Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1216.

Auch Manuskripte haben ihre Schicksale

Gerhart Hauptmanns Nachlaß und seine Peripetien im verheerten Deutschland

Vielleicht hätten die Schätze von Gerhart Hauptmanns Manuskript-Archiv mit den zahllosen Tagebüchern und Notizheften, unveröffentlichten Texten, Fragmenten und Varianten, die als zweite Reihe der Ausgabe letzter Hand erscheinen sollten, auch mit dem Sonderzug gerettet werden können. Aber davon konnte beim Näherkommen der Front niemand etwas ahnen. Das Archiv mußte in Sicherheit gebracht werden, das war allen klar.

„Die verschiedenen Pläne und Projekte, Vorschläge und eigenen Unternehmungen“, schrieb C. F. W. Behl, „gingen zwei Wochen lang durcheinander.“ Der Schriftsteller und Hauptmann-Freund Erich Ebermayer, der über die Jahreswende auf dem Wiesenstein weilte, hatte dem Dichter am 4. Januar 1945 sein Landhaus in Nordbayern, das Schloß Kaibitz, zur sicheren Aufbewahrung angeboten.

Bereits am 1. Februar gab Hauptmann C. F. W. Behl, der mit Felix A. Voigt die 17 Bände der 1942 erschienenen Ausgabe letzter Hand redaktionell betreut hatte, die schriftliche Ermächtigung, für die „Sicherung und Bergung des Archivs“ zu sorgen. Er notiert die resignierte Aussage des Dichters: „Mein Werk ist ein Fanal der alten Zeit.“ Am 5. Februar reiste er mit Frau Margarete nach Dresden ins Sanatorium Weidner in Über-Lochwitz, wo er die verheerenden Luftangriffe auf das geliebte Elbflorenz erlebte und dann auf einer Tragbahre zurückkehrte.

Der Leutnant Albrecht Knaus, damals Adjutant des Quartiermeisters einer Panzer-Einheit in Warmbrunn, der Gerhart Hauptmann kannte und besuchen wollte, schlug vor, das Archiv in einem Güterwagen fortzuschaffen, der an einen Lazarettzug gekoppelt werden sollte. Während dieser Plan noch erwogen wurde, erschien ein Dr. Henning vom Propaganda-Ministerium, der anbot, die Archiv-Kisten mit einem Lkw nach Potsdam mitzunehmen und sie von da mit einem Holzgasauto nach Schloß Kaibitz zu bringen. Als Behl wegen des Risikos zögerte und auf direkter Fahrt zum Ziel beharrte, meldete jener sich wieder telefonisch. Er habe mit Wilfried Bade, einem Ministerialdirigenten, gesprochen, der sich selbst um die Lkw-Beschaffung und 200 Liter Benzin bemüht habe; Minister Goebbels würde nicht verstehen, wenn sie das Angebot ablehnten. Rudolf Ziesche erwähnt sogar einen schriftlichen Verlagerungsbefehl von ihm. Da mehrere Koffer mitzunehmen waren, einer sogar extra noch aus Saalberg abgeholt werden mußte, ist Bades persönliches Interesse unverkennbar, der drohende Hinweis auf Goebbels also fragwürdig.

Am 27. Februar erschien Henning mit einem offenen Lkw. Die acht Archivkisten, ein Reisekorb und eine Stahlkassette wurden zu den drei Koffern und einer Bilderkiste Bades aufgeladen. Da man keine Plane zum Schutz vor Nässe mithatte, wurden noch alte Teppiche und ein langer Läufer aus der Wiesenstein-Halle darübergebreitet. Am 5. oder 6. März kam der Lkw in Schloß Kaibitz an, wo die Kisten und Koffer ausgeladen und vom Hausherrn in einem Saal untergebracht wurden.

C. F. W. Behl und seine Frau waren am 6. März durch Vermittlung von Leutnant Knaus von einem Rote-Kreuz-Auto vom Wiesenstein abgeholt worden. Sie fuhren in dem letzten Lazarettzug von Hirschberg nach Karlsbad, zuerst in einem Infektionsabteil. Nach zweitägiger strapaziöser Fahrt mit vielen Unterbrechungen war Karlsbad erreicht. Glücklicherweise konnte das Ehepaar Behl in einen Zug nach Eger einsteigen und schließlich im bayrischen Kemnath unterkommen. Nach Telefonaten mit Ebermayer erhielt er auch Material aus dem Archiv und setzte die Transkriptionsarbeit an den Hauptmann-Manuskripten fort – wie auch Felix A.Voigt, der ebenfalls in Kemnath untergekommen war.

