Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1333.

An der Heimat Statt ein Gesetz

Das Haus des Deutschen Ostens in München feiert mit einer Tagung 60 Jahre Bundesvertriebenen- und -flüchtlingsgesetz

Am 5. Juni 1953 trat das Bundesvertriebenen- und -füchtlingsgesetz (BVFG) in Kraft, in dem sich Bund und Länder unter anderem dazu verpflichten, das Kulturgut der Vertreibungsländer zu erhalten. Das Haus des Deutschen Ostens hat den 60. Jahrestag dieses Ereignisses zum Anlass für eine Tagung genommen.

An-der-Heimat_obenBrigitte Steinert, die stellvertretende Direktorin des HDO, begrüßte die zahlreichen interessierten Gäste und die Referenten. In ihrer Begrüßungsrede ging sie vor allem auf den § 96 BVFG, den sogenannten „Kulturparagraphen“, ein.

Anschließend führte Dr. Meinolf Arens, Wien, die Zuhörer in das Tagungsthema ein. Zu diesem Zweck zog er einen Vergleich zwischen der Situation der Vertriebenen in Deutschland und der Situation in Österreich. Denn auch Österreich wurde nach dem Zweiten Weltkrieg mit Flucht und Vertreibung konfrontiert, etwa 6 % der damaligen Bevölkerung waren Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Osten. Im Gegensatz zur BRD und DDR ist die Geschichte der Vertreibung in Österreich jedoch kaum untersucht worden. „Die Integration ist in Österreich wesentlich schlechter gelaufen als in der BRD und sogar auch in der DDR.“

Über die Situation in Bayern sprach im Anschluss Dr. Wolfgang Freytag, Ministerialrat des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen. Zunächst blickte er zurück auf die letzten 60 Jahre und betonte, wie zukunftsorientiert das Gesetz bereits bei seiner Entstehung 1953 war, auch deshalb, weil es von Anfang an durch § 96 die Pflege der Kultur der Heimatvertriebenen und Spätaussiedler im In- und im Ausland einbezog. Dr. Freytag erläuterte daraufhin, wie Bayern den Gesetzesauftrag Realität werden lässt. Dabei betonte der Referent, dass sich die Förderung nicht nach der Größe einer Landsmannschaft oder Gruppe richtet, sondern nach der Art und Qualität des jeweiligen Projektes. Im dritten Teil seines Vortrages ging der Referent auf die starke politische Rückendeckung für die Anliegen der Heimatvertriebenen und Spätaussiedler in Bayern ein. Bayerische Vertriebenenpolitik hat dabei nicht nur die Sudetendeutschen im Blick, deren Schirmherr der Freistaat ist, und die Ostpreußen, für deren Landsmannschaft der Freistaat die Patenschaft übernommen hat, sondern alle deutschen Heimatvertriebenen und Spätaussiedler. Für sie alle hat der Freistaat das Haus des Deutschen Ostens errichtet.

An-der-Heimat_untenProfessor Dr. Manfred Kittel, der Direktor der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, präsentierte diese als eine „späte Frucht“ des § 96 BVFG. Dabei erläuterte er, was einem Zentralmuseum zuvor jeweils im Wege stand, wäre doch eine solche Institution zumindest theoretisch bereits in den 50er Jahren möglich gewesen. Eine weitere Möglichkeit hätte laut Professor Kittel im Zuge der neuen Ostpolitik der Regierung Brandt bestanden. Die letzte Gelegenheit bot sich 1990 nach der Wiedervereinigung, da nun auch die deutsche Ostgrenze rechtlich festgelegt wurde. Diesmal verstrich die Gelegenheit jedoch, da bereits kurz zuvor zwei andere Einrichtungen gegründet worden waren: das Lastenausgleichsarchiv in Bayreuth sowie das Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa in Oldenburg. Eine frühere Stiftung hätte sicher anders ausgesehen als die 2008 gegründete, und so könne die „späte Frucht“ auch von Vorteil sein.

