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Ausgaben: Ausgabe 1339.

Auch Mobilität ist politisch

Das zeigt eine Ausstellung des Oberschlesischen Landesmuseums

Auch-MobilitätIm Laufe der Jahrhunderte haben sich Geschwindigkeit und Komfort von Fortbewegungsmitteln extrem verändert. Im Mittelalter war Reisen meist religiös oder wirtschaftlich motiviert, später nutzten viele Menschen die mobile Freiheit, um dem Alltag zu entfliehen und fremde Länder zu entdecken.

Das Oberschlesische Landesmuseum von Ratingen-Hösel geht in seiner neuen Sonderausstellung (siehe auch unser letztes Heft) all diesen Entwicklungen nach und nimmt die Besucher mit auf eine imaginäre Zeitreise.

Die Sonderschau „Fahren, Gleiten, Rollen – Mobil sein im Wandel der Zeit“ stellt im Rahmen von chronologisch aufeinanderfolgenden Epochen die wichtigsten Etappen der Verkehrs- und Kommunikationsgeschichte vor. Grundlegende Aspekte des Straßenverkehrs, der Bahn- und Luftfahrtentwicklung, des Motorsports, des Kommunikationswesens und der Reiseerlebnisse werden anhand von verschiedenen Exponaten dargestellt. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf Oberschlesien.

Mit dem Ersten Weltkrieg endeten die meisten individuellen Reisemöglichkeiten. Deutsche, polnische und tschechische Grenzen wurden zu Barrieren.

Bei einem Rundgang durch die Ausstellung sind für Schlesien typische Beispiele zu entdecken, die aus den Beständen des Hauses stammen sowie von internationalen Leihgebern zur Verfügung gestellt wurden.

Das Spektrum der Ausstellungsstücke ist breit gefächert und reicht vom Pferd und der Postkutsche über die Eisenbahn, das Fahrrad und das Motorrad bis hin zum Auto und zum Flugzeug. Allerdings sind es nicht nur die imposanten Fuhrwerke, die die Meilensteine der Mobilitätsgeschichte veranschaulichen, sondern auch eine Vielzahl an Postkarten, Fotos und Dokumenten sowie Alltagsgegenstände wie Briefkasten, Telefon, Uniformen und Objekte aus der Fliegerei.

Wie hoch der Stellenwert der Fahrzeuge in der Entwicklung der Mobilität ist, wurde nicht zuletzt durch das Statement des bei der Vernissage anwesenden ADAC-Präsidenten Peter Meyer deutlich: „Mobilität war zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich. Wir sind heute in allen Gesellschaftsschichten auf das Auto angewiesen. Die Politik muss dafür bezahlbare Grundlagen schaffen.“ Zu den Ehrengästen, die der Eröffnungsveranstaltung beiwohnten, gehörte auch Wojciech Mszyca aus Kattowitz. Er nutzte die Gelegenheit, den ADAC-Präsidenten, den OSLM-Direktor Dr. Stephan Kaiser und die Ausstellungskuratorin Christine Pleus mit einem Anstecker zum Jubiläum des Automobilclubs Slaski auszuzeichnen. Unter den Gästen war auch Izabella Wójcik-Kühnel vom Oberschlesischen Museum Beuthen, die betonte: „Unsere Leihgaben sind hier wunderbar integriert und bestens aufgenommen. Hier kommt die Zusammenarbeit hervorragend zur Geltung.“

Zu den eindrucksvollen Großobjekten der Sonderschau gehört auch der „Landauer“, der aus der Zeit um 1900 stammt. Der viersitzige, vierrädrige und an beiden Achsen gefederte Kutschwagen lässt sich wie ein heutiges Cabrio mit offenem und geschlossenem Verdeck fahren. Der im 18. und 19. Jahrhundert in europäischen Ländern bevorzugte Reisewagen galt als Statussymbol der begüterten Kreise.

Ein Schwerpunkt der Ausstellung ist den historischen Fahrzeugen gewidmet, denen ein besonderer Charme anhaftet. Sie sind Zeugen und prägende Erinnerungsstücke der rasanten Entwicklung des Verkehrswesens seit Beginn des 20. Jahrhunderts. So etwa sind ein Nysa 522 in einer überwiegend in die DDR exportierten kleinen Transporter-Variante sowie einer in der Version als polnisches Armeepostauto zu sehen. Ausgestellt ist auch der belächelte, aber begehrte Fiat 126p, ein Lizenzprodukt, das Sinnbild polnischer Mobilität galt.

Weitere herausragende Exponate sind ein Fahrrad der Marke Ebeco aus Kattowitz und ein Breslauer Motorrad. Letzteres ist mit dem 1893 in Breslau geborenen Motorsportler Herbert Ernst eng verbunden. 1926 gründete Ernst eine Fabrik, in der er Motorräder mit dem Namenszusatz „Mag“ (bezieht sich auf Schweizer Einbaumotoren) herstellte. Berühmt waren diese Zweiräder für ihre hohe Qualität sowie für die Erfolge auf Rennstrecken.

Informiert wird in der Ausstellung auch über die im Jahre 1842 erste in Schlesien eröffnete Eisenbahnlinie. In Preußisch Schlesien wurde 1847 die Verbindung Breslau–Kosel–Myslowitz fertiggestellt. Sie ermöglichte den kostengünstigeren Massentransport oberschlesischer Steinkohle zur Oder und von dort per Schiff nach Berlin. In Österreichisch Schlesien erreichte zeitgleich die Kaiser-Ferdinands-Nordbahn den Grenzort Oderberg. Wien erhielt damit Kohle aus dem Ostrau-Karwiner Steinkohlerevier. Das rasch engmaschig ausgebaute Streckennetz belebte den Fremden- und Warenverkehr in und nach Schlesien.

Mit dem Ersten Weltkrieg endeten die meisten individuellen Reisemöglichkeiten. Deutsche, polnische und tschechische Grenzen wurden zu Barrieren. Erst mit den Ereignissen des Jahres 1989 begann eine neue europäische Regionalentwicklung Erwähnung finden zudem die ältesten Straßenbahnen Schlesiens, darunter die 1876 in Breslau gegründete Bahn, sowie die „Fliegenden Züge“. Als historischer Höhepunkt des Schnellverkehrs wird der „Fliegende Schlesier“ vorgestellt, der von 1936 bis 1939 auf der Strecke von Berlin nach Breslau eingesetzt wurde. Der bis zu 160 Stundenkilometer schnelle Triebwagen der dreiteiligen Bauart „Leipzig“ benötigte für die Fahrt weniger als drei Stunden.

Die Mobilitätsschau ist bis Anfang Oktober 2014 im Oberschlesischen Landesmuseum von Ratingen-Hösel zu besichtigen. Über die jeweils aktuellen Termine des umfangreichen Begleitprogramms mit wechselnden Schwerpunkten gibt das Team des OSLM jederzeit gerne Auskunft.

Dieter Göllner (KK)

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