Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1317.

Ball der Mafiosi

Ein rumänischer Schriftsteller schildert die Lage seines Landes unter bewußtem Verzicht auf Differenzierungen

Krisen auf allen Märkten der Macht, des Geldes und der Eitelkeiten sind Hochzeiten auf den Medienmärkten, es gibt Herden von Säuen, die Tag für Tag durchs Dorf getrieben werden können. Darüber vergißt man dieses und seine Bewohner. Rumänien war vollends in den – selbstproduzierten – Dünsten versunken, bis Anfang Februar die Regierung abdankte. Da gab es ein paar Nachrichten und ein paar Hoffnungen, es kann ja schließlich nur besser werden. Dem widerspricht hier der Bukarester Schriftsteller Filip Florian mit einer Vehemenz, die er vom Bukarester Universitätsplatz mitbringt. Der Text wurde vor dem Regierungswechsel geschrieben, der Autor hält unbeirrt an ihm fest.

In all den 22 Jahren, seit Ceausescu und der Kommunismus begraben worden sind, war die Lage der Dinge in Rumänien noch nie dermaßen empörend und verzweifelt. Ein üppig ausgebautes Blendwerk soll den Eindruck erwecken, als funktionierte die Demokratie, als entsprächen die Gesetze und die staatlichen Behörden den europäischen Maßgaben, dabei verbirgt sich hinter dieser Staffage, den buntbemalten Kulissen, den teuren Anzügen und der dick aufgetragenen Schminke, eine bedrückend finstere und von Tag zu Tag schwerer zu ertragende Wirklichkeit. Der Schöpfer der gewaltigen Farce ist ohne Wenn und Aber Präsident Traian Basescu, der nach und nach die ganze Macht im Staat an sich gerissen, seine Befugnisse und Rechte weit übertreten hat und mit immer härterer Gangart das Muster einer östlichen Neo-Diktatur anstrebt, welches westliche Politiker täuschen mag, für die Rumänen jedoch grausame Belastungen bedeutet. Vermittels seiner eigenen Demokratisch-Liberalen Partei (PDL) hat Basescu nicht nur die Regierung und das Parlament im Griff, er beherrscht auch die Justiz, die Armee, die Geheimdienste, unzählige Bürgermeisterämter, die öffentlich-rechtlichen Rundfunk-und Fernsehanstalten, die Einrichtungen zur Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität, die Wahlkommissionen sowie einen Großteil der unabhängigen Presse durch Druck, Drohungen und getarnte Bestechung. Fassungslos findet man sich in einer Situation wieder, in der selbst Direktoren von Schulen, Krankenhäusern, Theatern und Museen Mitglieder der PDL sein oder ihr zumindest nahestehen müssen.

In einem Land, in dem autoritäre Verlockungen, Gruppeninteressen und Übergriffe in der Tradition verankert und schon so manchem Politiker als erstrebenswert und praktikabel erschienen sind, hat Traian Basescu ein System mafiosen Typs, ein Paradies der Korruption und der schmutzigen Geschäfte bis zur Vollkommenheit ausgestaltet.

Die europäischen Hilfsgelder werden nach Strich und Faden zweckentfremdet, Vetternwirtschaft und Schiebung, Erpressung und Bestechung sind zu Grundregeln des Geschäftslebens geworden, das Geld der öffentlichen Hand wird unter der Hand vergeben und die öffentlichen Ausschreibungen sind lediglich vorgetäuscht, ob es nun um neue Autobahnabschnitte geht oder um die Stiefmütterchen, die im Frühling in den Parks gepflanzt werden.

Ein Detail mag diese wie in einem lateinamerikanischen Roman anmutende Atmosphäre noch greifbarer machen: Unter allen Ministern verfügt über den größten Haushalt Elena Udrea, zuständig für den Geschäftsbereich Regionalentwicklung und Favoritin des Präsidenten Basescu, letzteres weit über die Grenzen der Politik und des Anstands hinaus. So steht denn im heutigen Rumänien alles zum Verkauf: Lizenzen, Gerichtsurteile, Zollpapiere, Hochschulabschlüsse, Gewerbescheine,  Grundstücke und Seelen. Zumindest einstweilen kann jeder, der in der Familie PDL Aufnahme findet und dem Paten die Hand küßt, nur gewinnen.

Die Unverfrorenheit, mit der die Führer der PDL sich an öffentlichen Geldern gütlich  tun, ihre verschworene Gemeinschaft und die Bewerkstelligung der Gesetzesverstöße nach allen Regeln der Kunst entsprechen Mafia-Rezepturen. Hinzu kommt die Art der Verteidigung in schwierigen Momenten, wenn der eine oder andere in Bredouille gerät. Dann bildet die gesamte Partei einen Schutzwall um den Betroffenen und versucht, ihn mit weißer Weste rauszuhauen, selbst wenn die Schurkenstücke offen zu Tage liegen. So geschehen beispielsweise im Fall der Skandale, in welche die Minister Ritzi und Botis verwickelt waren und bei denen es um flagrante Untreue ging, aber zu keinerlei strafrechtlichem Ergebnis kam.

Damit nicht genug: Traian Basescu und seine Lieutenants begegnen der tiefsten Wirtschaftskrise, da der Wind durch die Taschen der Leute pfeift und der Winter mehr Jammer gebracht hat als Schnee, mit nichts als höhnischem Grinsen und hohlem Gerede, sie versuchen sich in illusionistischen Kunststückchen, mit denen sie das rumänische Jammertal als Oase der Ruhe und des Wohlstands vorzugaukeln trachten. Doch die Rumänen, so sehr sie den Zirkus auch mögen, lassen sich nichts mehr vormachen. Radikale Maßnahmen haben sie zwar hingenommen (die Kürzung der Gehälter und Pensionen um 25 Prozent oder die Erhöhung der Umsatzsteuer um fünf Prozent), aber niemand mehr duldet die Prasserei der Mächtigen, ihr verächtliches Gehabe und die Gaunerei, die zur Staatspolitik erhoben worden ist.

Irgendwann hat Basescu eine Journalistin als „stinkende Zigeunerin“ apostrophiert. Jetzt wollen ihn, Meinungsumfragen zufolge, 92 Prozent der Rumänen nicht mehr als Präsidenten. Bei den Protestkundgebungen, die das Land um die Januarmitte erfaßt haben, gibt es einen Spruch, der den Zustand auf den Punkt bringt: „Va rugam sa ne scuzati. / Nu producem cît furati!“ (Wir bitten um Entschuldigung. Wir produzieren nicht so viel, wie ihr klaut!)

Filip Florian (KK)

In deutscher Sprache ist Filip Florians Roman „Kleine Finger“ 2008 bei Suhrkamp erschienen.

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