Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1375.

Aus dem Osten kam der Widerschein

Dort entfaltete die Reformation ihre Strahlkraft erst recht

Keinen roten, sondern den wunderschön bunten Croy-Teppich beschritt die Reformation in Pommern, auf dem sich das pommersche und das kursächsische Fürstenhaus unter dem predigenden Martin Luther und vor den assistierenden Philipp Melanchthon und Johannes Bugenhagen versammeln; Bild: Pommersches Landesmuseum Greifswald

Die Westorientierung war während der Zeit des Kalten Krieges eine anerkannte Position der Verteidigung des Westens gegen die ideologische und militärische Bedrohung aus dem kommunistisch unterjochten Osten, dessen Macht bis an die Elbe ausstrahlte. Werner Keller untermauerte diese Haltung mit seinem 1960 erschienenen Propagandabuch „Ost minus West gleich Null“, das zahlreiche Auflagen erreichte und den Nerv der Zeit traf.

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus vor über einem Vierteljahrhundert, gefolgt von der Wiedervereinigung Europas in den Jahren 2004 und 2007, war nicht mehr ganz klar, wozu eigentlich die Westorientierung strategisch und konzeptionell noch dienlich sei. Die ideologische Bedrohung durch Sozialismus und Kommunismus ist zwar immer noch nicht verschwunden, aber doch überschaubar und in Europa einigermaßen demokratisch eingebunden. Die militärische Gefahr aus dem Osten ist in neuer Form wieder gewachsen, stärker aber noch die terroristische Beeinträchtigung des Lebens in Europa durch islamistische Gruppen aus Gegenden, die von Europa aus südostwärts oder südlich liegen.

Heute ist unklarer denn je, was diesen Gefahren eine geistige Westorientierung entgegen zu setzen hat. Für die historische und kulturelle Seite der Medaille war der Begriff „Westorientierung“ schon immer das falsche Wort. Wer nur eine kleine Idee von dem hatte, was sich in Mittel- und Osteuropa über Jahrhunderte hinweg abgespielt hat und heute dort ereignet, der konnte in dieser „Orientierung“ nur eine Verkürzung sehen, eine Ausblendung des halben Kontinents aus dem offiziellen Denken. Die hinter dem Begriff sich verbergende Mentalität und Geisteshaltung steht deswegen auch Jahrzehnte nach der Einigung Europas weiter hindernd einer wirklichen „Einheit in Vielfalt“ entgegen. Das wird von unseren östlichen Nachbarn, die seit 2004/2007 Mitglieder der Europäischen Union sind, immer wieder beklagt und im „Westen“ nicht verstanden.

Nun propagiert man gern eine Gleichsetzung der Westorientierung mit der Wertegemeinschaft, die den Westen zusammenhält. Bei näherem Hinsehen jedoch keimen Zweifel: Das hehre Bild zeigt Risse. Mit Freiheit, Recht und Demokratie ist es in der heutigen Europäischen Union nicht mehr so weit her. Die Gründer hatten jedenfalls 1957 nicht eine Rechtsgemeinschaft im Sinn, die ihre Verträge nach politischem Gutdünken jederzeit bricht und sie damit zur Makulatur werden lässt, wie das heute tägliche Praxis ist. Die kulturelle Perspektive ist nicht weniger ernüchternd.
Jüngstes Beispiel ist das Reformations-Jubiläum 2017, das gerade Fahrt aufnimmt. Es ist ein Ereignis, das sich aus deutscher Sicht in den Grenzen der Bundesrepublik Deutschland abspielt und die Reformationsgebiete in Mittel- und Osteuropa und in Ostdeutschland, also in Ost- und Westpreußen, Pommern, Schlesien oder Böhmen, um nur diese zu nennen, ausdrücklich nicht im Blick hat. Das zeigten die Eröffnungsveranstaltungen in Berlin am Reformationstag 2016.

Das Jubiläum 2017 ist ein Ereignis, das sich aus deutscher Sicht in den Grenzen der Bundesrepublik Deutschland abspielt und die Reformationsgebiete in Mittel- und Osteuropa nicht im Blick hat.

