Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1356.

„Am Ende siegt immer der Geist“

Dieser Trost Walter Rathenaus erreichte die Armenier nicht – ihr Ende war ein furchtbar anderes

Am-Ende-siegt-immer-der-GeiNun also doch. Völkermord wird jetzt auch in höchsten deutschen Kreisen genannt, darf genannt werden, was hundert Jahre lang eher beschwiegen wurde: der Mord der Türken an den Armeniern 1915, die Vertreibung und Auslöschung von 800 000 – andere Stimmen sprechen von bis zu 1,5 Millionen – Kindern, Frauen und Männern, die der damaligen türkischen Regierung ein Dorn im Auge waren. In Regierungskreisen hatte man sich bislang geweigert, von Völkermord zu sprechen, aus Rücksicht auf die türkische Regierung und die besonderen Beziehungen, die man halt so pflegt, politisch, kulturell, wirtschaftlich. Es war einfacher, der türkischen, verharmlosenden Version von der Umsiedlung zu folgen.

Dabei gab es unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg einen Mann, der das Unrecht beim Namen nannte und es auch publizierte: Armin T. Wegner hieß er. Als Sanitätssoldat, der in diesem Feldzug Karriere machte, begleitete er das große Morden, Auslöschen, Sterben nicht nur als Sanitäter, sondern auch und vor allem als Dokumentarist mit seiner Kamera. Und er veröffentlichte 1919 einen Offenen Brief an den damaligen US-amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, in dem er ihn beschwor, sich in den Friedensverhandlungen für die Rehabilitierung des armenischen Volkes einzusetzen. Zum ersten Mal veröffentlicht wurde dieser Brief in der Zeitschrift „Die Frau der Gegenwart“ 1917. Eine große Öffentlichkeit erreichte der Brief freilich erst, als er am 23. Februar 1919 im „Berliner Tageblatt“ erschien. In Berlin lebende Armenier erstellten einen Sonderdruck, den sie dem damaligen Außenminister Walter Rathenau überreichten. Der wiederum entgegnete den Überbringern: „Meine Herren! Ich hatte den Dichter Armin Wegner noch während des Krieges zu mir eingeladen. In Gegenwart eines Bruders von Enver Pascha hat er uns über seine düsteren Erfahrungen in der Türkei berichtet. Aber sehen Sie ruhig in die Zukunft. Am Ende siegt immer der Geist.“ Enver Pascha war einer der drei damals die Türkei regierenden Paschas. Das Ende Walter Rathenaus ist bekannt, der von ihm herbeizitierte Geist wurde wenigstens ansatzweise in Moskau aktiv: „Wie immer man über das kommunistische Regime in Moskau denken mag, seine Führer waren die einzigen in der Welt, die den Armeniern des Kaukasus ein eigenes Reich und die Pflege ihres Volkstums einräumten.“ So Armin T. Wegner 1954 in einem Bericht über die Folgen seines offenen Briefes, von denen er weiter schreibt, dass England und Frankreich sich koloniale Rechte vorbehielten und die USA resp. Wilson auch nichts erreichten.

Aber Wegner gab nicht nach. Aus seinen Fotos, die er unter Lebensgefahr gefertigt und nach Deutschland geschmuggelt hatte, stellte er einen Lichtbildervortrag zusammen, mit dem er für die Anerkennung des Verbrechens an den Armeniern focht. Mittlerweile kann man seine Fotoausbeute samt dem dazugehörigen Vortrag in Buchform, versehen mit einer kritischen Würdigung, anschauen, lesen, nachvollziehen (Armin T. Wegner: Die Austreibung des armenischen Volkes in die Wüste. Ein Lichtbildervortrag, herausgegeben von Andreas Meier mit einem Essay von Wolfgang Gust. Wallstein Verlag, Göttingen 2011). Und wer sich nun die Photos von Leichenbergen, verendeten Tieren, endlosen Wüsten oder Windungen des Euphrats anschaut, in Verbindung mit dem dazugehörigen Text, vermag auch hundert Jahre später und nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges, der Shoah und mit dem Wissen um die Stalinschen Säuberungen 1937/38 nicht glauben, was da vor sich ging. Und vor allem, dass es nach wie vor in der offiziellen Türkei geleugnet wird. Nicht erst seit heute. Als Wegner 1919 in Berlin in der Urania zum ersten Mal diesen Lichtbildervortrag hielt, kam es zu Störungen durch deutsch-nationale Zuhörer, die eine Mitschuld der Deutschen bestritten und eine längere Unterbrechung erzwangen. Die Beteiligung ist freilich mittlerweile sehr penibel nachgewiesen worden von Wilfried Gottschlich (Beihilfe zum Völkermord. Deutschlands Rolle bei der Vernichtung der Armenier. Ch. Links Verlag, Berlin 2015).

Die Proteste gegen Wegner 1919 in Berlin hatten Konsequenzen. Er revidierte seinen Vortrag, weil er einige der gezeigten Bilder nicht genau verifiziert hatte, obwohl er auf das Fremdmaterial hingewiesen hatte. Dessen ungeachtet konnte er den Vortrag im gleichen Jahr in Breslau wiederholen und 1924 in Wien damit auftreten. In einer Fußnote im Vorwort zum Buch verweist der Herausgeber darauf, dass es Stimmen gibt, die Wegner durchaus als „armenischen Propagandisten“ sehen, „der er allerdings auch gelegentlich war“. Seiner Stellung als überragender Zeuge dieses Genozids tut das freilich keinen Abbruch.

