Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1283.

Auch an der Ostsee froren die Musen nicht

Die mediterranen Geschöpfe fanden vielmehr in Königsberg wärmste Aufnahme, wie eine Duisburger Ausstellung zum Musikleben zeigt

Simon Dach hat weit über 1000 Lieder geschrieben, Georg Riedel das Matthäus-Evangelium und 150 Psalmen vertont. Johann Friedrich Reichardt, der bei Kant studiert hatte und Hofkapellmeister bei Friedrich dem Großen war, vertonte 140 Goethe-Texte und schrieb über 1000 volkstümliche Lieder. Nur einige aussagekräftige Beispiele für ein facettenreiches Musikleben, das die vergangenen 500 Jahre von Königsberg bestimmte.

Bei der Eröffnung der thematischen Ausstellung, die das Museum Stadt Königsberg derzeit beherbergt, verriet Museumsleiter Lorenz Grimoni einige Besonderheiten. So erfuhr das zahlreich erschienene Publikum gleich zu Beginn, daß man eigentlich erst mit der Regierungszeit des letzten Hochmeisters des Deutschen Ordens und ersten Herzogs von Preußen – des Hohenzollern Albrecht von Ansbach bei Nürnberg – von richtiger Musik in Königsberg sprechen kann. 1525 führte Albrecht als erster deutscher Fürst die Reformation ein, aus der Ordensburg in Königsberg wurde ein Schloß. Und hier zog Kultur ein, natürlich auch die Musik.

Hans Kugelmann, Hofkapellmeister des Herzogs, der mit seinen drei Brüdern vom Frankenland nach Preußen gekommen war, formulierte es so: „Auch hier im Preußenland wohnen die Musen, dem frommen und milden Herrscher sind sie bis an die Ostsee gefolgt." Albrecht praktizierte selbst das Lautenspiel. Und er holte immer wieder neue und interessante Menschen nach Preußen. Die Liederdichter und Komponisten sollten die einheimischen Poeten und Kantoren dabei unterstützen, aus allen Untertanen gute evangelische Christen zu machen. So wurde Königsberg zu einem Zentrum des evangelischen Kirchenliedes.

Eine der markantesten Stationen in der Duisburger Dokumentarschau ist Simon Dach gewidmet. Der in Memel geborene und in Königsberg verstorbene Professor für Poesie an der 1544 von Albrecht gegründeten Universität war schon von Berufs wegen ein „Vieldichter". Ein Großteil seiner Lieder thematisiert die Vergänglichkeit und den Tod. Zu den bekanntesten zählt sicherlich „Ännchen von Tharau".

Weitere Persönlichkeiten der Königsberger Musikgeschichte sind Georg Riedel, der vielseitige Künstler und Dichter E.T.A. Hoffmann – er schrieb u.a. die erste deutsche romantische Oper „Undine" –, das „Wunderkind" Johann Friedel Reichardt und das Multitalent Johann Gottfried Herder – von ihm stammt bekanntlich der Begriff „Volkslied".

Die Ausstellung belegt dokumentarisch auch die Königsberger Aufenthalte berühmter Gäste wie Franz Liszt, Richard Wagner oder Robert Schumann. Informiert wird ferner über den Königsberger Orgel- und Klavierbau – zu sehen ist u.a. ein über 100 Jahre alter Flügel der Firma Pfeifer – wie auch die Musik an der Universität und beim Militär.

Nicht zu vergessen die Hymne der Ostpreußen, „Land der dunklen Wälder", die der Zusammenarbeit des erst 22jährigen Dichters Erich Hannighofer und des Komponisten Herbert Brust zu verdanken ist. Das 1930 entstandene Lied wurde des öfteren im Rundfunk gespielt und von den „Königsberger Straßensängern" gesungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es für die geflüchteten und vertriebenen Ostpreußen zum Inbegriff der verlorenen Heimat zwischen der Ostsee und den Wäldern Masurens. Die aus den Jahren 1900 bis 1945 stammenden Ausstellungsstücke konnten viele Königsberger Musikfreunde in ihrem Flüchtlingsgepäck retten. Bis zum 31. März 2010 kann die Dokumentarschau „Königsberger Musikleben" im Duisburger Museum Stadt Königsberg besichtigt werden.

Anläßlich der Eröffnung der Ausstellung fand in Duisburg auch eine Feierstunde statt, die dem 60jährigen Bestehen der Stadtgemeinschaft Königsberg gewidmet war. Zu den hervorragenden Meilensteinen in der Existenz der Stadtgemeinschaft gehören die 700-Jahr-Feier Königsbergs im Jahre 1955 mit mehr als 25000 Gästen, die Eröffnung des Museums Haus Königsberg 1968, die große Universitätsausstellung „450 Jahre Albertina in Königsberg" sowie das große Kant-Jahr 2004. Die Entwicklung des grenzüberschreitenden Dialoges zwischen Duisburg und Kaliningrad wurde u.a. vom Vorsitzenden Klaus Weigelt, dem Museumsleiter Lorenz Grimoni und dem Gastredner Sergey Yakimow, dem Direktor des Museums für Geschichte und Kultur, Kaliningrad, positiv eingeschätzt. Klaus Weigelt wurde bei dieser Gelegenheit die Königsberger Bürgermedaille verliehen.

Dieter Göllner (KK)

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