Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1285.

Als wäre es immer normal gewesen

Auf einer Tagung der Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa – OKR werden „Wege in die Zukunft“ Mitteleuropas ausgekundschaftet

„Wir müssen davon abkommen, uns nur zu erinnern. Wenn man in die Zukunft gehen will, und das mit Sinn und Verstand, muß man natürlich Kenner der Vergangenheit und Gegenwart sein, aber man braucht auch Zielvorstellungen“, umriß Professor Dr. Eberhard G. Schulz, der Präsident der Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa – OKR, das Anliegen der mit einer Bonner Veranstaltung eröffneten Tagungsreihe, die vom Bundesinnenministerium gefördert wird. Dabei müsse man früh genug ansetzen und feststellen, daß die Pariser Vorortverträge der Grund waren sowohl für den Problemkomplex Deutsche in Böhmen und Mähren als auch für das Konfliktpotential im 1918 neu geschaffenen Staat Polen. So wurden im europäischen Westen an zwei mitteleuropäischen Nahtstellen Probleme „gesät“.

Es ist schlicht ungeheuerlich, was zumal den Polen angetan wurde, ihr Selbstverständnis als Opfervolk ist mithin zwar nicht richtig, aber verständlich. Das Verständnis darf nicht über die Grausamkeit der Vertreibung der Deutschen nach Kriegsende hinwegtäuschen.

Das ist die Vergangenheit. Was nun ist in Zukunft zu erstreben? Hingearbeitet werden muß darauf, daß das Verhältnis der Deutschen zu Polen und Tschechen in allen Bereichen so gestaltet wird, als wäre es immer normal gewesen. Die „Wege in die Zukunft“ sind auf vielen verschiedenen Feldern zu beschreiten – von der Großindustrie über die Krankenpflege bis hin zu den Forschungskontakten zwischen Wissenschaftlern ebenso wie den Beziehungen zwischen Privatpersonen. Dabei müsse man bei allem Beginnen im Auge behalten, daß derlei im 16., 17. und 18. Jahrhundert in Europa schon einmal normal gewesen ist und daß erst der furchtbare Auswuchs der Nationalstaaten, der Nationalismus, uns in die Lage gebracht hat, aus der wir uns nun nur unter großen Anstrengungen herausarbeiten können.

Einen umfassenden und wohlstrukturierten Einblick in die diesbezüglichen Anstrengungen des Hauses Schlesien in Königswinter-Heisterbacherrott bot Nicola Remig, die Leiterin der dort „beheimateten“ Museumseinrichtung, die sich nicht im Musealen gefällt, sondern durch mannigfaltige veranstalterische Kontakte zu polnischen Partnerinstitutionen immer neue Wege – in die Zukunft – beschreitet. Mit drei hauptamtlichen Mitarbeitern und viel ehrenamtlichem Engagement werden Ausstellungen von vornherein zweisprachig gestaltet, so daß sie auch in Schlesien an den verschiedensten mit dem Ausstellungsthema in Verbindung stehenden Stätten gezeigt werden können, ein Konzept, das sich aufgrund der dort stetig wachsenden Akzeptanz bewährt. Besonders ausbaufähig sind die „Schlesischen Begegnungen“, bei denen vor allem jungen Leuten von hüben und drüben Gelegenheit zum Lernen durch und für den Austausch gegeben wird.

Wer den Banater Schriftsteller Franz Heinz aus Düsseldorf, ehemaliger Redakteur der „Kulturpolitischen Korrespondenz“, gelesen hat, weiß, wieso eine Lesung aus seinem Werk in einer Tagung „Wege in die Zukunft“ ihren Platz hat. Heinz erzählt aus der Vergangenheit, schön und ohne zu beschönigen, er bewegt sich mit kleinen Schritten auf den hier gezeichneten Wegen, er mißt das Banat und die deutsche Kulturlandschaft in Rumänien aus, die er verlassen hat („Ich glaube, daß auch die Aufgabe von Heimat ein Menschenrecht sein kann“), und er weiß ironische Funken zu schlagen aus der Feststellung, daß sein Sohn unmittelbar nach der Rückkehr aus Kalifornien die Koffer für den Tauchurlaub in Thailand packt, während die längste Reise seines Vaters die mit dem Viehwaggon in die Deportation nach Rußland war. Das alles paßt, hat zu passen in einen Kopf, und mit einem solchen Kopf kann man Gegenwart und Zukunft halbwegs begreifen, selbst das Unbegreifliche daran.