Die Evangelische Verlagsanstalt gibt eine Reihe „Orte der Reformation“ heraus. Diese „Orte“ befinden sich fast ausschließlich in Deutschland. Nur Straßburg (F) wegen Martin Bucer (1491–1551) sowie Basel, Bern und Zürich (CH) wegen Johannes Calvin (1509–1564) und Huldrych Zwingli (1484–1531) bilden Ausnahmen. Auch für Prag ist ein Heft vorgesehen: Jan Hus (1369–1415) als Vorläufer von Martin Luther konnte man schlecht übersehen. Und dann ist 2014 wirklich ein Heft über „Königsberg – Ort der Reformation“ herausgekommen, in dem die Geschichte Königsbergs und des Herzogtums Preußen ausführlich und reich illustriert von kompetenter Seite geschildert wird. Hefte zu anderen Orten der Reformation im früheren Ostdeutschland, zum Beispiel Breslau, sind nicht vorgesehen.

Zeitgleich gab es in der Evangelischen Verlagsanstalt auch eine Sammlung von „Europa Reformata“, in der von den drei Herausgebern 48 europäische Städte der Reformation vorgestellt werden. Hier ist ein Bild entstanden, in dem nicht nur Deutschland, sondern auch Österreich, die Schweiz, Italien, Frankreich, Großbritannien, die Niederlande, Dänemark, Schweden und Finnland vertreten sind.

Der Blick nach Mitteleuropa fehlt nicht, werden doch Polen, Tschechien, Ungarn, Slowenien und Rumänien sowie die baltischen Staaten Estland und Lettland berücksichtigt. Der Versuch, Königsberg auch hier zu einzubringen, schlug fehl, weil man in Königsberg „mit niemandem sprechen könne“, wie dem Autor telefonisch versichert wurde. Der Hinweis, dass es Königsberger gebe, mit denen man sprechen könne, wurde nicht akzeptiert, weil es um Ansprechpartner in den jeweiligen Städten gehe. So einfach wird Geschichte eliminiert: Königsberg als Ort der Reformation wird ausgesondert, weil es heute nur noch Kaliningrad gibt, und da hat es keine Reformation gegeben.

Doch dann wundert sich der Rezensent, weil er unter der österreichischen Hauptstadt Wien die Vita von Paul Speratus (1484–1551) entdeckt. Dieser bekannte, aus der Nähe von Ellwangen (Württemberg) stammende katholische Priester schloss sich 1519 der Reformation an, war lutherischer Prediger in Österreich, Ungarn und Mähren, wurde auf dem Weg nach Wittenberg in Olmütz als Ketzer zum Feuertod verurteilt, begnadigt und auf Luthers Empfehlung 1525 Schlossprediger im preußischen Königsberg. Als Reformator des Ordenslandes Preußen wurde er 1529 lutherischer Bischof von Pomesanien mit Sitz im westpreußischen Marienwerder, wo er 1551 starb.

Er trug noch das Schwert als Gründer des ersten evangelischen Staates: Albrecht von Brandenburg-Ansbachs Denkmal in Königsberg; Bild: der Autor

Und Wien? Ja, da war er auch, eher auf der Durchreise und zufällig 1522, wie der Autor des Speratus-Artikels zugibt. Seit seiner Salzburger Zeit ab 1512 lebte Speratus in einer eheähnlichen Gemeinschaft mit Anna Fuchs. Das bereitete ihm in Würzburg, wo er seit 1520 Domprediger war, Schwierigkeiten. Darum sollte er eine Stelle in Ofen (Stadtteil Buda von Budapest) übernehmen. Auf dem Weg dorthin hielt er im Januar 1522 im Wiener Stephansdom eine Predigt zum Thema Ehe, die Aufmerksamkeit und Widerspruch erregte. So musste Speratus nach dieser für das Wiener Gotteshaus ersten evangelischen Predigt mit seiner Anna schnellstens verschwinden.

Während der Gefängniszeit 1523 in Olmütz dichtete er für seine Gemeinde in Iglau das bis heute beliebte Lied „Es ist das Heil uns kommen her“ (Evangelisches Kirchengesangbuch 342). Es wurde mit weiteren Liedern von Speratus und vier Liedern von Martin Luther in das „Achtliederbuch“ (1524), die erste Sammlung von reformatorischen Liedern, aufgenommen.

