Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1248.

An seinem Grab war Hauptmann der einzige Christ

Dem Gedenken an den großen Kunstfreund und -förderer Max Pinkus

„Eine Stätte bewohnter Sicherheit …, die Dämonen schrecken und einer Welt von Feinden Trotz bieten soll“, bezeichnete Gerhart Hauptmann seinen „Wiesenstein“, versetzt zwischen Felsblöcke, und das Gemäuer wurde vom Dichter als eine „Schutzhülle seiner Seele“ empfunden. Aber die Trutzburg weiß auch von „schlimmen Stunden und Tagen, einsam verwachten, kranken Nächten“ zu berichten, von „Sorge und Kummer“. Viele Tode wurden hier gestorben. Der Tod, diese „mildeste Form des Lebens, der ewigen Liebe Meisterstück“, wie es im „Michael Kramer“ heißt, kam auch am 20. Juni 1934 mit der Nachricht, daß sein Freund Max Pinkus am Vortag in Neustadt, Oberschlesien, einem Herzschlag erlegen war. Hauptmann, tief betroffen, sagte: „Wir müssen nach Neustadt.“ In seinem sofort abgeschickten Kondolenztelegramm heißt es: „Worte können unseren tiefschmerzlichen Verlust nicht ausdrücken. Die Bedeutung von Max Pinkus für das deutsche Geistesleben Schlesiens werden erst künftige Geschlechter voll würdigen. In wahrhaft tiefer Trauer – Gerhart Hauptmann und Frau Margarete.“

Wegen der politischen Verhältnisse gestaltete der Sohn des Neustädter Fabrikanten Max Pinkus, Hans Pinkus, die Trauerfeier im engsten Freundeskreis; Hauptmann und seine Frau waren die einzigen „Arier“, die daran teilnahmen. Hermann Stehr, der Max Pinkus viel zu verdanken hatte, hielt sich fern. Auch die Stadtverwaltung nahm keinerlei Notiz von ihrem Ehrenbürger; heimlich sind die sterblichen Überreste des verdienten Neustädter Ehrenbürgers auf den Friedhof überführt worden. Hauptmann notierte über diese Vorgänge in sein Tagebuch: „Man hat den Tod des königlichen Juden nicht öffentlich bekannt gemacht, weil unter den heutigen Umständen die Stadt, die ihm unendlich viel verdankt, an seinem Begräbnis nicht hätte teilnehmen können. So senkt man ihn in der Stille ein. Natürlich weiß die Stadt, vom Bürgermeister bis zum einfachen Bürgersmann, daß er verschieden ist. Aber es gibt ein allgemeines, halsverrenkendes Wegblicken.“

Es war ein Trauerspiel, so der Dichter. Und das traf auch für das feierliche Nachtessen gegen Mitternacht im hohen Renaissancesaal zu. „Es präsidierte, schwarz gekleidet, die Gattin des Sohnes. Tragische Muse des Judentums, wie aus hohepriesterlichem Geschlecht. Eine Verkörperung, u. zwar eine schöne Verkörperung des ganzen tragischen Mysteriums ihrer Rasse. Denn es war nicht nur die Trauer um den Schwiegervater in ihr, sondern die ganze, das Schicksal betreffende, dem sie verbunden ist. Dieses uralte Schicksal hat, so scheint es, Ewigkeit, also Unsterblichkeit. Aber es wirft immer neue schwarze bedrohende und verschlingende Wogen und ihm Verfallenen. Ich fühle, daß es in seiner ewigen Gegenwart unter allen Völkerschicksalen das erhabenste, das größte und furchtbarste ist.“

Der Kgl. Kommerzienrat Max Pinkus, Leiter der großen Tischzeug- und Leinwand-Fabrik S. Fränkel in Neustadt, Oberschlesien, war ja nicht nur ein bedeutender Kaufmann und Fabrikant, sondern auch zugleich ein Kunstfreund und leidenschaftlicher Sammler schlesischen Kultur- und Geistesgutes: Er besaß eine umfangreiche und sehr wertvolle Schlesier-Bibliothek von etwa 25000 Bänden, vorwiegend die Dichter der schlesischen Literatur und meistens in kostbaren Erstausgaben. Vor allem hatte er sich um alle Titel von Gerhart Hauptmann bemüht, darunter auch kostbare bibliophile Drucke, seltene Bühnenausgaben und zudem Sekundärliteratur über das Werk Hauptmanns. Pinkus hatte auch die Veröffentlichung der Bibliographien über Hauptmanns Werke von 1922 und von 1931 finanziert; ebenso beteiligte er sich an den Kosten für die Ausmalung der Paradieshalle im „Wiesenstein“.

Zum 70. Geburtstag von Max Pinkus widmete Hauptmann seinem Freund ein Gedicht, in dem es u.a. heißt: „Nun, wir treten hin zu einem, / der im Raume seiner Jahre / viel geborgen, / viel erfahren / und im Boden, / den er baute, / selber tief verwurzelt steht.“ Er hat seinem Freund auch in der Gestalt des jüdischen Kaufmanns Löwel („Die Schwarze Maske“) und in der des Geheimrats Matthias Clausen („Vor Sonnenuntergang“) ein Denkmal gesetzt. Die Gestalt von Matthias Clausen erschien so überzeugend, daß Werner Krauß bei der Berliner Uraufführung 1932 die Rolle Clausens mit einer Maske von – Max Pinkus spielte.

Die tragischen Umstände vom Tod seines Freundes hat Hauptmann wohl nicht vergessen können – sie drängten zur Reflexion, zur Gestaltung. Erhart Kästner diktierte der Dichter in den Februartagen 1937 in Rapallo Szenen, die noch einmal die gespenstischen Vorgänge um den Tod seines jüdischen Freundes aufrufen und als „Die Finsternisse“ von Joseph Gregor als „seltsamste unter allen Dichtungen Hauptmanns“ bezeichnet werden.

In den wenigen Szenen geschieht an Handlung nicht viel. Der Dichter von Herdberg, der mit seiner Frau an dem Totenmahl teilnimmt, trägt zweifellos Züge von Gerhart Hauptmann, der über das tragische Schicksal der Juden, die ständige Wiederkehr von Verfolgung und Mord im Gang der Geschichte meditiert. Man vergißt leicht, was es zu jenen Zeiten bedeutet hat, daß man als einziger Christ zum Begräbnis eines Juden erschienen ist.

Gerhart Hauptmanns „Finsternisse“ stehen neben Beer-Hofmanns „Jaakobs Traum“ und Stefan Zweigs „Jeremias“, wie Felix A. Voigt festgestellt hat.

Günter Gerstmann (KK)

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