Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1282.

Aus tschechischen Archiven ins deutsche Licht – und Zwielicht

Pünktlich zum 70. Jahrestag des Münchner Abkommens veröffentlicht Detlef Brandes sein neues Buch. Zeitlich geordnet versucht er ein quellennahes Bild der Ereignisse zu geben. Dabei schöpft er besonders aus in Prag archivierten Berichten der Staatspolizei und anderer tschechischer Sicherheitsbehörden, die darin das Geschehen in den von ihnen kontrollierten Sudetengebieten darstellen, natürlich auch die Aktivitäten der Sudetendeutschen Partei, die damals ihren Höhepunkt erreichten. Damit belegt Brandes scheinbar eingehend die nationalsozialistische Durchdringung dieses aktiven Teils der deutschen Volksgruppe. Er bedient sich dabei so ausgiebig der Polizeiberichte, daß es leider zu Wiederholungen kommt, deren Erkenntniswert kaum nachvollziehbar ist. Hier liegt eine der Schwächen des Buches.

Zu den Stärken des Buches gehört nach dem ersten Eindruck zunächst einmal die Stoffülle, die er aus tschechischen Archiven ans deutsche Licht hebt. Hier erkennt aber der mit der Zeitgeschichte des böhmisch-mährischen Raumes Vertraute die Problematik von Brandes’ Arbeit. Er stellt nur einen Ausschnitt dessen dar, was er in seinem Titel verspricht. Was er im Grunde genommen nur bietet, ist: Die Sudetendeutschen im Krisenjahr 1938 aus der Sicht der tschechischen Polizeiberichte. Daß das lediglich ein Ausschnitt der Wirklichkeit ist, erschließt sich nur dem, der weiß, daß die in den deutschen Gebieten der CSR kasernierte Staatspolizei in der 1. Republik ein einzigartiges, fast ausschließlich mit Tschechen besetztes Herrschaftsinstrument war.

Dem historischen Insider – und als solcher muß eigentlich Detlef Brandes gelten – ist geläufig, daß die Staatspolizei von der Prager Zentrale instrumentalisiert wurde, daß z.B. die Besatzung der Kasernenanlagen insbesondere in den Sprachrandgebieten dazu diente, bei Abstimmungen tschechische Mehrheiten zu manipulieren. Das alles hat viel mit Brandes’ Polizeiberichten zu tun, die von Verkürzungen und Fälschungen leider nicht frei sind. Einfache Stichproben zum Geschehen in sudetendeutschen Städten in diesen kritischen Tagen des Jahres 1938 ergeben, daß Polizeiberichte durch Weglassung wichtigster Ereignisse die Vorgänge völlig entstellen. Ein Beispiel hierfür ist das Geschehen am 13. September 1938 in Tachau (Tachov). In diesem Zusammenhang beschreiben tschechische Quellen aufrührerische Deutsche, vermerken jedoch nicht, daß es bei der Aktion unter den Sudetendeutschen zwei Tote gab. Ein 18jähriger Fabrikarbeiter wurde erschossen. Der zur ersten Hilfe herbeieilende Arzt, als solcher für die Umstehenden erkennbar, wurde nach dem deutlichen Wink des tschechischen Polizeioffiziers über der Leiche des jungen Mannes gezielt erschossen. Hierüber gibt es nicht nur Zeitzeugenaussagen, sondern auch ein Photodokument.

Eine Untersuchung zum Verhalten der Deutschen in den Sudetengebieten im Jahre 1938, die sich auf einseitige Polizeiberichte stützt, verfehlt ihr Ziel. Sie wird gleichsam zur späten Propagandaschrift der Benesch-Regierung 1938. So deutlich muß man das leider sagen. Wer sich historisch redlich der Wirklichkeit an jenen Orten zu jener Zeit noch heute nähern will, kommt nicht umhin, den Polizeiberichten Zeitzeugnisse gegenüberzustellen. Detlef Brandes hätte das wissen müssen, denn er ist lange genug Inhaber eines Lehrstuhls in Düsseldorf gewesen. Besonders deshalb ist es schade, daß sein Buch so mißverständlich bleibt. Der größte Teil des Erkenntnisgewinns, den sein Buch im originalen Titel verspricht, müßte noch erarbeitet werden.

Gerolf Fritsche (KK)

 

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