Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1309.

Baltisches Brainstorming

Kulturgeschichtliches Seminar in Libau, Lettland

In diesem Jahr stand das Seminar in Libau unter einem besonders guten Stern. Über 40 Gäste und gut 30 Studenten aus Riga, Windau, Dünaburg und Libau nahmen teil. Zwölf Balten reisten aus Deutschland an.

Für Studierende sind Reisen zu Tagungen, auswärtigen Seminaren und sonstigen wissenschaftlichen Begegnungen und Fortbildungen nicht nur wünschenswert, sondern notwendig. Sie haben die Möglichkeit, neue Erfahrungen zu sammeln, neue Perspektiven zu gewinnen, sich aktiv an wissenschaftlichen Debatten zu beteiligen und über den „Tellerrand“ des eigenen Fachstudiums hinauszublicken, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie vielfältig Wissen sein kann, aber auch wie komplex und umkämpft es ist.

Den Universitäten in Lettland stehen nur sehr begrenzte Mittel und Kapazitäten zur Verfügung, ihren Studierenden solche Möglichkeiten zur Auseinandersetzung zu eröffnen. Besonders die Geisteswissenschaften stehen unter einem hohen Rechtfertigungsdruck und sind von Mittelkürzungen stark betroffen. Ihr gesellschaftlicher Nutzen ist nicht unmittelbar in Geld oder Wirtschaftszuwachs umzurechnen. Dennoch leisten die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften einen unersetzlichen Beitrag zur Entwicklung aller Lebensbereiche.

Um so mehr habe ich mich gefreut, als ich durch eine Kollegin von der Universität in Ventspils/Windau von der Tagung erfuhr. Der Nutzen einer Tagung für Studierende mit einem Schwerpunkt in baltischer Geschichte erklärt sich selbst, wenn man erlebt hat, wie wenig manche jungen Letten über ihre eigene Geschichte wissen und wie wenig diese allgemein diskutiert wird. Ich unterrichte an der Universität Lettlands in Riga im Fach Germanistik nicht nur die Sprache, sondern auch deutsche Kultur und Geschichte. Wie soll man Studierenden sinnvoll die deutsche Geschichte beibringen, vielleicht sogar im Kontext einer gesamteuropäischen Geschichte, wenn sie nur ein grobes Gerüst ihrer eigenen Geschichte kennen? In vielen Fällen nicht einmal das.

Die Tagung begann mit einer kurzen Begrüßung der zahlreich erschienenen Anwesenden. Detlef Henning (Gütersloh) eröffnete dann die Tagung mit einigen einführenden Worten und einem thematischen Überblick, der die Zuhörer bereits auf die noch folgenden Vorträge einstimmte. Weiterhin hielt Prof. Dr. Ilgvars Misans (Riga) einen Vortrag zum Mittelalter im Baltikum mit dem Titel „Das mittelalterliche Livland – eine Kolonie der Eroberer oder ein Bollwerk des lateinischen Christentums?“. Am Nachmittag folgten die Vorträge von Dr. Janis Kreslins (Stockholm), der die Bedeutung der Reformation für die Entwicklung Estlands und Lettlands erläuterte, und von Silke Berndsen (Halle/Saale), die sich unter dem Titel „Das Zeitalter der Aufklärung: Stand oder Volk?“ mit der Situation der Landbevölkerung auseinandersetzte.

Schon am ersten Tag wurde deutlich, daß unter den Teilnehmern eine erfreulich lebhafte Diskussionsbereitschaft herrschte. Im Anschluß an die einzelnen Vorträge wurde, auch in den kommenden Tagen, gern und viel gefragt, kommentiert und ergänzt. Auf diese Weise wurden die vorgetragenen Entwicklungen und Aspekte aus verschiedenen Perspektiven aufgegriffen und beleuchtet.

Nach den Vorträgen hatte ich Gelegenheit, mit meinen Studierenden – es waren sechs Studierende von der Universität Lettlands in Riga eigens angereist – und der Gruppe aus Ventspils/Windau gemeinsam im informellen Kreis noch weiter zu diskutieren. So hatten die Studierenden der verschiedenen Hochschulen neben den informativen Vorträgen noch den Vorteil, einander kennenlernen zu können bzw. Bekanntschaften, die noch auf den letzten Germanistentag im Oktober zurückgingen, zu erneuern und zu vertiefen. Für die lettischen Studierenden, die meines Wissens ansonsten wenig vernetzt sind, haben solche Begegnungen einen hohen Wert.

Am zweiten Tag behandelten die estnischen Historiker Dr. Kersti Lust und Professor Dr. Tiit Rosenberg (beide Tartu/Dorpat) das 19. Jahrhundert. Wir hörten Vorträge zu Bauernbefreiung, nationalem Erwachen und nationaler Revolution 1905. In Abwesenheit von Professor Dr. Michael Garleff (Oldenburg) stellte dann Kathrin Lehtma den gemeinsam erarbeiteten Vortrag zur Entstehung der baltischen Staaten und den Deutschen im Ersten Weltkrieg (1917–1918) als Freunde oder Feinde der Republik vor.

Am dritten Morgen hörten wir Professor Dr. Helena Simkuva (Riga) über die deutsche Minderheit in Estland und Lettland 1920–1939/41 („Loyale Staatsbürger oder ‚Fünfte Kolonne‘?“). Detlef Henning (Gütersloh) sprach abschließend zur zweifachen Besatzungszeit in Lettland 1939–1945. Hier entspann sich zum Ende hin und vor dem Hintergrund dieses heiklen Themas nochmals eine besonders intensive Debatte, an der sich fast alle Anwesenden beteiligten.

Als besonders wertvoll habe ich neben den sehr informativen Vorträgen den engen Kontakt zwischen Referenten und Zuhörern aller Altersstufen wahrgenommen. In allen Kaffee- und Mittagspausen und selbst an den Abenden wurde rege diskutiert, Erfahrungen und Standpunkte wurden offen ausgetauscht. Die Studierenden wurden in ihren Meinungen und mit ihren Nachfragen ernst genommen. Auch das sehr interessierte Publikum wurde voll eingebunden. Ich hoffe, daß sich diese jährliche Tagung noch lange als Tradition erhalten wird, damit möglichst viele baltische Studierende und interessierte deutsche und baltische Teilnehmer von solchen Vorträgen und Diskussionen profitieren können.

Sandra J. Langer (KK)

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