Rechtfertigt der Kurzaufenthalt von Paul Speratus in Wien eine Betrachtung, die ein mehr als 25jähriges reformatorisches Wirken in Preußen unter „Wien“ abhandelt? Soll verhindert werden, dass Königsberg als Kapitelüberschrift auch nur genannt wird? Das ist schon ein sehr merkwürdiges Geschichtsverständnis! – Aber blicken wir in andere ostdeutsche Regionen.

Pommern wurde von dem bekannten „Doctor Pomeranus“ Johannes Bugenhagen (1485–1558) reformiert, einem engen Mitarbeiter Martin Luthers. 1521 zog er nach Wittenberg und begann ein Theologiestudium, obwohl er bereits 1509 zum Priester geweiht worden war. 1524 erschien seine Psalmenauslegung, die ihn als Exegeten auswies. Bereits 1522 heiratete er Walburga Rörer und wurde so zum Begründer des evangelischen Pfarrhauses. Als Stadtpfarrer und persönlicher Seelsorger Martin Luthers vollzog er auch dessen Trauung mit Katharina von Bora 1525.

Seine überragende Bedeutung verdankt Johannes Bugenhagen seinem Organisationstalent und den Kirchenordnungen, die er für Norddeutschland und Skandinavien verfasste. Überregionale Bedeutung hatte 1528 die Kirchenordnung für Braunschweig, die auf Hamburg 1529, Lübeck 1531, Pommern 1534/1535, Schleswig-Holstein 1542 und Hildesheim 1544 übertragen wurde. Diese Kirchenordnungen machten Bugenhagen zum Reformator des Nordens. In ihnen wurden nicht nur die Gottesdienstordnung, sondern auch das Schulwesen und soziale Fragen geregelt. In Dänemark reformierte Bugenhagen 1537 die Kirche und die Universität Kopenhagen. Die Kirchenordnung von 1539 ist Grundlage für die noch heute geltende dänische Verfassung.

Zu Johannes Bugenhagen stieß die junge Elisabeth von Meseritz (1504–1535) aus Hinterpommern. Sie heiratete 1524 den Professor Caspar Cruciger und hatte mit ihm zwei Kinder. Die Tochter Elisabeth (1526–1576) heiratete Luthers Sohn Johannes (1526–1575), der nach Königsberg ging und dort am Reformationswerk mitarbeitete. Hans Luther wurde in der Altstädtischen Kirche bestattet. Bedeutend war und blieb Elisabeth Cruciger, weil sie als erste evangelische Liederdichterin bis heute im Evangelischen Kirchengesangbuch steht, mit dem schönen Epiphaniaslied „Herr Christ, der einig Gotts Sohn“ (EKG 67). Dieses Lied erschien 1524 im „Erfurter Enchiridion“, dem zweitältesten evangelischen Kirchenliederbuch. Die Melodie ist schon älter und geht wohl auf eine weltliche Vorlage zurück.

Und er trug die Skepsis und den Gestaltungswillen nicht nur für seine Heimat Pommern: Johannes Bugenhagens Denkmal auf dem Wittenberger Kirchplatz; Bild: OKR-Ausstellung „Im Dienste der Menschheit“

Auch Schlesien hat ein reformatorisches Alleinstellungsmerkmal. Nachdem in Breslau 1523 Pfarrer Johannes Heß (1490–1547) an der Kirche St. Maria Magdalena die Reformation eingeführt und sich die Mehrheit der Schlesier der evangelischen Konfession zugewendet hatte, gründete Herzog Friedrich II. 1526 in Liegnitz die erste evangelische Universität Europas. Auch wenn diese Universität wegen theologischer Streitigkeiten und wegen Geldmangels schon nach drei Jahren geschlossen werden musste, bleibt die Gründung – über 20 Jahre vor der Gründung der Albertina in Königsberg 1544 – eine bemerkenswerte Initiative. Theologische Diskussionen und Geldmangel waren damals, so kurz nach der Reformation, an der Tagesordnung, haben aber nicht immer zum Scheitern geführt.