Auch Königsberg ist derzeit ein Territorium des Unbegreiflichen oder zumindest schwer zu Begreifenden. Klaus Weigelt aus Regensburg aber läßt nicht nach in dem Bemühen, die Zeichen der Zeit und der Unzeit, die dort allenthalben an den Wänden stehen, zu entschlüsseln – als Wegzeichen. Den Vorsitzenden der Stiftung Königsberg treibt es immer wieder dorthin, von wo er vertrieben worden ist, denn schließlich ist es die Stadt des Immanuel Kant, und sie und ihre Bewohner, sei ihnen der „Weltweise“ auch noch so fern, haben ein Recht auf Vernunft und aufgeklärte Denkungsart. Diese ist beileibe keine Selbstverständlichkeit in den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krämpfen der Gegenwart, von deren Wegen und Abwegen, Daten und (Un)Taten Weigelt manches zu berichten weiß: „Derzeit ist das Klima für eine aktive Kooperation mit öffentlichen Königsberger Stellen nicht gegeben.“ Das heißt aber nicht, daß man diese Klimaerkaltung hinnimmt, mögen auch Politiker und sonstige Potentaten sich allen Verständigungsinitiativen entgegenstellen.

Auch für den Unterlauf der Weichsel, die ehemalige Provinz Westpreußen mit Danzig, kann Hans-Jürgen Schuch aus Münster kein heißes Bemühen im Streben nach einer gemeinsam anerkannten Wahrheit, sondern eher „stark nach Backbord neigende Behauptungen“ von polnischer Seite erkennen. Darauf aber dürfe keinesfalls mit Ausweichmanövern und der hypothetischen Beschwörung des Europa-Gedankens reagiert werden, vielmehr müsse unnachgiebig auf historischer Sachlichkeit bestanden werden. „Es fällt mir schwer, Wege nach Polen aufzuzeigen“, gesteht er ein, und dennoch erwiesen sich polnische Wissenschaftler als nicht nur lernfähig, sondern auch lernbereit, wie er es am Beispiel der Aufarbeitung des „Bromberger Blutsonntags“ zu illustrieren vermag. Historische und allgemein kulturelle Anliegen seien schwierig zu vermitteln: Den eigenen Landsleuten in der Bundesrepublik Deutschland sei das Vorgehen der Protagonisten im Sinne der Verständigung häufig zu forsch, die Menschen in den Städten und Gemeinden der Heimatgebiete wiederum seien dermaßen bedrängt von materiellen Sorgen, daß sie kaum anderweitiges Interesse aufzubringen vermöchten. So ende manche Initiative in einem unerfreulichen Schwebezustand, zumal auch potentielle Partner zur Zeit eher abwarteten.

Als „Sudetentscheche“ der ersten Generation bezeichnete sich Milan Augustin aus Karlsbad und breitete die Gedanken aus, mit denen sich ein junger Mensch, dessen Familie nach dem Krieg in deutsch geprägte böhmische Gefilde gelangt war, konfrontiert sah. Als Kind schon entwickelte er ein akutes Empfinden dafür, daß dort „etwas nicht in Ordnung“ war. Mit anekdotisch illustrierten Erinnerungen malte Augustin aus, welchen Zwiespälten ein sensibles Gemüt ausgesetzt war und wie es ihm schließlich gelang, sie zu überbrücken: „Wenn ich nicht fremd und entfremdet sein will, muß ich alles, was hier jahrhundertelang war, als Eigenes annehmen.“ Der Mensch brauche Wurzeln, und wenn es diese nicht gebe, müsse er sie züchten. Milan Augustin bewirtschaftet qua Fachausbildung einen fruchtbaren Humusboden zu diesem Zweck: Als Archivar forscht er nicht nur in tschechischen Beständen, sondern konnte mit sichtlicher Freude darüber unterrichten, daß es mittlerweile eine unmittelbare, vom Internet „befeuerte“ Zusammenarbeit zwischen den Archiven von Pilsen und München gebe, die ganz neue Möglichkeiten auftut. Zwei Wege in die Zukunft sieht er vorgezeichnet: jenen zu den Menschen und jenen zu den Quellen.