Dr. Agnes Tieze präsentierte das Kunstforum Ostdeutsche Galerie, das vom Bund, dem Land Bayern und der Stadt Regensburg gefördert wird. Zunächst fasste die Direktorin der Einrichtung die Entstehungsgeschichte „von der Turnhalle zum Kunstforum“ zusammen. Gründungsorgane der Stiftung des Kunstforums waren die Künstlergilde Esslingen und der Adalbert Stifter Verein München, die auch die ersten Bestände stellten. Heute umfasst die Sammlung ca. 2000 Gemälde, 500 Skulpturen und 30 000 graphische Blätter. Danach nahm Dr. Tieze die Zuhörer mit auf einen virtuellen Rundgang durch die Schausammlung der Ostdeutschen Galerie, die nicht chronologisch, sondern nach Themenräumen geordnet ist. Der Sammlungsauftrag des Kunstforums umfasst sowohl Künstler, die aus den ehemals deutschen Gebieten stammen, als auch Kunstwerke, die sich mit diesen Gebieten beschäftigen, und zudem zeitgenössische Künstler aus Osteuropa.

Dr. Peter Becher stellte den Adalbert Stifter Verein München, dessen Geschäftsführer er seit 1986 ist, als eine vom Bund geförderte Institution vor. Der Verein wurde bereits 1947 gegründet, und sein Aufgabenspektrum hat sich seit dieser Zeit immer wieder gewandelt. Schon immer gehörte die kulturelle Unterstützung und Förderung von sudetendeutschen Künstlern und Wissenschaftlern zu den Aufgaben. Ebenso versuchte der Verein von Anfang an die deutsch-böhmische Kultur- und Literaturgeschichte im Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit zu verankern. Neu hinzugekommen nach der Wende ist der deutsch-tschechische Kulturaustausch, der seitdem einen wesentlichen Bestandteil der Arbeit darstellt. Einen Einschnitt stellte laut Dr. Becher auch die neue Konzeption des § 96 in den Jahren 1999/2000 dar. In dieser Zeit setzten sich vor allem viele Tschechen bis zum damalige Staatspräsidenten Václav Havel für ein weiteres Engagement des Stifter Vereins im deutsch-tschechischen Kulturaustausch ein. Eine weitere Veränderung in der Arbeit trat 2002 ein, als dem Verein der Kulturreferent für die böhmischen Länder zugeordnet wurde.

Einen Höhepunkt der Tagung bildete zum Abschluss der Vortrag von Dr. Christoph Bergner, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesinnenministerium, zum Thema „Das BVFG und seine Bedeutung nach der Wende“. Auch er ging zunächst auf die Entstehung des Gesetzes ein und betonte, dass es Grundwerte gesetzt hat, besonders im Bereich der Kriegsfolgenbewältigung. Durch das BVFG werde der kollektiven Schuldzuweisung kollektive Solidarität entgegengesetzt. Auch nach der Wende hat das BVFG seine Bedeutung nicht verloren, sondern wurde 1990 durch das Aussiedleraufnahmegesetz noch erweitert.

Die zentralen Herausforderungen seit der Wiedervereinigung waren laut Dr. Bergner vor allem die Aufnahme von 3 Millionen Menschen als Aussiedler sowie die Förderung der deutschen Minderheiten in Osteuropa. Dafür sind auch partnerschaftliche Beziehungen zwischen den Vertriebenen in Deutschland und der deutschen Minderheit im Osten notwendig. An dieser Stelle appellierte er an das Publikum, keine Unterschiede zwischen den neueren und älteren Landsmannschaften zu machen.

Jedem Referat folgte eine lebhafte Diskussions- und Fragerunde, die das große Interesse des Publikums an dieser Veranstaltung des Hauses des Deutschen Ostens noch einmal auf besondere Weise unterstrich.

Patricia Erkenberg (KK)

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