Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1251.

Aus böhmischem Holz und gar nicht hölzern

„Kleine Welt ganz groß“: eine Sammlung von Marionetten aus 120 Jahren ist in Waldkraiburg ausgestellt

„Jetzt hat mich eine angegrinst!“ Hartmut Naefe aus dem oberpfälzischen Viechtach, mit seiner Frau Anita schon immer an „altem Graffl“ interessiert, reinigte – ein paar Jahre sind’s her – eine kleine Kasperlpuppe vom Staub der Jahrzehnte, und siehe da: Der hölzerne Kerl in seiner Hand lächelte ihn, seinen „Befreier“, regelrecht an. Einen beweglichen Kiefer und ein „lustigs Gschau“ hatte die Marionette, die das Ehepaar einige Tage zuvor – heute sagt es: „durch Zufall“ – auf einem Flohmarkt aufgetrieben hatte. Seither, 1998 war das, „entdeckten wir, welch kleine Kunstwerke diese Marionetten sind … Und das Übel nahm seinen Lauf.“

Von diesem „Übel“ profitierten schon Liebhaber alter Spielpuppen und Puppenbühnen in sechs deutschen Städten. Jetzt ist, nach zweijährigen Verhandlungen mit Museumsdirektorin Elke Keiper, Waldkraiburg dran. Das Stadtmuseum zeigt Anita und Hartmut Naefes Sammlung böhmischer Marionetten aus 120 Jahren unter dem Motto „Kleine Welt ganz groß“ bis zum 10. Februar 2008 (Telefon 08638/959308).

In der Vertriebenen-Stadt im Grünen wird schon lange die Tradition des Puppenspiels gepflegt. Das bewies bei der Vernissage der aus Niederbergkirchen kommende Stefan Beyrer vom „Klick-Klack-Theater“ mit einer Kostprobe auf seiner Marionettenbühne. Er zeigte den 1. Akt seines selbstgebosselten „Froschkönig“-Märchens, zur Freude keineswegs nur der anwesenden Kinder. Auch die Erwachsenen ergötzten sich an dem unmittelbaren Spiel, das der Kasperl mit dem verwunschenen Prinzen und der verwöhnten Prinzessin treibt, und so mancher Zuschauer riskierte neugierig einen Blick hinter die Kulissen. Das uralte, wohl schon vierhundert Jahre alte Spiel mit Handpuppen oder Marionetten ist noch lange nicht ausgestorben.

In Vitrinen und Schaukästen veranlassen den Betrachter rund 200 historische Marionetten, Originalbühnen, Requisiten, Stückevorlagen, Fotos, Modelle, alte Eintrittskarten, Bestellkataloge (etwa der tschechischen Marionetten-Firmen Storch, Marlen und Antonin  Münzberg, Prag) und – als ältestes Stück der Sammlung Naefe – eine komplett erhaltene Rokokobühne mit dazugehörigen Figuren von 1850, zum Nichtmehrwegschauen. Man staunt über so viel phantasievollen „Spielkram“, der aus einfachen Materialien, Holz und Papiermaché, Kleiderstoff und Pappe besteht. Das Lehrerehepaar Naefe wird nicht müde, sie zu erforschen, sammelt weiter, versucht auf Flohmärkten sein Glück. Nach Tschechien haben es die beiden pensionierten Pädagogen ja nicht weit …

Stolz öffnet Anita Naefe eine Schachtel und zieht ein rotweiß kariertes Tuch von vier an Drähten hängenden Püppchen mit beweglichen Gliedern und weit geöffneten Augen. Um 1910, sagt die Sammlerin, dürften sie entstanden sein. Beteiligt waren Antonin Münzberg als Hersteller und Nikolas Ales (1852–1913) als Maler. Mit dem böhmischen Komponisten Bedrich Smetana (1824–1884) bildeten sie ein Trio, das die Marionetten, von Musik unterlegt, „tanzen“ ließ. Ales erhielt Anstöße, sich aufs Marionettenbemalen einzulassen, von Professor Heinrich Vesely (1885–1939), der als Marionettentheaterforscher ebenso bekannt wurde wie als Initiator einer großen Ausstellung über böhmische Marionettenspieler.

Im böhmischen Pilsen, wo die Volksschule schon 1903 ihre eigene Puppenbühne besaß, reicht die Tradition des Marionettenspiels weit in die Vergangenheit zurück. Von 1913 an waren hier Karl Novak und Professor Skupa als talentierte Marionettenspieler engagiert. Die von ihnen kreierten Figuren Vater Spejbl und Sohn Hurvinek wurden auch im Ausland bekannt. Das erste Puppentheater neueren Typs errichtete der Pädagoge Franz Hauser 1852 in Prag. Smetanas Vorspiel zum „Faust“, der hier aufgeführt wurde, stammt aus dem Jahr 1862.

Neben den öffentlichen Bühnen, die von Erwachsenen und Kindern gemeinsam besucht wurden (bis sich das Puppenspiel als Kinderunterhaltung etablierte, dauerte es noch einige Jahrzehnte), gab es in Böhmen aber auch das private Spiel. Die Naefes können dafür den Betrieb der Familie Michl aus Domazlice – böhmisch: Taus – als Beispiel anführen. Der Böhmerwäldler Bürstenfabrikant Josef Michl (1849–1912) verdiente sich nebenher ein paar Kreuzer mit dem Schnitzen von Marionettenköpfen: Kasperl, Teufel, Bauernlackl, zarte Prinzessinnen und derbe Ritter, Bauernköpfe und Spitzbuben, elegante Hofdamen und schrullige Tölpel. Bedrich Michl, der Nachfahre, der 1950 62jährig starb, trat in seines Papas Fußstapfen, war bekannt durch sein reichhaltiges Puppenzubehör, aber auch wegen seiner Spiele im oft stark erweiterten Kreis der Familie, wie es Vater Josef schon im runden Turm am Tauser Stadtplatz eingeführt hatte, der den Michls bis 1900 gehörte.

Viele der in Waldkraiburg gezeigten Marionetten stammen aus dem alten Michl-Fundus. Ein Koffer ist da noch erhalten, aus dem die Naefes ein paar Puppen heraussteigen lassen. „Am Boden lag eine Zeitung mit dem Foto einer nackten Frau“, lacht Anita Naefe. Offensichtlich ist sie mit ihrem Mann nicht mehr wegzubringen von den beweglichen Puppen, die schon Goethe, Kleist und Thomas Mann faszinierten, über die Georg Büchner in seinem „Woyzeck“ philosophierte und von denen jung und alt noch heute angetan sind. Zwanzig Bühnen mit ganzen Ausstattungen bis hin zum Mobiliar, oft originalen Vorhängen und Kulissen, 400 Figuren, von zehn bis 80 Zentimetern Größe, hergestellt aus Holz, Knetmasse oder Gips zwischen 1870 und 1950, gehören zur Sammlung Naefe. Und was steht auf ihrer Suchliste? „Einzelne Köpfe, alte Stoffe (für Ergänzungen und Restaurierungen), ältere Dokumente wie Spielpläne, Lieder, Plakate, Fotos“, Anita und Hartmut Naefe können „alles brauchen“, was das Feuer ihrer Leidenschaft für Handpuppen und Marionetten auflodern läßt.

Hans Gärtner (KK)

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