Erich Ebermayer bedauert, daß er die Bade-Koffer nicht getrennt von den Hauptmann-Kisten unterbrachte. Als am 19. April 1946 auch Schloß Kaibitz von amerikanischen Soldaten der 4. Armee unter General Patton besetzt wurde, untersuchten die Amerikaner alle Kisten und Koffer, wohl auf der Suche nach Waffen und Alkohol. Danach bot sich Ebermayer folgender Anblick: „Ein Berg von Hauptmann-Manuskripten, Tagebüchern, Notizen, Erstdrucken etc. … türmte sich in dem großen Saal.“ Zwischen den Handschriften von Frühwerken des Dichters und anderen Manuskripten lagen aufgeschlagene Ordner und Papiere Bades, Briefe an und von Himmler und Goebbels, seine Ernennungsurkunde, unterschrieben von Hitler und Himmler. In einen Koffer mit Windeln für das erwartete Kind seiner Freundin hatte er sogar eine große Hakenkreuz-Fahne gepackt. Als nachts im Hof stundenlang ein Feuer mit Papieren gespeist wurde, befürchtete Ebermayer Schlimmes. Aber es waren wohl Materialien, „die die Truppe von woanders mitgenommen hatte und die sie nun sichtete“. Verloren aber blieb die Kassette mit den Briefen der „Brautzeit“, in die Frau Margarete allerdings auch silberne Bestecke gepackt hatte.

Gottlob stellte sich heraus, daß aus dem Hauptmann-Material, dem eigentlichen Archiv, nichts fehlte. In wochenlanger mühseliger Arbeit hatten Dr. Behl und der Sänger und Ebermayer-Freund Peer Baedeker „das gesamte Archiv neu geordnet, Listen angelegt, festgestellt, daß es komplett war, und in die Kisten wieder hineingelegt“. Natürlich wurde der Raum, ein 120 Quadratmeter großer, mit Vorhängen geteilter Saal, in dem auch noch zahlreiches anderes Flüchtlingsgepäck aufbewahrt war, tagsüber verschlossen. Nachts schlief hier eine zuverlässige Wirtschafterin. Ebermayer erlangte von dem amerikanischen Ortskommandanten unter Hinweis auf das unersetzliche Hauptmann-Archiv ein „Off limits“ für das Schloß. Dieses Schild an der Haustür verbot allen amerikanischen Militärs, das Schloß zu betreten oder die Bewohner zu evakuieren.

Benvenuto Hauptmann, der jüngste Sohn des Dichters, ignorierte die Verlagsabsprache über die zweite Reihe der Ausgabe letzter Hand, die freilich in der ersten Nachkriegszeit kaum realisierbar gewesen wäre. Bei der amerikanischen Militärregierung in München erwirkte er eine Ermächtigung, übernahm am 16. Dezember 1945 die Archivbestände, diesmal in sieben Kisten verpackt, und ließ sie in die Villa von Richard Strauss nach Garmisch und später in die Schweiz bringen. Später wurden sie in seine „Casa Sasso al Prato“ (Haus Wiesenstein) in Ronco bei Ascona überführt. Auch bei der Gründung einer Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft 1952 in Baden-Baden, die weitgehend von seinen Freunden bestimmt war, blieben die erfahrenen Hauptmann-Spezialisten Behl und Voigt und die anderen Söhne ausgeschlossen. Die Rechte am Werk des Dichters wanderten bei der Trennung zwischen Suhrkamp Verlag und dem neu gegründeten S. Fischer Verlag zum Bertelsmann Verlag, wo 1953/54 fünf Bände „Ausgewählte Werke“ erschienen. Darin waren der Einakter „Die Finsternisse“ und ein Fragment des Romans „Der neue Christophorus“ neu gegenüber der Ausgabe letzter Hand. Natürlich hat die Tatsache, daß die Forschung so lange keinen Zugang zum literarischen Nachlaß hatte, zu heftigen Vorwürfen geführt und die Hauptmann-Rezeption entscheidend unterbrochen.

Erst 1960, als der 100. Geburtstag des Nobelpreisträgers nahte, stellte Benvenuto Hauptmann den literarischen Nachlaß für die Centenar-Ausgabe im Propyläen Verlag zur Verfügung. Sie war auf zehn Dünndruckbände geplant, wobei drei Bände für die nachgelassenen Werke und Fragmente vorgesehen waren. Indes stellte sich heraus, daß schon für den dramatischen Teil zwei Bände erforderlich waren. Die Ausgabe begann 1962 zu erscheinen und wurde erst 1974 mit dem elften Band abgeschlossen. Allein die vier Nachlaßbände umfassen rund 5000 Seiten, das ist mehr als z.B. das Gesamtwerk von Theodor Storm oder Gottfried Keller.

Nach dem Tode seiner Mutter 1957 verfügte Benvenuto über fünf Achtel  der Tantiemen, danach gab es jahrelang Prozesse mit den anderen Söhnen. Dr. Benvenuto Hauptmann starb 1965, 1968 verkaufte seine Witwe Barbara den gesamten literarischen Nachlaß des Dichters einschließlich der umfangreichen Briefbestände an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Er wird heute in der Handschriftenabteilung der Berliner Staatsbibliothek archiviert, ist voll erschlossen und allgemein zugänglich. Es gibt einen vierbändigen Katalog, den der langjährige Betreuer Rudolf Ziesche erarbeitet hat. Auch die sieben Bände Tagebücher (der letzte steht noch aus) und bisher sieben Brief-Editionen beruhen auf diesen unschätzbaren Beständen.

H. D. Tschörtner (KK)

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