Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1373.

Aus der Tiefe der Archive

Historische Kommission für Schlesien entbirgt Nachlässe von Politikern

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Eloquenter als Nachlässe sind deren Erforscher: Professor Dr. Joachim Bahlcke, der Vorsitzende der Historischen Kommission für Schlesien Bilder: Dieter Göllner

Eine der renommierten Institutionen, die sich in Deutschland mit der Kultur und Geschichte des östlichen Mitteleuropa beschäftigen, ist die Historische Kommission (HiKo) für Schlesien. Bei ihrer jüngsten Jahrestagung ging es vorrangig um das Thema „Nachlässe schlesischer Politiker in Westdeutschland“. Die zweitägige Veranstaltung fand im Haus Schlesien Königswinter-Heisterbacherrott und in der Konrad-Adenauer-Stiftung Sankt Augustin statt.

Gegründet worden ist die Historische Kommission für Schlesien im Spätherbst 1921 in Breslau. Mit Blick auf die spezifisch deutschen Wissenschaftstraditionen besitzt die Einrichtung eine wichtige „Scharnierfunktion“ zwischen der unverändert starken Osteuropäischen Geschichte mit ihrer weitgehenden Beschränkung auf die ostslawische Geschichte und der noch immer auf die eigenen Nationalgeschichten des westlichen Europa konzentrierten Allgemeingeschichte.

Der Vorsitzende der Historischen Kommission, Professor Dr. Joachim Bahlcke aus Stuttgart, und Dr. Guido Hitze aus Düsseldorf führten in das diesjährige Tagungsthema ein. Dr. Hitze sprach über die Nachlässe in unterschiedlicher Form, die es im Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn gibt. Das Archiv umfasst sowohl Nachlässe von gebürtigen Schlesiern wie Ferdinand Lassalle, Paul Löbe und Ida Wolff als auch von Politikern, die nicht in Schlesien geboren wurden, dort jedoch zeitweise gewirkt haben. Beispiele dafür sind Otto Hörsing als Reichskommissar für Oberschlesien 1919/20 oder Karl Okonsky, der von 1919 bis 1927 als Redakteur der oberschlesischen Zeitung „Volkswille“ und der „Kattowitzer Zeitung“ tätig war. Ähnliches gilt für das Bundesarchiv, wo sich ein Teilnachlass des Reichstagsabgeordneten Hans Graf Praschma und der Nachlass des späteren Regierungssprechers in Nordrhein-Westfalen, Johannes Maier-Hultschin, befinden.
In einem Vortrag stellte Nicola Remig, Leiterin des Dokumentations- und Informationszentrums Haus Schlesien, die Geschichte, die Aufgaben und Ziele des Gastgeberhauses vor. Insbesondere die umfangreiche Spezialbibliothek, die Ausstellungstätigkeit sowie die Kooperationsprojekte mit polnischen Institutionen beeindruckten die Tagungsteilnehmer.

Dr. Ulrich Schmilewski bot in seinem Beitrag einen Überblick über den etwas anderen Nachlassbestand der Stiftung Kulturwerk Schlesien aus Würzburg, deren Geschäftsführer er ist. Und zwar beschrieb er den 685 Fragebogen umfassenden Fundus „Schöpferische Kräfte Schlesiens“. Die von schlesischen Kulturschaffenden zwischen 1955 und 1974 ausgefüllten Fragebogen gelten heute als zu hinterfragende Ego-Dokumente. Sie sind in einem Forschungsprojekt ergänzt und ausgewertet worden, wobei es vor allem um Fragen der Selbstdarstellung und der Integration kulturell tätiger Schlesier der „zweiten Reihe“ ging.

Schauplatz des zweiten Begegnungstages war das Archiv für christlich-demokratische Politik in der Konrad-Adenauer-Stiftung mit Sitz in Sankt Augustin. In dieser Einrichtung sind über 1000 Personalbestände vorhanden, darunter auch von zahlreichen schlesischen Politikern. Bei der Besichtigung des Archivs hob Konrad Kühne einige aussagekräftige Überlieferungsbeispiele anhand der Akten hervor. Informiert wurde auch über die Präsentation der digitalen Aufbereitung der Findmittel, die es dem Benutzer erlauben, sich schon vor dem Besuch gezielt vorzubereiten. Bei einem Rundgang durch das vor allem visuell interessante Plakatarchiv erfuhren die Tagungsteilnehmer von Hans-Jürgen Klegraf Details zu den Sammlungsaufgaben und Beständen. Wie andere Archive auch bietet dieses ein reiches Betätigungsfeld und ist für forschende Wissenschaftler und die interessierte Öffentlichkeit zugänglich.

Schlesische Geschichte wird heute in Deutschland, Polen und Tschechien als Teil der eigenen Geschichte empfunden. Die Wissenschaftler der Historischen Kommission für Schlesien kooperieren mit zahlreichen Institutionen in den östlichen Nachbarländern, sie unterstützen neben deutschen auch polnische und tschechische Forschungsvorhaben. Vor allem wird der direkte Austausch mit den Fachleuten in diesen Ländern zu allen Bereichen der schlesischen Geschichte gepflegt. Man ist bemüht, das kulturelle Erbe als Teil der gemeinsamen Geschichte von Deutschen und ihren Nachbarn im Osten anzunehmen und als Chance für einen fruchtbaren Dialog und eine konstruktive Zusammenarbeit mit Polen und Tschechien zu nutzen. Die Vertreter verstehen sich daher auch als Vermittler zwischen Ost und West, zwischen Institutionen und Einzelinitiativen, zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit.

(KK)

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