Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1360.

Als Menschen zu „Material“ wurden

Eine Ausstellung über die Bessarabiendeutschen wurde durch eine Berliner Konferenz historisch vertieft

kirchgaengerNach 20 Stationen in der Ukraine, der Republik Moldau, Rumänien, in verschiedenen Städten in Deutschland und auch in den USA ist die Ausstellung „Fromme und tüchtige Leute …“ über die Deutschen aus Bessarabien nun auch in Berlin angekommen. Die Wanderausstellung, die seit 2010 unterwegs ist, war diesmal erweitert um den Ausstellungsteil, der die Leistungen deutschstämmiger Persönlichkeiten im 19. Jahrhundert für die Entwicklung der Hauptstadt Bessarabiens, Kischinew, zu einer modernen Regionalmetropole darstellt und der 2014 bereits mit großem Erfolg in Chisinau gezeigt worden ist.

Zu den Besuchern zählten nicht nur solche mit familiären Bezügen zu Bessarabien aus Berlin und Umgebung, sondern auch zahlreiche Neugierige, auch aus dem Ausland, die den spektakulären Ort, die Parochialkirche in Berlin-Mitte, bewundern wollten und hier zum ersten Mal mit der Geschichte der Bessarabiendeutschen in Berührung kamen.

Ein Anknüpfungspunkt war dabei oft das Thema der Migration, das alle Welt zur Zeit beschäftigt. Bereits bei der Eröffnung am 2. Juni vor 200 Gästen wies Markus Meckel, der letzte, frei gewählte Außenminister der DDR nach der Wende und heutige Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, darauf hin, dass Migration selten freiwillig ist und dass die brutale Völkerverschiebung in der Folge des Hitler-Stalin-Paktes, deren Opfer auch die Bessarabiendeutschen waren, viel zu wenig  im öffentlichen Bewusstsein präsent sei. Diese Ausstellung hier in Berlin sei längst überfällig.

Aureliu Ciocoi, der Botschafter der Republik Moldau, und Oleg Mirus, der Vertreter der ukrainischen Botschaft, wiesen auf die enge geschichtliche Verbindung ihrer Völker mit den Deutschen hin. Am 10. Juni nahm sich Bundespräsident a. D. Dr. Horst Köhler, dessen Familie bekanntlich aus Nordbessarabien stammt und der großes Interesse an vertieften Informationen speziell zur Zwischenkriegszeit und zur Umsiedlung hat, viel Zeit für eine Führung mit den Ausstellungskuratoren.

Im Rahmen der Ausstellung veranstalteten Ute Schmidt und Ulrich Baehr, die Kuratoren der Ausstellung, eine Konferenz mit dem Titel „70 Jahre Kriegsende 1945 – 75 Jahre Umsiedlung der Deutschen aus Bessarabien, dem Baltikum, der Bukowina u. a. (1939/40)“. Die Konferenz, an der ca. 40 Gäste teilnahmen, darunter zeitweise auch Bundespräsident a. D. Köhler, fand im Gemeindesaal der Kirchengemeinde St. Petri/St. Marien statt. Für die Analyse des Umsiedlungsgeschehens konnten die Veranstalter profilierte Referentinnen und Referenten gewinnen, die ihre Impulsreferate zur Diskussion stellten.

Markus Leniger, Katholische Akademie Schwerte, gab einleitend einen Überblick zum Thema: „Nationalsozialistische  Bevölkerungspolitik in Osteuropa 1939 bis 1945“. Er verwies darauf, dass die in der Zwischenkriegszeit praktizierte Volkstumspolitik nicht zwangsläufig in eine „Germanisierungspolitik“ im Osten mündete. Die Priorität lag zunächst auf der Stabilisierung deutscher Minderheiten im Ausland in ihren traditionellen Siedlungsgebieten. Die von der NS-Regierung geplante forcierte Umsiedlung von 200 000 Südtirolern aus ihrer Heimat 1939/40 markierte einen Wendepunkt, der den Boden für zukünftige Umsiedlungen und Bevölkerungsverschiebungen vorbereitete.

