Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1243.

Als Ostpreußen strahlte – und ausstrahlte

Wohl keines der Schlösser in Ostpreußen war so prachtvoll, so reich ausgestattet und so harmonisch in die Landschaft eingebettet wie das der Grafen von Dönhoff. Ende Januar 1945 ging es in Flammen auf – ein unersetzlicher Verlust nicht nur für die deutsche Kultur. Was hier in blinder Zerstörungswut zugrunde gerichtet wurde, ist unwiederbringlich verloren. Oder doch nicht ganz? Kilian Heck und Christian Thielemann gelang in ihrem Buch eine Wiederauferstehung auf 320 Seiten.

Die beiden Herausgeber gewannen zwölf herausragende Wissenschaftler, Historiker und Kunsthistoriker, Museumspädagogen, Journalisten und Gartenbau-Kundige, Archäologen, Musiker und Philosophen, die alle Aspekte dieses untergegangenen imposanten Besitzes recherchierten, dokumentierten und nun leicht lesbar präsentieren. Auch ein Mitglied der Familie Dönhoff ist unter den Autoren, Nicola Gräfin Dönhoff, Jahrgang 1967.

Jedes der 18 Kapitel ist lesenswert, angefangen vom „Aufstieg der Familie Dönhoff in Ostmitteleuropa vom Mittelalter bis zum frühen 18. Jahrhundert“, als Mitglieder der ersten kurischen Ritterbank, ihre Rolle als Söldner, Militärunternehmer und Diplomaten und ihre Präsenz am polnischen Hof. Jerzy Albrecht Denhoff (1640–1702) diente der polnischen Krone als Kanzler und Bischof in Krakau. „Keine andere livländische Familie erhielt zwischen 1600 und 1620 vom polnischen Hof so umfangreiche Güterverschreibungen“, heißt es bei dem Historiker Hans-Jürgen Bömelburg. Durch ihre umfassende Bildung und internationalen Kontakte, nicht zuletzt auch durch die Kenntnisse der deutschen, lateinischen und polnischen Sprache, im 18. Jahrhundert auch des Französischen und Italienischen, gehörten die Dönhoffs zur Elite. Die Glaubenskriege kommen bei dem Autor zur Sprache und die aus Karrieregründen vollzogenen Konversionen.

Lebendig wird das Buch auch durch die reiche Bebilderung. Funde im Familienarchiv und durch Aufrufe in auf Ostpreußen bezogenen Zeitschriften gaben den Herausgebern die Möglichkeit, zwischen 250 Originalfotos zu wählen, die nicht veröffentlichten Fotos sind auf einer Bild-DVD dokumentiert. Auf mehreren Seiten ist die komplette Generationenfolge der Grafen von Dönhoff als Herren auf  Friedrichstein von 1666 bis 1945 mit Nennung ihrer Ämter und Würden, ihrer Ehegattinnen und Kinder dargestellt.

Es ist erstaunlich, wie sich die Geschichte Europas in der Geschichte einer Familie widerspiegelt. Die vielfältige Korrespondenz aller Dönhoffs und ihrer Frauen mit dem preußischen Königshaus, dem Kardinal Mazarin, dem Grafen Polignac (dem Vertrauten Ludwigs XIV.), mit dem Fürsten Pückler, Alexander von Humboldt, Paul von Hindenburg und später mit dem Kunstagenten Wilhelm von Bode lassen erkennen, welche Bedeutung den Grafen von Dönhoff zukam. Und das nicht nur in politischer Hinsicht. Die Dönhoffs waren  große Kunstsammler, der engagierteste von ihnen August Graf von Dönhoff, Vater von Marion Dönhoff.

Interessant ist das Kapitel des Archäologen Heinrich Lange, der seit 1991 die verbliebenen Bau- und Kunstdenkmäler im Kaliningrader Gebiet dokumentiert. Auf die Architektur von Friedrichstein im deutschen und europäischen Kontext geht Kilian Heck ausführlich ein. Ob die Spekulation über die authentischen Bauherren, ob über die Maße dieses  außerordentlichen Schlosses, ob über Gliederungselemente, Dachkonstruktionen oder weitere architektonische Attribute – über alles erfährt der Leser etwas. Friedrichstein wies architektonische Elemente auf, die eigentlich nur dem Bau eines souveränen Herrschers zukamen. Es sei schöner als Versailles, soll einmal ein Besucher geäußert haben.
Aber was wäre dieses ganze prächtige Schloß ohne seine Umgebung, ohne seinen Garten! Die Garten-Expertin Ursula Gräfin zu Dohna nahm sich dieses Kapitels an. Eine große Fotoauswahl tut ein übriges, uns die das Schloß umgebende Gartenlandschaft wahrhaft als paradiesisch darzustellen. Auch diese Autorin betrachtet ihr Beschreibungs-Objekt, die Gartenanlage von Friedrichstein, nicht gesondert, sondern stellt Bezüge her zu anderen sehenswerten Anlagen in Schlobitten, Finckenstein, Klein-Beynuhnen und Dönhoffstädt.

Was soll man mehr bewundern, die Fülle der zusammengetragenen Fakten oder die grafisch schöne Gestaltung? Die zahlreichen Zitate aus den Büchern „Eine Kindheit in Ostpreußen“ und „Namen, die keiner mehr nennt“ von Marion Gräfin Dönhoff runden die Darstellung ab.

Kilian Heck, Christian Thielemann (Hrsg.): Friedrichstein. Das Schloß der Grafen von Dönhoff in Ostpreußen, Deutscher Kunstverlag, München und Berlin 2006, 320 Seiten, 68 Euro

Erika Kip (KK)

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