Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1324.

Archäologene Architektur

Das Haus der Heimat in Stuttgart erinnert mit einer Sonderausstellung an den Breslauer Architekten der Wilhelma, Karl Ludwig von Zanth

Mit über zwei Millionen Besuchern jährlich ist „die Wilhelma“ nicht nur die beliebteste Freizeiteinrichtung Stuttgarts und einer der besucherstärksten Zoos, sie ist auch der einzige zoologisch-botanische Garten in Deutschland und gehört zu den artenreichsten Zoos der Welt. Ihren unverwechselbaren Reiz entfaltet sie durch die teilweise erhaltenen Gebäude im maurischen Stil und die einzigartige denkmalgeschützte Parkanlage aus dem 19. Jahrhundert. Während das Meisterwerk des Architekten weithin bekannt ist, scheint sein Name aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwunden zu sein. Eine Sonderausstellung des Hauses der Heimat des Landes Baden-Württemberg erinnert nun in Stuttgart an den in Breslau geborenen Architekten der Wilhelma, Karl Ludwig von Zanth (1796–1857).

„In der Mitte des 19. Jahrhunderts war es in den europäischen Königs- und Fürstenhäusern in Mode gekommen, repräsentative Bauten in einem exotisch-fantasievollen Stil zu errichten. Und der württembergische König Wilhelm I. wünschte sich eine maurische Anlage für ein ganzes Ensemble von Gebäuden, in die er sich fern von den königlichen Pflichten als Privatmensch zurückziehen konnte“, erläutert Dr. Annemarie Röder, stellvertretende Leiterin des Hauses der Heimat. „Karl Ludwig Zanth hatte bereits 1840 in Bad Cannstatt das Wilhelmatheater im pompejanischen Baustil errichtet. Er wurde deshalb vom König beauftragt, in unmittelbarer Nachbarschaft auch ein Gartenhaus mit Wohngebäuden, Theater und Ziergewächshäusern im maurischen Stil für den König zu erbauen. Die Anlage, nach ihrem Auftraggeber ‚Wilhelma‘ genannt, wurde1842 bis 1851 verwirklicht.“

Karl Ludwig Zanth wurde in Breslau geboren und stammte aus einer aufgeklärten jüdischen Familie. Das offene Elternhaus und die in Breslau vermittelte Vorbildung ermöglichten dem jungen Zanth eine Karriere, die Jahrzehnte in dem Amt des Stuttgarter Hofarchitekten gipfelte. Der Großvater Aaron mit dem ursprünglichen Namen Zadig, der in Galizien geboren wurde und nach eigener Aussage Friedrich dem Großen im Siebenjährigen Krieg „mit Leib und Leben gedient“ hatte, ließ sich in Breslau als Kaufmann nieder. Der Vater Abraham Zadig studierte Medizin in Halle, arbeitete einige Jahre in Riga und kam nach seiner Heirat nach Breslau, wo 1796 auch der erste Sohn geboren wurde, der seit dem Übertritt der Familie zum evangelischen Glauben Ende 1802 den Namen Karl Ludwig Wilhelm trug. Der unverkennbar jüdische Familienname Zadig wurde erst 1820 geändert.

Die Karriere des jungen Karl Ludwig Wilhelm Zanth begann in Paris, wo er an Festarchitekturen der nachnapoleonischen französischen Könige Ludwig XVIII. und Karl X. mitwirkte und sich mit dem vier Jahre älteren, in Köln geborenen Architekten und Archäologen Jakob Ignaz Hittorff anfreundete. Zu Hittorffs Hauptwerken gehört der Weiterbau der Kirche Saint-Vincent-de-Paul (1831) sowie in unmittelbarer Nähe der Bau des Pariser Nordbahnhofs Gare du Nord (1861). Gemeinsam unternahmen Zanth und Hittorff von 1822 bis 1824 eine ausgedehnte Italien- und Sizilienreise, besuchten u. a. Rom, Neapel und die Ausgrabungen in Pompeji und Herkulaneum. „Man mußte damals als junger Architekt und als Künstler die großen Vorbilder der Baukunst mit eigenen Augen gesehen haben, ganz besonders die Monumente des Altertums. Denn zu dieser Zeit beruhte die Baukunst in erster Linie auf der Auseinandersetzung mit dem Leitbild der griechischen und der römischen Antike“, erklärt Dr. Annemarie Röder. In der Sonderausstellung werden erstmals überhaupt die auf der Reise und danach entstandenen Zeichnungen und Aquarelle Zanths öffentlich gezeigt. Zehn Jahre später konnte Zanth aus dieser reichen Quelle seine Dissertation „Über die Wohnbauten in Pompeji“ an der Universität Tübingen speisen. Auch bei seinen Stadt- und Landhäusern, den Hof- und Staatsbauten, die er in den folgenden Jahrzehnten schuf, mußte er nicht auf mehr oder weniger authentische Wiedergaben in Vorlagenwerken zurückgreifen, sondern konnte den hoch im Kurs stehenden pompejanischen Stil aus eigener Anschauung zu Wand- und Deckengestaltungen abwandeln.

Zum weitaus bedeutsamsten Erlebnis aber wurde für Zanth die Begegnung mit den Bauten aus der Zeit der arabischen (etwa ab 831) und der normannischen (etwa ab 1061) Herrschaft auf Sizilien. Als er im Frühjahr 1824 den normannischen Königspalast und die Schlösser La Cuba und La Zisa zeichnerisch festhielt, konnte er nicht ahnen, daß die hier gesammelten Eindrücke zur wichtigsten Grundlage für sein Hauptwerk werden sollten. Im Jahre 1824 aber ging es Hittorff und Zanth noch in erster Linie darum, die Einflüsse des arabischen auf den normannischen Stil zu erforschen, das Fortleben des islamischen Formenschatzes bis ins 16. Jahrhundert zu belegen und die These Hittorffs zu untermauern, der Ursprung der gotischen Architektur während der arabischen Herrschaft sei auf Sizilien zu suchen. Die für junge Architekten unabdingbare Italienreise Hittorffs und Zanths förderte Entdeckungen von höchster Tragweite zutage, die in europäischen Fachkreisen auf Jahre hinaus für Zündstoff sorgten. Durch ihre Veröffentlichung aber sollten beide Namen bekannt und verbunden bleiben.

Als sich König Wilhelm I. von Württemberg 1834 entschied, die Stuttgarter Wilhelma nicht im gotischen, sondern im maurischen Stil zu errichten, und diesen Auftrag 1837 an Karl Ludwig Zanth vergab, besaß dieser nicht nur durch die Literatur  Kenntnisse von der arabisch-maurischen Architektur. Zanth konnte den König aus eigener Anschauung überzeugen und über unterschiedlichste Besonderheiten dieser Kunst unterrichten.

Zanth schuf darüber hinaus bedeutende Landhäuser in Stuttgart und Umgebung, andere wunderbare Entwürfe für das Hoftheater, das Kunstmuseum und den Königsbau in Stuttgart blieben allerdings unrealisiert.

Die Sonderausstellung „Karl Ludwig Wilhelm von Zanth. Der Erbauer der Wilhelma in seiner Zeit“ ist bis zum 25. Oktober 2012 im Haus der Heimat zu sehen. Sie wird begleitet von Vorträgen und Führungen, ein reich illustrierter Begleitband zur Ausstellung ist erhältlich.

Carsten Eichenberger (KK)

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