In der NS-Außenpolitik wurden die deutschen Volksgruppen im Ausland jedoch von Anfang an als Verfügungsmasse betrachtet, die, wie im Fall Südtirol, als Störfaktoren für außenpolitische Bündnisse auszuschalten waren oder als Arbeitskräftereservoir dienen und als Vorwand für die gewaltsame Expansion genutzt werden konnten. Infolge der Bevölkerungstransfers nach dem Hitler-Stalin-Pakt (1939/40) stellten die „volksdeutschen Umsiedler“ aus Ost- und Südosteuropa für die SS-Siedlungsplaner ein willkommenes „Menschenmaterial“ für den „deutschen Aufbau im Osten“ dar. Der Referent stellte die These auf, dass sich die NS-Politik auf keinen „Masterplan“ gestützt habe. Sie war vielmehr durch eine Dynamik gekennzeichnet, die immer mehr zu einem sich selbst beschleunigenden und radikalisierenden Aktionismus der beteiligten Institutionen führte und mit einer „menschenverachtenden Bereitschaft Menschenleben beliebig zur Disposition gestellt“ habe.

Heinrich Wittram, Hannover, referierte über „Die Umsiedlung der Baltendeutschen“. Er stellte eingangs fest, er wolle von den „Deutschbalten“ sprechen, da der Begriff „Baltendeutsche“ nationalsozialistischem Sprachgebrauch entstamme. Er nannte zunächst die Beweggründe für den Aufbruch von 1939. Man könne aufgrund der Propaganda in den Medien von einer „diktierten Option“ für die Umsiedlung sprechen. Er schilderte schließlich den Verlauf der Umsiedlung und die Ansiedlung der Deutschbalten im besetzten Polen und stellte fest, dass sich bei den Umsiedlern allmählich eine „apokalyptische Stimmung“ verbreitet habe. Die Versprechen vor der Umsiedlung, insbesondere zur „geschlossenen Ansiedlung“, seien nicht eingehalten worden. Für die Deutschbalten treffe nur das Fazit zu, die Umsiedlung sei gescheitert.

Ortfried Kotzian, Augsburg, ehemals Leiter des Hauses des Deutschen Ostens in München und des Bukowina-Instituts in Augsburg, verglich die Umsiedlergruppen aus Wolhynien, Galizien und der Bukowina. Dabei wurden die unterschiedlichen Voraussetzungen, die Entstehung der deutschen Sprachinseln, ihre Entwicklung, die soziologische Struktur in der Zwischenkriegszeit mit dem Entwicklungsstand vor der Umsiedlung 1940 verglichen. Auch die unterschiedlichen Reaktionen auf das Umsiedlungsgeschehen wurden untersucht.

Pferdemarkt_Fromme_und_tuechtige_LeuteUte Schmidt, Freie Universität Berlin, befasste sich eingehend mit der Umsiedlung der Deutschen aus Bessarabien ins besetzte Polen. Am 26. Juni 1940 stellte die Sowjetunion Rumänien ein Ultimatum, Bessarabien und die Nordbukowina an die UdSSR abzutreten und binnen drei Tagen zu räumen. Zwei Tage später besetzte die Rote Armee ganz Bessarabien. Die Umsiedlung war zwar im Prinzip freiwillig, faktisch jedoch ohne Alternative. Die Folgen der Sowjetisierung im benachbarten Südrussland, die konkreten Erfahrungen während der zweieinhalb Monate dauernden sowjetischen Besatzung und nicht zuletzt das Versprechen der NS-Regierung, den Umsiedlern „in Deutschland“ wieder eine neue Heimat zu schaffen, waren die Hauptgründe dafür, dass sie sich fast komplett in die Umsiedlerlisten einschrieben.

