Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1351.

Auf den Eisernen folgte ein demütiger Kanzler

Leo von Caprivis Grab bei Crossen an der Oder wird wiederhergestellt

Auf-den-EisernenDarf so das Grab eines Kanzlers aussehen? Nahe von Crossen an der Oder in der Woiwodschaft Lebus befindet sich, völlig zerstört, die letzte Ruhestätte Leo von Caprivis, des Nachfolgers Otto von Bismarcks. Die Organisation der Deutschen Minderheit in der Woiwodschaft Lebus, die Gemeinde und das Preußeninstitut e. V. wollen das Grab nun wieder würdig herrichten.

Noch Mitte der 70-er Jahre war neben dem verschwundenen Gutsschloss Skyren bei Messow unweit der Oder die Steinpyramide mit einem zwei Meter hohen Marmorkreuz als Grabstein des deutschen Kanzlers erhalten.

40 Jahre später stapfen Bolesław Gustav Bernaczek, der Vorsitzende der Deutschen Minderheit, Bruno Kosak, der Denkmalschutzbeauftragte der deutschen Volksgruppe, Messows Gemeindevorsteher Dariusz Jarocinski und Olaf Tams vom Preußeninstitut e. V. über den Familienfriedhof derer von Schierstaedt sowie verschwägerter Angehöriger derer von Seydlitz-Kurzbach beim verschwundenen Gutsschloss Skyren (ab 1937 Teichwalde, polnisch Skórzyn) in der Gemeinde Messow (Maszewo). Letzte Relikte des Grabes sind die Reste der Steinpyramide, auf denen eher zufällig gerade ein verrostetes Metallkreuz von einem anderen Grab liegt.

1899 hatte hier unter anderem General von Plessen als Vertreter des deutschen Kaisers der Beerdigung des zweiten deutschen Kanzlers nach Otto von Bismarck beigewohnt. Georg Leo von Caprivi de Caprera de Montecuccoli hatte als Vorgänger von Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst Prinz von Ratibor und von Corvey von 1890 bis 1894 amtiert. Und anders als Bismarck kann man Caprivi kaum Vorbehalte gegenüber den polnischsprachigen Untertanen Preußens anlasten.

Im 17. Jahrhundert siedelte sich die aus der heute slowenischen Krain stammende Familie von Caprivi in Schlesien an und wurde aufgrund von Verdiensten in den Türkenkriegen 1653 in den Reichsritterstand erhoben. Der in Charlottenburg bei Berlin geborene Leo von Caprivi machte beim Militär Karriere und suchte als Kanzler den Ausgleich mit Großbritannien. Die nach Kulturkampf und Sozialistengesetzen bestehenden gesellschaftlichen Konflikte suchte er zu befrieden, womit sich der Protestant die Feindschaft von Großagrariern und Nationalisten zuzog. Am Abend seines Rücktritts verbrannte er seine privaten Papiere und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Die letzten Lebensjahre verbrachte er bei seinem Neffen auf Gut Skyren.

Caprivis Name ist bis heute mit einer geographischen Besonderheit verbunden, dem Caprivi-Zipfel, einem schmalen Landstreifen, über den Namibia (einst Deutsch-Südwestafrika) mit dem Sambesi verbunden ist. Verhandlungen über einen Gebietsaustausch mit Großbritannien bezüglich eines Zugangs zum Sambesi hatte von Caprivi geführt.

Gemeindevorsteher Dariusz Jarocinski ist offen für eine Herrichtung des Grabes durch eine Umzäunung des Geländes und eine neue zweisprachige Grabplatte. Der landschaftlich reizvolle Landstrich an der Straße von Frankfurt an der Oder nach Grünberg/Zielona Góra im einstigen östlichen Teil der Mark Brandenburg könnte eine Touristenattraktion gut gebrauchen. Jarocinski zeigt den Gästen zunächst jedoch die Kirche von Messow. Bei Renovierungsarbeiten stieß man auf alte Malereien, die die Arbeiten nun erheblich verteuern dürften.

Doch das Geld für eine Instandsetzung des Caprivi-Grabes verspricht Olaf Tams aus Hamburg als Vertreter des Instituts zur Förderung der preußischen Staatsauffassung sowie des deutschen Geschichts- und Kulturbewusstseins e. V. – kurz Preußeninstitut – aus Spenden beizusteuern. Dennoch will sich Jarocinski nicht der Verantwortung entziehen. Für alle notwendigen Arbeiten werde die Gemeinde sorgen, verspricht er. Ein gutes Ende ist nahe. Noch am Tage des gemeinsamen Grabbesuches am 22. Oktober spricht der Vorsitzende der Minderheit beim Marschall in Grünberg vor. Auch dort findet das Anliegen Gefallen. Der Spruch auf Caprivis Grab begann übrigens einst mit den Worten: Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet.

Till Scholtz-Knobloch
(Schlesisches Wochenblatt – KK)

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