Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1270.

Auch große Katastrophen haben klein angefangen

Johann Böhm, der Sprecher der sudetendeutschen Volksgruppe und ehemalige Präsident des Bayerischen Landtags, stellte im Münchner Presseclub ein Buch vor, das mit Blick auf das deutsch-tschechische Verhältnis den Weg in den Zweiten Weltkrieg untersucht. Böhm wollte weniger – wie im Buchtitel – von einem Drama als von einer Tragödie sprechen: „Das Buch ist aufschlußreich, enthält viele Informationen, ist eine geschlossene Darstellung und zeigt, wie Minderheiten, also u. a. die Sudetendeutschen, in der Tschechoslowakei vernachlässigt wurden. Der Autor deckt Fehler auf ohne Schuldzuweisungen.“ Etwas mehr guter Wille, mehr Offenheit hätte alles vermeiden können.

Gerd Schultze-Rhonhof ist weder Sudetendeutscher noch Fachhistoriker. Der Generalmajor durchlief eine Generalstabsausbildung, war bei der NATO, im Bundesverteidigungsministerium und Lehrer an der Führungsakademie der Bundeswehr. Danach wirkte er u.a. als Kommandeur der Panzertruppenschule.

Bei der Arbeit an diesem Buch, das beklemmend aufzeigt, wie Hitler seine Unterstützung für die Minderheiten überzog, sie mit der Annexion der „Rest-Tschechei“ mißbrauchte und damit die Schleusen für den Zweiten Weltkrieg öffnete, fand der Autor zweimal „Rätselhaftes in der Aktenlage“. Haben die vielen Fachhistoriker, die sich mit dem deutsch-tschechischen Verhältnis beschäftigten, dies übersehen?

Beim Studium der Akten im Auswärtigen Amt, die bei den Nürnberger Prozessen benutzt und erst 1956 von den Engländern zurückgegeben wurden, fielen Schultze-Rhonhof unter den vielen vergilbten wenige weiße Seiten auf. Bei einer geht es um ein Schreiben, das am 3. März 1937 in Berlin ausgefertigt worden sein soll. Darin heißt es, daß „die Sudetendeutschen in nicht allzufernern Zeit sowiso zum Reich kämen“.(Man beachte die grammatikalischen und orthographischen Fehler.) Schultze-Rhonhof: „Der Satz wirkt als Beweis dafür, daß der spätere Anschluß der Sudetenlande in Berlin schon Anfang 1937 eine beschlossene Sache gewesen sei … als Absicht des Erfinders dieser ‚Botschaft‘ kann vermutet werden, ein frühes Indiz für deutsche Kriegsschuld in die Originalakten des Jahres 1937 zu platzieren“.

Ähnlich verhält es sich mit einem Papier, das auf 1938 datiert ist. Laut einem Protokoll über ein Gespräch des stellvertretenden Ministerpräsidenten der Slowakei, Durcansky, mit Luftfahrtminister Hermann Göring soll dieser gesagt haben: „Flughafenbasis in Slowakei für Luftwaffe im Einsatz gegen Osten sehr wichtig“. Auch dies steht auf (später eingefügtem?) weißem Papier. Formal fällt auf , daß die Aufzeichnung des Gesprächs weder Ort noch Datum der Besprechung noch den Protokollführer erkennen läßt. Das Schriftstück trägt keinerlei Unterschrift.

Das gut lesbare, in zwölf Abschnitte unterteilte – aber ganz und gar vom deutschen Standpunkt aus verfaßte – Buch dokumentiert den vergeblichen und wohl eher widerwilligen Versuch Prags, seine acht Volksgruppen angemessen zu berücksichtigen. Die Vorgänge auch im internationalen Zusammenspiel sind höchst kompliziert. Im März 1939 – so der Autor – zerbricht die Tschechoslowakei am Freiheitsdrang der Slowaken und Ruthenen, am Wiedervereinigungswillen der Ungarn und an der Sturheit der tschechoslowakischen Zentralregierung. Die Besetzung der Rest-Tschechei 1939 durch Hitler wurde von der Mehrheit der Deutschen abgelehnt. Man ahnte die Kriegsgefahr.

Norbert Matern (KK)

Gerd Schultze-Rhonhof: Das tschechisch-deutsche Drama 1918–1939. Errichtung und Zusammenbruch eines Vielvölkerstaates als Vorspiel zum Zweiten Weltkrieg. Olzog Verlag, München 2008, 409 S., 34 Euro

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