bei den Jungen der verbotenen Bünde Furore machte und nach seinen Angaben zeitweilig eine Auflage von 7000 Stück erreichte: „Die Redaktion mußte sehen, wie sie ihr Schifflein durch die Fährnisse des engen Alltags brachte. Sie mußte alles vermeiden, was Anlaß zu Verbot oder Einschränkung geben konnte. Ausdrucksmittel, die für heutige junge Menschen zumindest ungewohnt wenn nicht gar unverständlich sind, waren die Legenden und die Sprechchöre.“

Das Heft, in dem das Lied „Im Morgennebel schwimmen Tal und Wälder“ veröffentlicht wurde, bestimmte schlußendlich das Schicksal der Deutschen Jungenschaft in Polen. „Dieses Lied“, vermerkte Scholz in seinen Erinnerungen, „ist nahezu farblos und nichtssagend schlicht, so scheint es. Das Echo, das es immer stärker zurückwarf, strafte diese flüchtige Meinung Lügen. Es wurde das Lied der im Reichsgebiet verbotenen und verfolgten deutschen Jugendbewegung. Es wurde auf geheimen Fahrten, bei heimlichen Begegnungen gesungen.“ Die auslandsdeutsche Jugendbewegung hatte ihren Kameraden in Deutschland ein Geschenk gemacht. Das Lied erklang auch noch in den Bünden, die nach dem Zweiten Weltkrieg neu entstanden.

Das Hereinströmen dieser bündischen Zeitschrift aus Polen, das Anwachsen der Bezieherzahl besonders in Schlesien, Ostund Westpreußen gefiel der Reichsjugendführung in Berlin überhaupt nicht. Plötzlich fanden die Leser in dem neuesten Heft den Hinweis, dass die „Zelte im Osten“ wegen „bündischer Haltung“ für die HJ (Hitlerjugend) verboten sind. Das zeigte sich dann bald im Rückgang der Auflage wegen der Abbestellung durch die HJ-Mitglieder.

Erich Scholz schreibt in seiner Denkschrift über die gemeuchelte Zeitschrift: „Wir wüßten heut wahrscheinlich weniger über Gründe und Machenschaften, hätte nicht das Schicksal eines der Hauptmitarbeiter Schlüsse zugelassen, die diesen unglaublichen Vorgang aufhellen. Man resümiere: eine deutschsprachige Jugendzeitschrift setzt sich in einem anderssprachigen Staatsgebiet mit wachsender Zustimmung immer stärker gegen politische und wirtschaftliche Schwierigkeiten durch. Sie wird in allen deutschsprachigen Gebieten mit wachsender Zustimmung angenommen, findet im deutschen Mutterland steigenden Absatz und wird dort nun anstatt gefördert unterdrückt und schließlich verboten. Denn es steht heute fest, daß es tatsächlich zu einem Verbot gekommen ist.“

Deutsche waren es, die die Zeitschrift „Zelte im Osten“ vernichtet haben. Von polnischer Seite hat es nie ein Verbot gegeben. Ein erfolgreicher Versuch der deutschen Jugend in Polen, eine kulturelle Zeitschrift von Niveau im Grenzland zu schaffen, ist zunichte gemacht worden. Die „Zelte im Osten“ gibt es nicht mehr. Die wenigen Exemplare, die überlebt haben, sind die letzten Zeugen einer kulturellen Tat, die aus dem Osten kam.

Hans-Gerd Warmann (KK)

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