Zurück zu dem offenen Brief an Wilson. Als Motto steht ein Zitat des damaligen Innenministers der Türkei, Talaat Pascha, obenan: „Das Ziel der Verschickung ist das Nichts!“ Dann schildert Wegner in groben Zügen den Ablauf der Vernichtung: „Niemand hinderte die finsteren Machthaber der Türkei, ihre qualvollen Folterungen zu beenden, deren Ausführung man in der Tat nur mit der Handlung eines wahnsinnigen Verbrechers vergleichen kann. So haben sie ein ganzes Volk, Männer, Frauen, Greise, Kinder, schwangere Mütter, unmündige Säuglinge in die arabische Wüste getrieben mit keiner anderen Absicht als der – sie verhungern zu lassen. (…) Vor dem Aufbruch ihrer Familien metzelte man Scharen von Männern nieder, stürzte sie, mit Ketten oder Seilen aneinandergefesselt, in den Fluss, rollte sie mit gebundenen Gliedern die Berge hinab, verkaufte Frauen auf den öffentlichen Märkten oder hetzte Greise und Knaben unter tödlichen Stockschlägen auf die Straßen zur Zwangsarbeit. (…) So starben sie, von Kurden erschlagen, von Feldjägern beraubt, erschossen, erhängt, vergiftet, erdolcht, erdrosselt, von Seuchen verzehrt, ertränkt, erfroren, verdurstet, verhungert, verfault, von Schakalen angefressen.“ Keine noch so drastische Todesart lässt Wegner aus. Aber vergebens. Alles, was Wilson erreicht, ist die Gründung des Völkerbundes. Und diese Gründung ist bestimmt nicht auf diesen Brief zurückzuführen. Um Armenien kümmert sich niemand. Bis auf, wie schon erwähnt, die Sowjetunion.

Nach dem verlorenen Krieg flüchten viele Türken zum ehemaligen Waffenbruder nach Deutschland. Was nicht allen gut bekommt. Talaat Pascha z. B. wird im März 1921 auf offener Straße erschossen. Der Täter, der armenische Student Soghomon Tehlirjan, wird unweit des Tatortes gefasst. Der Prozess ist eine Farce. Die Gelegenheit, den deutschen Anteil am Genozid an den Armeniern zu untersuchen bzw. darzustellen, wird aus verständlichen Gründen nicht genutzt. Der Täter wird als unzurechnungsfähig betrachtet. Bei Gottschlich liest sich das deprimierende Fazit so: „So kam vor Gericht auch nie zur Sprache, dass Soghomon Tehlirjan alles andere als ein verwirrter Einzelkämpfer war, sondern im Gegenteil, wie von den deutschen Exmilitärs bereits vermutet, ein sorgfältig ausgesuchter Attentäter der Operation Nemesis, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, die Verantwortlichen für den Völkermord in Selbstjustiz zu liquidieren.“

Waffenbrüder waren das Deutsche Reich und die Türkei durch einen Geheimvertrag vom 2. August 1918 geworden, der vorsah, dass die Türkei mit dem Reich gemeinsam in den Krieg eintritt, sollte Russland militärisch aktiv werden gegen Österreich. Doch die militärischen Kontakte zwischen dem Reich und der Türkei begannen schon viel früher. Sie sind verbunden mit dem Namen Colmar von der Goltz. 1883 kam er nach Konstantinopel und übernahm nach einer Probezeit von drei Monaten die Aufgaben, das osmanische Heer zu reformieren, eine moderne Kriegsakademie zu installieren sowie als Lobbyist für deutsche Waffenlieferungen tätig zu werden. Es ist die Zeit, in der die Pläne für den Bau der Bagdad-Bahn entwickelt werden und Kaiser Wilhelm II. sich zum Beschützer aller Muslime ausruft. Damit nicht genug, werden deutsche Militärs in höchste türkische Militärämter aufgenommen. Und steuern von dort nicht nur den Eintritt der Türkei in den Ersten Weltkrieg, sondern eben auch den Genozid an den Armeniern, ausführlich nachzulesen bei Gottschlich.

Armin T. Wegner blieb seinem Einsatz für Minderheiten treu. Am 11. April 1933 schrieb er Adolf Hitler einen Brief, in dem er ihn vor den Konsequenzen der Schikanen und Gesetze gegen Juden warnt: „Im Namen des Volkes, für das zu sprechen ich nicht weniger das Recht habe als die Pflicht, wie jeder, der aus seinem Blut hervorging, als ein Deutscher, dem die Gabe der Rede nicht geschenkt wurde, um sich durch Schweigen zum Mitschuldigen zu machen, wenn sein Herz sich vor Entrüstung zusammenzieht, wende ich mich an Sie: Gebieten Sie dem Treiben Einhalt!“ Im August 1933 wurde er von der Gestapo verhaftet, gefoltert und nach einer Odyssee durch die KZs Oranienburg, Börgermoor und Lichtenburg im Dezember freigelassen. Er emigrierte nach Italien, wo er teils auf Stromboli, teils in Rom lebte und als Schriftsteller arbeitete. Dort starb er 1978. Wie sehr das Exil jemanden isolieren kann, ersieht man aus der Tatsache, dass er in der von Richard Drews und Alfred Kantorowicz 1947 herausgegebenen Anthologie „verboten und verbrannt“ als „im Exil gestorben“ aufgeführt wird.

Ulrich Schmidt (KK)

 

Die Zitate stammen aus dem Buch von Armin T. Wegner: „Fällst du, umarme auch die Erde oder Der Mann, der an das Wort glaubt. Prosa – Lyrik – Dokumente“, das 1974 im Peter Hammer Verlag erschien und nur noch antiquarisch erhältlich ist.

«

»