Heß blieb an seiner Kirche St. Maria Magdalena von 1523 bis zu seinem Tode 1547. Melanchthon hatte ihn oft wegen seiner Ängstlichkeit ermahnt. Aber diese Zurückhaltung war ihm in seinen langen Dienstjahren von Nutzen. Die von ihm eingeführten Neuerungen der Breslauer Reformation blieben zwar in engen Grenzen, hielten sich aber lange und bewahrten den konfessionellen Frieden. In der Welt der Reformatoren stand Heß in hohem Ansehen. 1541 nahm er mit Philipp Melanchthon am Regensburger Religionsgespräch teil, das letzte seiner Art zu Luthers Lebzeiten.

Königsberg in Preußen bleibt auf Dauer der entscheidende Ort der Reformation im 16. Jahrhundert. Luther hat ihren Weg emphatisch begleitet. An den Bischof von Samland, Georg von Polentz, schreibt er im April 1525: „Vide mirabilia! Ad Prussiam cursu plenisque velis currit Evangelium!“ – Siehe das Wunder! In voller Fahrt und mit prallen Segeln eilt das Evangelium nach Preußen!

Luther hatte bereits zweimal mit dem Hochmeister des Deutschen Ordens Albrecht von Brandenburg-Ansbach (1490–1568) verhandelt und ihm die Auflösung des Ordens und die Umwandlung des Ordensstaates in ein weltliches Herzogtum vorgeschlagen. 1525 war es so weit. Albrecht löste sich von dem ohnehin nicht mehr interessierten Rom – Papst Clemens VII. (1478–1534, ab 1523 Papst) kümmerte sich nur um die Festigung seiner Hausmacht in Italien –, legte am 8. April 1525 die Hochmeisterwürde nieder und leistete König Sigismund von Polen in Krakau am 10. April 1525 den Lehenseid. Damit war mit dem Herzogtum Preußen der erste evangelische Staat der Welt entstanden.

Diesen Weg hatte Luther mit seiner Ermahnung von 1523, „An die herren Deutschs Ordens, das sy falsche keuschhait meyden und zur rechten Eelichen keuschhait greyffen“, vorbereitet. Wie langfristig der Reformator dachte, geht aus einer weiteren Schrift „An die Ratsherren aller Städte Deutschlands, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen“ von 1524 hervor, die Herzog Albrecht veranlasste, nach Liegnitz (1526) und Marburg (1527) in Königsberg 1544 die dritte evangelische Universitätsgründung in Europa überhaupt und vor allem die trotz aller Widrigkeiten erste erfolgreiche vorzunehmen.

Diese Königsberger Universität, nach ihrem Gründer „Albertina“ genannt, hat über 400 Jahre lang ihre Strahlkraft von Nordosteuropa aus entfaltet. In ihr geistiges Einflussgebiet wurden Polen, Litauen und Lettland sowie die noch existierende prußische Urbevölkerung durch zahllose Übersetzungen in die jeweiligen Sprachen einbezogen. Studenten aus den Nachbarstaaten und aus Nord- und Westeuropa trugen zum Ansehen einer international ausgerichteten Hochschule bei, die ihren Höhepunkt im „Königsberger Jahrhundert“ fand, als Geistesgiganten wie Immanuel Kant (1724–1804), Johann Georg Hamann (1730–1788) und Johann Gottfried Herder (1744–1803) den Ruhm dieser Universität begründeten, der auch heute noch nicht verblasst ist.

Wer in der gegenwärtigen Advents- und Weihnachtszeit in den Gottesdienst geht oder sich im Rundfunk oder Fernsehen Weihnachtslieder anhört, der kommt an den Auswirkungen der Königsberger Reformation nicht vorbei. Das berühmteste Lied, „Macht hoch die Tür“, stammt von Georg Weissel (1590–1635), Pfarrer an der Altroßgärter Kirche zu Königsberg, und wurde im Königsberger Dom erstmals gesungen. Von Valentin Thilo (1607–1662) stammt das nachdenklich stimmende Adventslied „Mit Ernst, o Menschenkinder“. Thilo war Professor der Beredsamkeit an der Albertina sowie Amtskollege und Freund von Simon Dach (1605–1659).

Es lohnt sich also, auch im Reformationsjahr 2017 immer wieder einen Blick über Mitteldeutschland hinaus in die früheren deutschen Ostgebiete zu werfen und sich zu vergewissern, dass das Wirken der Wittenberger Reformatoren auch dort bis heute zu erkennen ist.

Klaus Weigelt (KK)

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