Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1334.

Banat à la française

Die „Zivilisationistin“ Gwénola Sebaux ergründet schwäbische Identität aus französischer Sicht

Von Siebenbürgen höre man manchmal in Frankreich, sagt Gwénola Sebaux. Vom Banat hingegen habe keiner eine Ahnung. Das will die Hochschullehrerin an der privaten Université Catholique de l’Ouest im nordwestfranzösischen Angers ändern. Sie widmet ihre Habilitationsschrift einem kultursoziologischen Vergleich zwischen den im rumänischen Banat verbliebenen Deutschen und ihren in die Bundesrepublik gezogenen Landsleute. „Ziel ist, dem französischen Publikum eine Region Südosteuropas am Beispiel der Banater Deutschen vorzustellen“, sagte Sebaux in einem Vortrag über „Identitätsfragen der Banater Schwaben im europäischen Kontext“ an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Dort war sie Gast des international besetzten DFG-Graduiertenkollegs 1412. Dieses untersucht seit 2006 mit Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und des Freistaates Thüringen „Kulturelle Orientierungen und gesellschaftliche Ordnungsstrukturen in Südosteuropa“.

In ihrer Arbeit will die 49-jährige Forscherin verbinden, „was war, was ist, was wird“. So untersucht sie die Entwicklung der Gruppenidentität der Banater Deutschen sowohl in der alten als auch in der neuen Heimat. Sie prüft „mit der vorurteilslosen Distanz einer Französin“, ob und inwiefern diese Identität den jeweiligen Assimilationsprozessen standhält, ob sich gar eine „grenzübergreifende Identität“ herausgebildet hat und wie weit die „mythische Dimension in der Eigen- und Fremdwahrnehmung“ reicht.

Der Forscherin geht es um das „Spannungsfeld zwischen Identitätsbewahrung und Identitätswandel“ einer Gemeinschaft, die sich bei näherer Betrachtung durch eine so große Vielfalt auszeichne, dass Gemeinschaftsgefühle erstaunlich seien. Auf die Banater Deutschen kam die Zivilisationistin – das interdisziplinäre Fach Zivilisation ist an ihrer Hochschule ein Zweig der Germanistik – im Zuge ihrer Analysen der bundesdeutschen Aussiedler/Spätaussiedler- Politik, die in ihre Dissertation Eingang gefunden hatten. Für ihre Habilitationsschrift studierte Sebaux nicht nur reichlich Literatur, die „Banater Post“ (als zeitweiliges Mitglied der Landsmannschaft der Banater Schwaben) oder die „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien“ (als Abonnentin). Im September 2010 hat sie sich zwei Wochen im Banat aufgehalten, in einem „faszinierenden Forschungsfeld im mittel- und osteuropäischen Kulturraum“, um Land und Leute kennenzulernen. Eine weitere Rumänienreise folgte im Mai 2011. Ebenso sucht sie das Gespräch mit Banater Schwaben und Berglanddeutschen in der Bundesrepublik.

Zwar beschränkt sie ihre Studie aus methodischen Gründen auf Entwicklungen der „zwei Jahrzehnte nach der sogenannten Revolution“. Diese sollen allerdings vor einem weit größeren Hintergrund dargestellt werden. „Weil die heutigen Identitätsbildungsprozesse ihren Ursprung zum einen in der Ansiedlung im 18. Jahrhundert haben“, so die Migrations-, Integrations- und Minderheitenforscherin. „Zum anderen in den Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges“ mit den Russland- und Baragan- Deportationen sowie der Aussiedlung, die im „Massenexodus“ Anfang der 1990-er gipfelte.

„Es ist schade, dass so viele Deutsche das Banat verlassen haben“, sagte Sebaux einerseits. Andererseits zollt sie den Auswanderern Respekt, denn „es gehört viel Mut dazu“. Für das Land, das sie aufgenommen hat, seien sie „eine Bereicherung“, ist sie überzeugt. Entsprechend groß sei der Verlust dort, wo diese Leute nicht gehalten werden konnten. Der rumänische Staat habe wahrscheinlich zu spät erkannt, was seine Deutschen wert seien. Respekt zollt Sebaux aber auch den im Banat verbliebenen Deutschen. Deren Pragmatismus und Realismus und Glaube an eine „Zukunft im dynamischen Rumänien“ habe sie genauso überrascht wie der Umstand, dass die rumänische Bevölkerung des Banats zur deutschen Kultur stehe, obwohl die meisten Deutschen fortgegangen seien. Die französische Forscherin ist „fasziniert“ davon, dass ein hauptsächlich rumänisches Publikum die Existenz banatdeutscher Institutionen wie des Staatstheaters oder der Lenauschule in Temeswar sichert.

BanatErst recht seit dem Aufenthalt im Banat spricht Sebaux konsequent über Banater Deutsche und nicht über Banater Schwaben. Letzterer Begriff sei schon zur Zeit seiner Entstehung während der Kolonisation unzutreffend gewesen. Das habe sie vor allem bei ihren Gesprächen mit Deutschen im Banater Bergland gemerkt. Der Massenexodus nach Ceausescus Sturz, so Sebaux, habe die Identitätsfindung der in der Heimat verbliebenen Landsleute erst recht gefördert, wobei sich ein Wandel von der „geschlossenen Gesellschaft“ zum „Miteinander“ vollziehe, was sich in der Multikulturalität vieler Familien widerspiegle. Diese hätten in der Minderheitenorganisation Demokratisches Forum der Deutschen in Rumänien eine identitätsstiftende Instanz gefunden.

Bei ihrer Feldforschung hat sich für Sebaux auch die Gelegenheit ergeben, die „halb scherzhafte, halb ernsthafte Rivalität“ zwischen Banater Deutschen und Siebenbürger Sachsen in Rumänien zu dokumentieren. Dieser Kulturkampf hat mit dem Literaturnobelpreis für Herta Müller scheinbar frisches Pulver bekommen, gibt eine Anekdote zu verstehen, die die Französin im Banat erzählt bekam und wegen des besonderen Reizes in Jena zum Besten gab. Demnach sollen siebenbürgische Lehrer in Temeswar beim ersten landesweiten Deutsch-Aufsatzwettbewerb nach Müllers Triumph versucht haben, den bekanntesten rumäniendeutschen Literaturexport als Thema zu verhindern, und zwar mit Argumenten wie: „Was hat die schon gemacht?“

Ob und wann die Ergebnisse von Sebaux’ Forschungen als Buch veröffentlicht werden, ist offen. In Deutschland lebende Banater Deutsche, die bereit wären, sich von ihr zum Thema ihrer Arbeit befragen zu lassen, können mit ihr unter folgenden Adressen in Kontakt treten: Gwénola Sebaux, Maître de Conférences, Université Catholique de l‘Ouest Angers, 3 Place André Leroy, F-49100 Angers, oder gwenola. sebaux@wanadoo.fr.

Marius Koity (KK)

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