Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1281.

Baltisches Beharren und der Wille zur Kunst

August M. Hagen und seine Kinder im Ostpreußischen Landesmuseum

Zu Fuß zu den schönsten Ausblicken und Ansichten mühte sich vor fast 200 Jahren aus Estland nach Europa der deutschbaltische Maler August Matthias Hagen (1794–1878). Vom Baltikum kam er 1820 mit dem Schiff nach Lübeck, von dort ging es zu Fuß über Mecklenburg, Brandenburg usw. nach Berlin, Dresden, Prag und Wien bis Passau. Später zog er weiter durch die Schweiz, kam bis Rom und kehrte 1824 nach Estland zurück. Tagesmärsche von 45 Kilometern und mehr absolvierte er bei Wind und Wetter, Hitze oder Frost.

August Matthias Hagen gehörte zu den wichtigsten Künstlern der heute estnischen Universitätsstadt Tartu, des alten Dopat. Sein Vater, ein Mühlenpächter in Livland (heute Lettland) schickte ihn zur künstlerischen Ausbildung nach Dorpat an die Universitäts-Zeichenschule. Als führender Künstler Dorpats übernahm Hagen später auch die Leitung dieser Schule.

Die Ausstellung des Ostpreußischen Landesmuseums Lüneburg in Kooperation mit der Carl-Schirren-Gesellschaft zeigt bis zum 22. November Arbeiten Hagens und seiner Kinder Alexander Hagen und Julie Hagen-Schwarz. Auf vielen Reisen schuf August Matthias Hagen künstlerische Verbindungen aus dem Baltikum in damalige Zentren europäischer Kunst, so zum Kreis um Caspar David Friedrich in Dresden, nach München, nach Rom. Die Gemälde im Stil der Romantik zeigen, wie eng auch im 19. Jahrhundert baltische Künstler den europäischen Kunstzentren verbunden waren.

Viele lebendige Zeichnungen schildern lebhafte Reiseeindrücke. Die zur Ausstellung erschienenen Reisetagebücher geben zusätzliche anschauliche Schilderungen seiner Erlebnisse wie der Reisestrapazen und Gefahren. So schrieb er am 4. Oktober 1820 über einen Reisetag in Österreich: „Fluchend und schimpfend kam ich gestern Abend aus dem Gebirge hinunter, wo ich mich verirrt hatte und zu meinem Glücke bald in ein Dorf kam; die Bauern sprechen so ein schlechtes Deutsch, daß ich ihnen nur wenig verstehe, daher mag es gekommen sein, daß sie mich falsch gezeigt hatten. Die flache Gegend und das trübe Wetter und die Kälte ließen mich heut nicht einmal etwas zeichnen, überhaupt ist jetzt die Witterung für eine malerische Reise nicht mehr."

Alle gezeigten Arbeiten stammen aus dem Familienbesitz der Nachfahren August Hagens. Dies belegt beispielhaft, was trotz Aussiedlung, Flucht und Notzeit zweier Weltkriege in einer deutsch-baltischen Familie an europäischem Kulturgut gepflegt und gerettet werden konnte. Im Familienarchiv Schwarz pflegen die Nachfahren bewußt nun schon in der vierten Generation den über alle Katastrophen und Wirren seit 1905 zusammengehaltenen und z. T wieder zusammengebrachten Bestand dieser deutschbaltischen Kulturgüter, präsentieren ihn wie eben in dieser Ausstellung und veröffentlichen daraus, so die Reisetagebücher von A. M. Hagen von 1820/21.

(KK)

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