Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1275.

Aufbau Ost vor fast hundert Jahren

Restauratorische und bauliche Gediegenheit als Ausdruck nationaler Solidarität zu Zeiten des Ersten Weltkriegs in Ostpreußen

Anläßlich der Verleihung des Kulturpreises der Landsmannschaft Ostpreußen, Pfingsten 2008, sagte der Preisträger Dr. Wolf Dietrich Wagner in seiner Dankrede: „Und es gab seit dem Mittelalter Ereignisse, durch die sogar Ostpreußens überregionale Bedeutung wahrgenommen wurde, etwa den glänzenden Wiederaufbau im Ersten Weltkrieg, die letzte große Kulturleistung der Provinz, der damals alle Architekturzeitungen Beachtung schenkten." (Preußische Allgemeine Zeitung, 17. Mai 2008) Es lohnt sich, an diese Leistung zu erinnern.

Schon im August 1914 wurde der größte Teil der Provinz von russischen Truppen erobert. Sie standen am Kurischen Haff, kamen bis zur Deime und nach Tapiau (40 Kilometer ostwärts von Königsberg), eroberten Preußisch Eylau, Guttstadt und Allenstein, bis sie im August bei Tannenberg geschlagen wurden. Erst mit der Winterschlacht in Masuren im Februar 1915 war Ostpreußen wieder frei.

400 000 Ostpreußen waren vor den Russen geflohen. 39 Städte und 1900 Dörfer und ländliche Wohnsitze waren teils stark zerstört. Zahlreiche Postkarten dokumentieren diese keineswegs nur Kampfhandlungen geschuldeten Verwüstungen. 13 600 Ostpreußen wurden bis ans Kaspische Meer und nach Sibirien verschleppt. Etwa 30 Prozent von ihnen (4000) starben in Rußland. Kaiser Wilhelm II. weilte während der Winterschlacht in Lyck und Lötzen in Masuren und schrieb am 16. Februar 1915 an Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg: „Ich weiß mich mit jedem Deutschen eins, wenn ich gelobe, daß das, was Menschenkraft vermag, geschehen wird, um in Ostpreußen neues, frisches Leben aus den Ruinen entstehen zu lassen."

Bereits im September 1914, als die Kämpfe im Lande noch tobten, war der Oberpräsident von Ostpreußen, Adolf von Batocki, an die Spitze einer Königlichen Kriegshilfskommission für die Provinz berufen worden. Die Kommission hat bis Oktober 1916 625 Millionen Mark in den Wiederaufbau investiert. Peter Mast schreibt in seinem Buch „Ostpreußen, Westpreußen und die Deutschen aus Litauen" in der Studienbuchreihe „Vertreibungsgebiete und vertriebene Deutsche" der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat, Band 10, München 2001: „Im ganzen Reich regte sich nationale Solidarität und Opferbereitschaft für die ferne Provinz. Eine Ostpreußenhilfe wurde ins Leben gerufen, in deren Rahmen die meisten deutschen Großstädte für zerstörte ostpreußische Stadtgemeinden die Patenschaft übernahmen, preußische Provinzen für verwüstete ostpreußische Landkreise sorgten." Auch aus Wien, Ungarn und Schweden kam Hilfe. Bis zum Kriegseintritt der Vereinigten Staaten 1917 spendeten Deutsch-Amerikaner reichlich. Insgesamt gab es 61 Patenschaftsvereine.

Eine besonders wertvolle Erinnerung an die „Ostpreußenhilfe" stellen die 33 Teller der Königlichen Porzellan Manufaktur (KPM) dar, die von 1915 bis zum Zusammenbruch im November 1918 geschaffen wurden. Es handelt sich um Wappenteller, die stets von dem Wappen der Provinz Ostpreußen, dem mit der Königskrone über dem Wappenschild geschmückten preußischen Adler mit Krone, Zepter und Reichsapfel sowie zum Beispiel dem Wappen der Stadt Breslau und dem Wappen von Pillkallen bestimmt werden. Alle Teller zitieren das erwähnte Kaiserwort. Die Hauptstadt der Provinz Hessen-Nassau, Cassel (bald darauf Kassel), sorgte für den Kreis Stallupönen, die beiden Großherzogtümer Mecklenburg für Angerburg. Daß Mannheim, die größte Stadt Badens, die Patenschaft für Memel bis heute pflegt, geht auf jene Zeit zurück. Wenn der Apostolische Visitator für die katholischen Vertriebenen aus dem Bistum Ermland in Münster, Westfalen, residiert, steht das vielleicht auch in Zusammenhang mit der damaligen Patenschaft des Regierungsbezirks Münster für den ermländischen Kreis Braunsberg.

