Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1314.

Auf alten Wegen in neuer Spur

Delegationsreise der Mitglieder des Vorstandes und Mitarbeiter der Stiftung Haus Oberschlesien an die Quellen ihres kulturellen Wollens

Die Finger an den Puls der Zeit halten … So könnte metaphorisch die Einschätzung einer Delegationsreise der Stiftung Haus Oberschlesien lauten. Eine ganze Woche lang gab es im September 2011 neue Eindrücke und Gespräche in unablässiger Folge. Nach den dreißig Programmpunkten kehrten die Mitglieder des Vorstandes der Stiftung zufrieden ins Rheinland zurück. Paul Schläger, Vorsitzender des Vorstandes, ist sich sicher: „Wir fühlten uns bei Freunden willkommen. Wir haben viele unserer Partner besser verstehen gelernt.“ Dem pflichtet Museumsdirektor Dr. Stephan Kaiser bei: „Gemeinsam haben wir immer viel vor. Da ist es wichtig, daß sich die Entscheidungsträger kennen und spüren, wie die detaillierte Arbeit funktioniert.“

Was kann man in einer Woche alles unternehmen? Angesichts der zahlreichen laufenden Vorhaben des Oberschlesischen Landesmuseums ist die Auswahl wirklich ein Problem. Möglichst keine Freunde vergessen, neue Partner gewinnen, weitere Facetten beleuchten, strukturelle Veränderungen wahrnehmen, Brauchtum erleben oder eben Zusammenarbeit beleben – das alles war zu vereinbaren. Dabei macht sich die jahrzehntelange Erfahrung der Stiftung bemerkbar: Bei der Planung der Delegationsreise gab es auch den Anspruch, in der großen Region neue Akzente zu setzen. Dazu bot das Erste Welttreffen der Oberschlesier, ausgerichtet vom Bund der Oberschlesier im Oberschlesischen Sejmik in Kattowitz/Katowice, einen geeigneten Rahmen. Dort waren emigrierte Oberschlesier von Australien bis Amerika anzutreffen, aber eben auch die deutschen Oberschlesier, die ihrer Heimat weiterhin eng verbunden sind. Vorstandsmitglied Klaus Plaszczek, zugleich Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Oberschlesier, wurde gleich von einem polnischen Fernsehteam vergattert. Zurück zu seinem Geburtshaus in Hindenburg/Zabrze, hin zu Stätten seiner Jugend und dann in den Sitzungssaal begleitet – das wurde im Regionalfernsehen vorgestellt.

Bei der wissenschaftlichen Tagung am Nachmittag wurde über die Identität der Oberschlesier referiert und diskutiert. Das ist in der oberschlesischen Woiwodschaft Schlesien mit ihren disparaten Strukturen und Bevölkerungsanteilen weder leicht noch eindeutig. Doch es gehört zum heutigen Dialog und der europäischen Identitätssuche, die Unterschiede kennenzulernen und bewußter wahrzunehmen. So sprach OSLM-Mitarbeiter Dr. Gregor Ploch an dem Pult, wo seit den 1920er Jahren die Politik der Woiwodschaft verkündet wird, in deutscher Sprache (mit simultaner polnischer Übersetzung) über die Oberschlesier in Deutschland nach 1945.

Der Herbst in Schlesien bietet zumeist gute Witterungsverhältnisse. Wenn am Erntedanksonntag die aufwendig von Hand gefertigten Erntekronen in die Kirche getragen werden und bei den Fahrten die Sicht zu den Höhen vom Zobten über den Annaberg bis zu den Beskiden reicht, dann erscheint die bewußte Zuwendung zu Land und Leuten als lohnende Aufgabe und stets neue Verpflichtung. Neue Autobahnen, erste Windkraftanlagen vor dem Gröditzberg oder das neue Breslauer Hochhaus machen die Änderungen sichtbar. Dementsprechend bot diese abwechslungsreiche Woche reiche Ernte.

Verschiedene Aspekte des Gemeinschaftslebens der deutschen Minderheit traten bei Gesprächen mit dem Gemeindebürgermeister und dem Ortspfarrer in Himmelwitz/Jemielnice sowie beim Haus der deutsch-polnischen Zusammenarbeit in Gleiwitz hervor. Regionale Identitätsfindung aus unterschiedlicher Sicht war durch die Begegnungen mit Mitgliedern des Bundes der Oberschlesier, beim Treffen mit der Gesellschaft der Einwohner von Preisswitz/Przyszowice und im Gespräch mit der Direktion des Kulturhauses von Swientochlowitz erlebbar. Auf verschiedenen Ebenen gab es Informationen über die Regionalentwicklung, so im Gespräch mit Marschallamtsvorstand Dr. Jerzy Gorzelik in Kattowitz, mit dem Stadtpräsidenten und seinem Vertreter in Myslowitz/Myslowice, dem Stellvertretenden Stadtpräsidenten von Beuthen/Bytom und den Gemeindebürgermeistern von Sissetz/Suszec und Przyszowice. Auch Aspekte der Energieversorgung kamen in Zabrze und Knurow zur Sprache, wo der Steinkohlenbergbau weiterhin eine wichtige Erwerbsgrundlage sein wird. Eigene Eindrücke bietet die Seelsorge, denn katholisches Leben ist in Oberschlesien ein wichtiger Faktor. Bei der Diözesanbildungsstätte in Rauden/Rudy und der zu Knurow gehörigen Pfarrgemeinde Kriewald/Krywald boten sich dazu Gelegenheiten.

Das alles waren Einblicke in ein Leben, dessen historische Grundlagen von Museen bewahrt und dargestellt werden. Die entsprechenden Besuche und Gespräche im Museum des Oppelner Dorfes, im Oberschlesischen Museum in Beuthen, dem Schlesischen Museum in Kattowitz, dem Schlesischen Museum in Troppau/Opava sowie in der Bergbautraditionsstube Knurow und im Bergbaumuseum Zabrze zeigten Standards der Arbeit, akzentuierten weitere Vorhaben und boten Vergleiche.

Führungen im Zentralen Kriegsgefangenenmuseum Lamsdorf/Lambinowice und in der zentralen tschechischen Gedenkstätte zur Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Hrabyn/Hrabyne samt einigen verbunkerten Grenzbefestigungen im Hultschiner Ländchen verwiesen auf die schwierigen Phasen der Vergangenheit. Diese unterschiedlichen Erfahrungen, die an Erinnerungsstätten anders behandelt werden als in Museen, gehören zum historisch-politischen Bildungsauftrag, dem sich die Stiftung Haus Oberschlesien zu stellen hat.

Individuelle Erfahrungen ergänzen nun dank dieser Reise beim Stiftungsvorstand historisches Wissen. Diese sind Anlaß für Dank und Ansporn zugleich. Dem Bundesministerium des Innern gilt der Dank für die Reisebeihilfe, den vielen Gesprächspartnern gilt der Dank für die konstruktiven, vertrauensvollen und von großer Aufgeschlossenheit geprägten Treffen. Versöhnung und grenzüberschreitende Partnerschaft befinden sich auf einem guten und individuell erfahrbaren Niveau. Dieser Bericht soll den Lesern Anreize bieten, sich selbst auf den Weg zu machen und sich beim Oberschlesischen Landesmuseum Eindrücke und Vorschläge für solche Reisen zu holen.

Stephan Kaiser (KK)

 

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