Zu den Quellen führte auch Professor Dr. Roswitha Wisniewski aus Heidelberg mit ihren Erläuterungen über die Bedeutung und die Schwierigkeiten editorischer Unterfangen, mit denen deutsche Handschriften aus Beständen osteuropäischer Bibliotheken und Archive gerettet und zugänglich gemacht werden müssen, also eine Möglichkeit wahrzunehmen, die sich erst seit der politischen Wende in bemerkenswertem Maße auftut – allerdings auch mit besonderer Dringlichkeit. Einschlägige Vorhaben sind dermaßen arbeitsaufwendig, daß wenige Akademiker den dazu notwendigen Idealismus aufbringen. Es ist deshalb unabdingbar, ein diesem Zweck gewidmetes Dokumentationszentrum einzurichten, das selbstverständlich nicht nur überregional, sondern grenzübergreifend im Sinne bibliographischer Zusammenarbeit tätig werden sollte.

Die Legende von Siebenbürgen und dem Banat als „Schmelztiegel“ der Kulturen im südöstlichen Europa, in dem just die deutsche ein besonders kräftiges Ingrediens gewesen sein soll, relativierte Georg Aescht aus Bonn mit Blick vor allem auf das gleichsam „naturgemäße“ gegenseitige Unverständnis schon im Bereich der Literatur. Weil dortzulande noch nicht einmal die Literaturgeschichte, geschweige denn die Geschichtswissenschaft mit der „Bewältigung“ des vielfältigen, jedoch auch vielfach zwiespältigen Erbes wesentlich vorangeschritten sei, fungiere dieser Themenkomplex immer noch als Tummelplatz der Vorurteile und Klischeevorstellungen, die überallhin führen mögen, aber nicht in eine Zukunft.

Eine Vielzahl von Kontakten hat Dr. Roland Vetter aus Berlin schon als Mitarbeiter der Bundeszentrale für politische Bildung knüpfen können, weil er sich durch die behördlichen Verzögerungsmechanismen, die um so hemmender funktionieren, je weiter östlich man sich befindet, nicht hat beirren lassen, sondern schon frühzeitig auf etwas bestanden hat, was man zeitweise für immer verloren glaubte: Normalität, Selbstverständlichkeit kulturellen, intellektuellen Kontaktes über Grenzen hinweg. Auch heute dürfe man, so Dr. Vetter, nicht nachlassen in dem Bemühen, die Euroregionen als Keimstätten eines neuen Europagedankens bewußt zu erhalten, was am besten gelinge, indem man Leute von hüben und drüben auf Reisen zusammen- und miteinander ins Gespräch bringe.

Der zwischen deutscher und lettischer Kultur lebende und mit dem von ihm geleiteten Baltischen Haus Annaberg in Bonn die Kultur des Baltikums ins Deutsche und nach Deutschland „übersetzende“ Andrejs Urdze wußte mit scharfen Strichen die Geschichte, vor allem die Zeitgeschichte jener nordosteuropäischen Kulturlandschaften zu skizzieren und den zähen, immer noch nicht ausgestandenen Prozeß der Loslösung von der Sowjetunion so darzustellen, daß man einen oft schmerzlich erhellenden Blick über dieses zerklüftete Problemfeld gewann. Insbesondere ging er auf die deutsche Prägung zumal der lettischen Kultur ein, die ihre Kehrseite in der Beteiligung von Letten an Hitlers Krieg gehabt hat, während die Deutschbalten dem Ruf „heim ins Reich“ folgten. Die Sowjetherrschaft hat schließlich eine Eiszeit gebracht, deren Folgen immer noch spürbar sind in der Existenz einer russischen Parallelgesellschaft in Lettland, deren Ignoranz gegenüber den Balten nicht nur wohlwollend ist. Gleichwohl gibt es lettisch-russische Kommunikation, ist der Bürgermeister von Riga ausgerechnet ein wohlgelittener tüchtiger Russe, doch wie mühsam und gewunden die Wege in die Zukunft auch hier sind, zeigt die derzeit von der Weltwirtschaftskrise arg gebeutelte Wirtschaft des Landes.

Gerade die im Osten so akuten wirtschaftlichen Nöte, die den Menschen den Blick für Wesentliches versperren, kamen immer wieder zur Sprache und sind natürlich kultureller Verständigungsarbeit nicht förderlich. Um so wichtiger ist es, unbeirrt Wege zu erkunden und zu beschreiten im Bewußtsein: Die Zukunft beginnt jetzt. 

(KK) 

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