Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1250.

Auch seine Wirklichkeit war wirklich unromantisch

In Frankfurt sieht man den Romantiker Eichendorff in deren grellem Licht

Er ist auf Waldesrauschen festgelegt, auf plätschernde Brunnen und schlagende Nachtigallen, auf all die Versatzstücke der deutschen Romantik, dieser unser am meisten vertonte Dichter Joseph Freiherr von Eichendorff, geboren 1788, gestorben am 26. November 1857.

Die Frankfurter Ausstellung zu seinem 150. Todestag, zu sehen bis zum 17. Februar im Freien Deutschen Hochstift in Frankfurt (Goethe-Haus), präsentiert ihn anders, vielseitiger und vielschichtiger, als wir ihn aus seinen schönen Gedichten und seiner bekannten Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“ kennen. Nicht nur durch die lange verschollenen Handschriften ist er hier erneut zu entdecken, auch durch zeitgeschichtliche Objekte, durch Bilder, Plakate, Lithographien, Bucheinbände, Münzen und sogar eine alte Tanzmeistergeige, die sogenannte Pochette, wie sie der Taugenichts auf einem alten Buchumschlag in der Hand hält, sehen wir Eichendorff in neuem Licht.

Er war nicht nur der einfühlsame Schilderer von Natur und durch sie ausgelösten Gefühlen. „Auch beim frühen Eichendorff ist das Satirische schon drin“, sagt Dr. Renate Moering, Leiterin der Handschriftenabteilung des Goethe-Hauses, die diese Ausstellung mit zehn weiteren Wissenschaftlern zusammengestellt hat. „Eichendorff  interessierte sich für seine damalige Realität, aber er geht sie nicht an wie ein Naturalist, auf poetischem Weg stellt er dar, was er für falsch und für richtig hält.“

Eingeteilt ist die Ausstellung in sechs Sektionen. In der ersten, „Selbsterinnerung“ betitelt, sind neben autobiographischen Fragmenten bisher unveröffentlichte Manuskripte zu Eichendorffs literaturhistorischen Schriften präsentiert, die sein kritisches Verhältnis zur Romantik spiegeln. Eine Wachspoussade des 12jährigen Joseph von Eichendorff stellt ihn als selbstbewußten Jungen dar. Erste Eintragungen in ein Tagebuch – vor allem den Handschriften ist ja diese Ausstellung gewidmet – stammen vom 7. und 9. Januar 1798 und berichten von einer Schlittenpartie des noch nicht Zehnjährigen nach Ganiowitz und Sumin. Ein Schulzeugnis ist zu finden, ein Reisepaß, eine Stadtansicht von Breslau, wo Joseph und sein Bruder Wilhelm das Gymnasium besuchen. Und immer wieder Briefe, interessanterweise auch Entwürfe zu Briefen, so wie man in den folgenden Sektionen mit Handschriften immer wieder auch zahlreiche Verbesserungen sieht.

Zum Kreis um Eichendorff gehörte Ludwig Tieck, der warf ihm vor, er habe sich aus der Schatztruhe seiner (Tiecks) Wortfindungen bedient. So stamme das Wort  „Waldeinsamkeit“ von ihm. Plagiat ja oder nein, fleißig war er, dieses Frühtalent vom Oderstrand, im Freien Deutschen Hochstift in Frankfurt hat sich ein Handschriftenkonvolut mit Vorarbeiten Eichendorffs zu seinen literaturhistorischen Schriften erhalten. Es enthält Notizen, Exzerpte aus anderen Literaturgeschichten und Inhaltsüberlegungen.

Nicht nur Handschriften-Liebhaber oder -Experten wird wohl Rührung überkommen beim Anblick der eigenhändigen Abschrift des Gedichts „Wünschelrute“: „Schläft ein Lied in allen Dingen …“. Aber damit sind wir schon im Jahre 1857, vorher ist noch vieles, vieles in den vorhergehenden Vitrinen zu erkunden: Joseph von Eichendorff als schwarzer Ritter mit keckem Oberlippenbart und blitzenden Augen, als welcher er sich 1809 für seine Braut Louise von Larisch porträtieren ließ. Ein Eichendorff tritt uns hier entgegen, den wir so nicht kannten, auch nicht seine ungeheure Tanzlust in den Heidelberger und Wiener Studentenjahren, eine durch strenge katholische Erziehung disziplinierte Sinnenlust.

Wir werfen einen Blick auf die Handschrift von Eichendorffs Märchensammlung aus dem Jahre 1809 – sie entstand also noch vor den „Grimmschen Märchen“ – und auf seine Zeitsatiren, darunter neu entdeckte Handschriften von „Libertas und ihre Freier“. Die abschließende Sektion ist dem preußischen Beamten Eichendorff gewidmet, der mit Fleiß und Ausdauer in Königsberg, Danzig und Berlin seinem Broterwerb nachkommt.

Von dem Inhalt der ausgestellten kostbaren Blätter einmal abgesehen, ist es die Schrift, die den Beschauer in ihren Bann zieht. „Ja“, sagt Renate Moering, „schon die Handschrift an sich ist bei ihm wunderschön, vom Anfang an bis zum Ende. Sie ist phantasievoll, aber doch gezügelt, eine sehr charakteristische Handschrift, es ist schon ein Vergnügen, auf sie zu gucken. Später als Beamter benutzte er Kanzleipapier. Er faltet es so, als ob er als Beamter schreibt, schreibt erstmal die rechte Seite voll und macht auf der linken Seite Korrekturen. Ich habe den Verdacht, er hat auch im Amt, wenn gerade niemand im Raum war, an seinen Dichtungen weitergeschrieben.“

Anders als so kann man sich die Fülle des von Eichendorff Geschaffenen auch gar nicht vorstellen!

Erika Kip (KK)

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