Die Referentin beschrieb die Diskrepanz zwischen der „Heim-ins-Reich“- Propaganda und den Erfahrungen der Umsiedler vor Ort, z. B. die Verhältnisse in den Lagern, in denen die Umsiedler Monate, manche sogar Jahre lang festsaßen. Sie ging auch auf die vielfältigen Probleme der Ansiedlung im besetzten Polen ein. Viele der religiös geprägten Bessarabiendeutschen betrachteten die Vertreibung der polnischen Eigentümer als Unrecht, hatten aber unter den gegebenen Verhältnissen kaum Möglichkeiten, dagegen anzugehen.

Im Januar 1945 endete die Flucht aus dem östlichen „Warthegau“ in einer Katastrophe. In diesem Chaos befanden sich auch viele Bessarabiendeutsche. Nicht wenige von ihnen wurden, trotz deutscher Staatsbürgerschaft, als „Repatrianten“ zwangsweise in die UdSSR rückgeführt. Nach 1945 hatten die Bessarabiendeutschen keine Alternative zur möglichst raschen Eingliederung im Nachkriegsdeutschland. Nicht wenige wanderten nach Übersee aus. Rückkehrforderungen oder Besitzansprüche wurden von den Bessarabiendeutschen nie erhoben.

Katharina Zeiher, Berlin, berichtete über ein „Erinnerungsprojekt“ des Geschichtsinstituts der Universität Warschau, bei dem es um „deutsche und polnische Erfahrungen mit der NS-Ansiedlungspolitik“ ging.

Dr. Maria Ziebrandt, Dresden, hatte einen Vortrag zum Thema „Aussonderung und Euthanasie im Rahmen der Umsiedlungen“ vorbereitet. Dieser kaum bekannte Teilbereich des Umsiedlungsgeschehens und der NS-Bevölkerungspolitik zeigte die Menschenverachtung der Verantwortlichen des NS-Machtapparates auf, die in „rassehygienischen“ (erbbiologischen) Untersuchungen, Zwangssterilisation, Ermordung („Ausmerzung“) erbkranker Personen unter den Umsiedlern gipfelte. Durch Selektion sollte eine „neue Siedlergesellschaft“ geschaffen werden. Die Umsiedler waren für die NS-Rassehygieniker als Versuchspersonen ein willkommener Datenpool, nach damaligem Sprachgebrauch eine „ausreichend große Menge an Menschenmaterial“.

In der anschließenden Diskussion stellte Bundespräsident a. D. Horst Köhler die Frage in den Raum, wie die Befindlichkeit der Umsiedler in den Lagern gewesen sei und ob man Widerstand gegen die Ansiedlung in Polen hätte leisten können. Es bestand Einigkeit darüber, dass zu diesen Fragen noch weitere Forschungen nötig seien.

Die Behauptung aus dem Publikum, die „frommen und tüchtigen Leute“ seien alle angepasst gewesen, löste Widerspruch aus: Ulrich Baehr und Ortfried Kotzian betonten, dass die Einstellungen zum NS-Regime im „Reich“ mit denen der Deutschen im Ausland nicht gleichzusetzen seien und dass Akzeptanz und Einfluss der NS-Ideologie bei den einzelnen Volksgruppen in Osteuropa völlig unterschiedlich ausgeprägt gewesen seien, abhängig u. a. von städtischer und ländlicher Sozialstruktur. In Bessarabien handelte es sich z. B. um eine bäuerliche Gesellschaft mit Strukturen lokaler Demokratie und einer pietistisch-protestantischen Ethik. Eine vergleichende mentalitätsgeschichtliche Untersuchung aller Auslandsdeutschen in Ost- und Südosteuropa in Bezug auf ihre Kontamination durch die NS-Ideologie stehe noch aus und sei nach wie vor ein Forschungsdesiderat.

Ortfried Kotzian, Ute Schmidt (KK)

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