Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1235.

Autismus der Diktatur, in Beton gegossen

Tausende von Touristen wandern jährlich durch Hitlers einstiges Hauptquartier, die ostpreußische „Wolfsschanze“, und lassen sich in der Trümmerlandschaft von polnischen Reiseleitern vor allem die Ereignisse um das Attentat vom 20. Juli 1944 erklären. Schon bevor jedoch Graf Stauffenberg dort die Bombe zündete, hatte er nicht nur an Hitler selbst, sondern auch an der Führungsstruktur der deutschen Wehrmacht heftige Kritik geübt, sie gar „blödsinnig“ genannt. Im nachhinein wird er jetzt durch einen amerikanischen Wissenschaftler bestätigt:

„Hitler stand im Zentrum eines fehlerhaften Systems, das ihn nahezu bedingungslos unterstützte … Das Oberkommando der Wehrmacht war eine chaotische Mischung von rivalisierenden Dienststellen und Persönlichkeiten mit einem Größenwahnsinnigen an der Spitze.“ Das ist das  Fazit einer Dissertation des US-Historikers Geoffrey P. Megargee, Vorstandsmitglied der United States Commission on Military History. Wie der Autor selbst einleitend schreibt, hat der Schöningh Verlag durch sorgfältiges Lektorat die deutsche Ausgabe verbessert und von Fehlern befreit. In häufigem Kontakt war Megargee auch mit dem Militärgeschichtlichen Forschungsamt Freiburg/Potsdam.

Der Autor räumt mit dem Mythos auf, daß Hitler den Krieg praktisch im Alleingang begonnen und verloren habe. Diesen Eindruck hätten die überlebenden Generäle in ihren Memoiren vielfach zu erwecken versucht, um sich von ihrer Verantwortung reinzuwaschen. Als besonderes Beispiel dafür wird der Nachlaß Heinz Guderians, des Befehlshabers der Panzertruppe, genannt, in dem er sich als „militärisches Genie und standhafter Gegner Hitlers“ darstellt.

Das heißt allerdings nicht, daß nicht viele der militärisch Verantwortlichen bis an die Grenze ihrer physischen und psychischen Belastbarkeit gearbeitet haben.Von Generaloberst Franz Halder wird berichtet, daß er in der „Wolfsschanze“ oft nur zwei Stunden geschlafen hat. Das lag zum Teil daran, daß Hitler die letzte seiner täglichen Lagebesprechungen erst um Mitternacht abhielt.

Unter den elf Kapiteln des durch Fotos und Personalschemata angereicherten Bandes ist das achte besonders aufschlußreich. Megargee schildert dort eingehend die Woche vom 15. bis zum 21. Dezember des Oberkommandos der Wehrmacht in der „Wolfsschanze“. Im Gegensatz zu den Staatsführungen seiner Feinde hatte Hitler sich dort isoliert. Täglich mußten Kurierflugzeuge nach Berlin fliegen.

Auch „die äusseren Gegebenheiten der OKW-Anlage waren ein Hindernis“. Im Vorfeld des Überfalls auf die Sowjetunion hatte Hitler die „Wolfsschanze“ erbauen lassen, in der er sich mit kleineren Unterbrechungen vom Juni 1941 bis zum November 1944 aufhielt. In der Nähe von Rastenburg umfaßte sie ein Areal von 1,5 mal 2 Kilometern. Das „Führerhauptquartier“ war im Sommer heiß und stickig, im Winter kalt und feucht. Das spürte man besonders in den Betonbunkern mit ihren kleinen Fenstern. Das Belüftungssystem erzeugte ein ständiges Geräusch. Deshalb wohnten und arbeiteten die Stabsoffiziere lieber in den hölzernen Baracken der Anlage. In den engen Behausungen und unter dem Eindruck der schlechten Nachrichten von der Front im Osten gediehen Mißtrauen und Rivalitäten.

Aber nicht nur für die Jahre in der „Wolfsschanze“, sondern insgesamt macht Megargee den deutschen Generälen folgende Vorwürfe:

1. Der Angriff auf die Sowjetunion rief eine „beträchtliche Begeisterung für das neue Abenteuer hervor. Die Führung des Heeres stürzte sich mit Begeisterung auf die Probleme, die mit der Planung und Durchführung verbunden waren.“

2. Auch die Kriegserklärung an die USA „wurde von der Kriegsmarine begeistert begrüßt“.

3. Die Deutschen erwiesen sich als unfähig, mit ihren Verbündeten in geeigneter Weise zusammenzuarbeiten.

4. Als Mitteleuropäer hatten die Deutschen nur ein begrenztes Verständnis für die größere Welt.

5. Die Kodes der Nachrichtendienste waren nicht genügend gesichert. Personalführung und Logistik zeigten ähnliche Schwächen.

Goeffrey P. Megargee: Hitler und die Generäle – das Ringen um die Führung der Wehrmacht 1933–1945. Verlag Schöningh, Paderborn 2006, 306 Seiten, 34,90 Euro

Norbert Matern (KK)

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