Noch heute kann man in Ostpreußen die Spuren der Bauten finden, die damals während des schrecklichen Ersten Weltkrieges und in den katastrophalen Nachkriegsjahren entstanden. Der Wiederaufbau wurde von einer Abteilung der Kriegshilfskommission organisiert. Nach dem Historismus und dem Jugendstil baute man nunmehr nach den Prinzipien des „Heimatschutzes". Man griff auf ältere Formen zurück, ähnlich wie es die Postmoderne unserer Tage tut (nachdem wir uns an Beton, Glas und Stahl sattgesehen haben).

Der in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts aufkommende „Heimatschutz" ringt um eine der Tradition und Kulturgeschichte angepaßte Gestaltung von Landschaft und Orten. Gebaut wurde in Anpassung an die Tradition – Verwendung von Backstein in Niederdeutschland, von Fachwerk vorwiegend in Oberdeutschland. Ein einflußreicher Architekt, der den Heimatschutz seit 1898 in Aufsätzen und Büchern vertrat, war Paul Schultze-Naumburg (1869–1949). Für das deutsche Kronprinzenpaar baute er Schloß Cecilienhof in Potsdam (1917 fertiggestellt), für sich selbst das großzügige Haus Saaleck bei Naumburg (mit ausgedehntem Park und Werkstätten), dessen Zukunft leider ungewiß ist. So gut wie alle Architekten, die sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland einen Namen machten, über fünfhundert an der Zahl, haben in Ostpreußen mitgearbeitet – auch solche, die nachher beim Bauhaus waren oder sonstwie „modern" bauten. Alle Anträge wurden auf ihren Stil hin geprüft und mußten genehmigt werden. Deshalb kann man die Bauten auch heute, nachdem seit 1945 Zerstörung, unvorstellbarer Verfall und Abriß gewirkt haben, gelegentlich noch ausmachen, etwa in Gerdauen (im nördlichen Teil Ostpreußens), in Johannisburg in einzelnen Bauten, etwas mehr in Ortelsburg. Besonders Soldau, früher Kreis Neidenburg, das aufgrund des Friedensdiktats 1920 ohne jede Abstimmung an Polen fiel (um Polen eine nur über eigenes Territorium führende Bahnverbindung von Danzig nach Warschau zu ermöglichen), bietet noch heute relativ viele Bauten jenes großartigen Aufbauwerks.

Der Marktplatz der Stadt Soldau wurde nach den Zerstörungen von 1914 geschlossen neu gestaltet. Leider ist die Westseite 1945 zerstört worden; dennoch überzeugt der erhaltene größte Teil der Randbebauung. In der Mitte des Platzes steht die Pfarrkirche, die bis 1972 evangelisch war. Nach der Vertreibung der mehrheitlich deutschen evangelischen Bevölkerung fiel die Kirche an die katholischen Polen. Auch sie trägt eindeutig die Züge des Wiederaufbaus (unterstützt vom Regierungsbezirk Köln) nach dem Brand von 1914. – Daß die Stadt 1945 kaum zerstört wurde, liegt daran, daß die sowjetischen Karten von den Grenzen nach Versailles 1920 ausgingen, und erst hinter der Grenze durfte die sowjetische Soldateska ihre Zerstörungswut austoben (bis hin nach Neubrandenburg, Demmin und Frankfurt an der Oder).

Bruno Schumacher, der Altmeister der ostpreußischen Landesgeschichtsschreibung, urteilte 1937 aus eigener Erfahrung, „daß das Gelingen des Wiederaufbaus Ostpreußens mitten im Kriege zu den Ruhmesblättern in der Geschichte der preußischen Staatsverwaltung gehört und seine Parallele nur in der Retablissementpolitik Friedrich Wilhelms I. und Friedrichs des Großen findet".

Sinnvoll wäre es, einen jüngeren Bauhistoriker zu gewinnen, der ein Stipendium einer Stiftung erhält, um sich einige Jahre dem Thema Wiederaufbau Ostpreußens nach der Russennot 1914/15 zu widmen.

Wolfgang Stribrny (KK)

«

»